Haut und Psyche, Neurodermitis und Schuppenflechte: „Ich fühle mich so aufgekratzt!“

Es sticht, juckt, tut weh – die Kleidung schmerzt auf der Haut, es nässst. Es ist kaum möglich, sich in seiner Haut wohlzufühlen, wenn sie so entzündet ist. Der ganze Körper fühlt sich schlecht an. Besonders nach dem Aufwachen oder vor dem Zubettgehen wird der Juckreiz oft stark.

Vielleicht hast du es schon mit Meditation probiert. Aber der Juckreiz dich so rasend, dass Meditation genau so wenig möglich ist wie das Einschlafen. Deine trockene, nässende, schmerzende, rote Haut quält dich. Veruche, dich in Ruhe zu lassen und quäle dich nicht mit den Gedanken darum, was du vielleicht falsch machst.

Manchmal, wenn du dich dann endlich doch kratzt, hat es für einen Moment lang etwas Befreiendes. Vielleicht merkst du sogar manchmal, dass das Jucken und Kratzen etwas Erregendes hat. Doch statt eines „Orgasmus“ kommt nach einer kurzen Ruhepause der Schmerz.

Wenn du schläfst, hast du endlich Ruhe vor dem Juckreiz. Das Wichtigste in der Behandlung von Hautkrankheiten ist meiner Ansicht nach das „Runterkommen“ – den Geist zu beruhigen durch tägliches Üben tut der Haut gut, doch du brauchst eine lange, lange Zeit.

Ganzheitliches Yoga, also einschliesslich Ernährungsmedizin und Atemübungen (Pranayama) ist oft hilfreich bei Hautproblemen – ebenso wie Tai Chi oder Qi Gong. Beobachte die Orte, an denen sich deine Hautprobleme im Laufe des Lebens zeigen. Nicht selten wandert das Ekzem von den Ellbeugen im Kindesalter zu den Händen im Erwachsenenalter. Warum sich die Neurodermitis-Stellen genau dort befinden, wo sie sich befinden, ist noch nicht genau erforscht. Interessant wäre zu schauen, auf welchen Meridianen oder Akupunkturpunkten die Läsionen liegen.

Cremes sind hauptsächlich wasserhaltig, Salben größtenteils fetthaltig. In der akuten, nässenden Phase der Neurodermitis sind Cremes meistens besser als Salben. Die oft gut wirksamen Harnstoffpräparate (Urea) sollten nicht bei nässenden Ekzemen angewendet werden.

Die meisten Rezeptoren in der Haut sind Schmerzrezeptoren.

T-Suppressorzellen sorgen normalerweise dafür, dass überschießende Entzündungsreaktionen gestoppt werden. Sind diese Zellen nicht aktiv, können Entzündungen ihren freien Lauf nehmen. Sobald sich Antigene und Ig-E-Antikörper als Komplex mit den Mastzellen verbinden, schütten die Mastzellen den Stoff Histamin aus. Er führt zu Juckreiz. Manchmal besteht auch ein Mastzellaktivierungssyndrom (MAS, Wikipedia).

Bei der Ernährung kannst du häufig selbst den Zusammenhang zwischen bestimmten Lebensmitteln und einer Hautverschlechterung zurückverfolgen. Eine ständige Nahrungsmittelkontrolle kann die seelische Anspannung jedoch verstärken, was sich wiederum negativ auf die Haut auswirkt. Jeden Tag wird etwas anderes für dich richtig sein – mal Strenge, mal mehr Lockerlassen.

Das einzig wissenschaftlich fundierte Verfahren, eine Nahrungsmittelallergie nachzuweisen, ist die Nahrungsmittelprovokationstestung nach einer Auslassdiät. Nach einigen Tagen Kartoffel-Reis- oder Reis-Broccoli-Diät werden im Abstand von zwei Tagen Nahrungsmittel in Kapselform zugeführt. Kommt es zu einer Hautreaktion, wird ein Plazebo, also eine nahrungsmittelfreie Kapsel, gegeben. Verschwindet die Hautreaktion unter Plazebogabe, wirkt das Nahrungsmittel tatsächlich hautverschlechternd und sollte gemieden werden. Diese Suchdiät wird am besten in einer darauf spezialisierten Klinik durchgeführt. Adressen gibt es beim Deutschen Allergie- und Asthmabund.

Hautprobleme ziehen oft psychische Probleme nach sich. Neben Jucken, Schmerzen und Schlaflosigkeit, ist die ständige Auseinandersetzung mit dem unschönen Hautbild belastend. Beziehungsschwierigkeiten, neue Lebensumstände, chronische Wut und Trennungsängste können eine Neurodermitis verschlimmern.

„Nie wieder will ich kratzen“, denkst du – so weh tut das. Doch es ist schwer. „Wenn die Urtikaria beginnt, ist es, als kämen von innen 1000 Nadelstiche überall“, sagt eine Freundin.

Oft greifen wir dann doch zur Cortisoncreme, den Hormonpräparaten in den Wechseljahren, den Antihistaminikum-Tabletten, Antidepressiva und Immunsuppressoren. Was wir nicht wollten, probieren wir dann doch. Wir spüren, dass diese Mittel uns „herunterfahren“ und erleichtern, uns auf Dauer aber vielleicht auch nicht gut tut. Wir überlegen: Was geht denn noch? Der Juckreiz, der verwandt ist mit dem Schmerz, macht, was er will. Beobachte dich und stelle Korrelationen fest. Wenn du zu müde bist, kann sich dein Juckreiz verstärken, daher bleibe abends nicht zu lange auf.

Schuppenflechte – was sagen Studien?

Zur Schuppenflechte (Psoriasis) gibt es viele Studien und Empfehlungen. Hier habe ich einmal einige Studien herausgesucht, um eine grobe Orientierung zu geben. Die Qualität der Studien hier kann und möchte ich nicht beurteilen – der Beitrag soll nur Anhaltspunkte und Ideen liefern. Die Studienergebnisse sind oft widersprüchlich: Während eine Studie sagt, Tomaten seien bei Psoriasis gut, widerspricht die andere Studie. Es bleibt weiterhin: Ausprobieren.

  • Ein geringes Körpergewicht, ist günstig. Der Verzehr von Karotten, Tomaten und frischen Früchten ebenfalls. (Naldi L. et al. 1996)
  • T-Zellen wandern in die Haut und bewirken, dass TNF-alpha (Tumornekrosefaktor alpha) freigesetzt wird, was die Proliferation der Haut, also die rasche Vermehrung der Hautzellen, fördert. Auslöser der Psoriasis, deren Neigung vererbt wird, können unter anderem emotionaler Stress und Darmstörungen sein. Als Nahrungsmittel, welche die Psoriasis verschlimmern, gelten Tomaten, Alkohol und Vitamin C. Gut sind grüne, blättrige Gemüse, Fischöl und Vitamin D. (Kuchekar et al., 2011, PDF)
  • Hilfreich bei Psoriasis sind Fasten und vegetarische Ernährung. (Wolters, 2005)

Das Haut-Ich von Didier Anzieu

Das Buch „Le Moi-peau“, „Das Haut-Ich“, erschien erstmals 1985. Der französische Psychoanalytiker Didier Anzieu stellt hier die Frage: Welche Bedeutung hat die Haut für die psychische Entwicklung? Die Haut ist die Hülle, die unseren Körper zusammenhält. So, wie die Mutter das Kind in ihren Armen halte und somit seine Körperteile halte, so halte auch die Haut den Körper zusammen – je nachdem, wie ein Kind gehalten und berührt wurde, so werden nach Anzieu auch die psychischen Anteile quasi von einer Hülle mehr oder weniger gut zusammengehalten.

„So wie die Haut eine Stützfunktion für das Skelett und die Muskulatur hat, dient das Haut-Ich dem Zusammenhalt [fonction de maintenance] der Psyche.“ Das Haut-Ich, suhrkamp, 6. Auflage 2016: S. 131.

Das Baby in den Armen der Mutter fühle sich zunächst so, als gäbe es nur eine Haut, die beide umhüllte. Spätere Trennungserfahrungen gingen manchmal mit mehr oder weniger bewussten Phantasien der Häutung oder des „Haut-Abziehens“ einher. Didier Anzieu nennt viele beeindruckende Beispiele aus der Kunst, in der dieses Bild des „Haut-Abziehens“ wieder auftaucht.

„Die nächste Stufe (Anmerkung: der Trennung von der Mutter) setzt das schrittweise Aufgeben dieser gemeinsamen Haut und die Anerkennung einer eigenen Haut und eines eigenen Ichs für jeden voraus, was nicht ohne Widerstand und Schmerzen vonstatten geht. Dabei werden die Phantasien der abgezogenen, der geraubten, der geschlagenen oder tödlichen Haut wirksam.“ (S. 89) (Anmerkung: So wurde zum Beispiel dem Heiligen Bartholomäus die Haut abgezogen, siehe Wikipedia.)

Worte umhüllen uns

Anzieu beschreibt auch, wie verstehende, tröstende Worte wie eine zweite Haut empfunden werden können, die sich sanft über den eigenen Körper legt. Musik werde manchmal wie eine „akustische Hülle“ (S. 69) empfunden und Patienten in der Psychoanalyse fühlen sich manchmal so, als ob ein schützender Umhang um sie gelegt würde oder ob eine schützende Haut entstünde.

Anzieu erklärt auch, wie sich in diesem Zusammenhang so mancher „Fell-Fetisch“ oder „Leder-Fetisch“ in der Sexualität verstehen lässt (S. 66).

Berührungen können uns nervös machen oder uns beruhigen – je nachdem, in welcher Beziehung wir zum anderen stehen, wir wir uns insgesamt gerade fühlen oder welche frühen Erfahrungen wir mit Berührung gemacht haben. Die Berührung der Mutter wirkt, wenn alles gut ist, beruhigend. Beantwortet die Mutter die Äußerungen des Kindes dauerhaft mit nicht gut abgestimmten Berührungen, können Irritationen und psychische Störungen beim Kind entstehen. So versteht Didier Anzieu unter anderem auch den Juckreiz als einen Ruf nach Verständnis: „Juckreiz ist auch Ausdruck des unbändigen Verlangens, vom geliebten Objekt verstanden zu werden.“ S. 52, Suhrkamp-Verlag, 6. Auflage 2016

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Yoga Shakti
One Mudra for all Skin problems
Varun Mudra – Gesture of Water
www.youtube.com/…

Jorge Ulnik:
Skin in Psychoanalysis
Karnac Books 2007 „The hospital is a place where both tragedies and miracles occur, where many people go to heal but many others go in search for punishment.Jorge Ulnik, Sigourney-Award Winner 2021: „Wenn wir uns gegenseitig nicht berühren können, dann ‚ersetzt‘ der Blick die Berührung. So bekommt der Blick jedoch zu viel Gewicht. … Ich sage den Hautpatienten oft: ‚Zeige mir nicht Deine Haut, sondern erzähle zuerst davon.'“

Erika von Mutius (2002)
Risk Factors for Atopic Dermatitis
In: Atopic Dermatitis. Edited By Thomas Bieber and Donald Y. M. Leung
doi.org/10.3109/9780203908877
www.taylorfrancis.com/…

Standl M et al. (2015):
Multi-ethnic genome-wide association study of 21,000 cases and 95,000 controls identifies 10 novel risk loci for atopicdermatitis.
Nature Genetics 2015, DOI:10.1038/ng.3424.
dash.harvard.edu/entities/publication…

Acarophilie: Sexuelle Lust durch Kratzen
www.freakypedia.com/term/acarophilia/

Debby Herbenick et al. (2018):
Orgasm Range and Variability in Humans: A Content Analysis
International Journal of Sexual Health, Volume 30, 2018 – Issue 2
doi.org/10.1080/19317611.2018.1491920
www.tandfonline.com/doi/…..920

Psychosexual Stimulation: Sex Differences
Volkmar Sigusch, Gunter Schmidt, Antje Reinfeld, Ingeborg Wiedemann-Sutor
The Journal of Sex Research 1970: 6 (1): 10-24
www.tandfonline.com/…

„Ohne Perversion wäre die Liebe Ödnis“
Von Klaus Podak. Süddeutsche Zeitung, 19.5.2010
www.sueddeutsche.de/kultur….

Uwe Gieler, Tanja Gieler et al. (2020):
Haut und Psychosomatik – Psychodermatologie heute
Journal of the German Socity of Dermatology, online 30.11.2020
doi.org/10.1111/ddg.14328_g
onlinelibrary.wiley.com/doi/…

Freud-Museum London:
Translating Anzieu – Naomi Segal
www.freud.org.uk/2016…

Beitrag vom 13.2.2026 (begonnen am 13.1.2006)

4 thoughts on “Haut und Psyche, Neurodermitis und Schuppenflechte: „Ich fühle mich so aufgekratzt!“

  1. modean sagt:

    Hallo Frau Voos,

    aus eigener Erfahrung weiss ich, dass das atopische Ekzem und dessen Behandlung ein sehr komplexes Feld ist und man. sich mit diesem entsprechend differenziert auseinander setzen muss.

    Die Tacrolimus Präparate (z.B.) liegen beispielsweise in aller Regel als fettige Salben vor. Das führt dazu, dass man nach der Anwendung glänzt wie eine Speckschwarte. Ergo ist die Anwendung nur am Abend sinnvoll. Vor allem wenn man das Ekzem am ganzen Körper, respektive im Gesicht hat.

    Sprich der Wirkstoff kommt nicht alleine als solcher daher, sondern die Darreichungsform hat mitunter massive kosmetische Nachteile.

    Gleichzeitig ist laut meinem letzten Kenntnisstand die Langzeitwirkung einer topische Anwendung eines Imnunsupresivas immer noch nicht ausreichend beforscht. Bei Menschen die ein Organtransplantat erhalten haben, ist die innerliche Langzeiteinahme des gleichen Wirkstoffes meines Wissens aus gutem Grund zeitlich beschränkt oder muss zumindest engmaschig kontrolliert werden.

    Ich habe damals letztlich entnervt die diversen Tacrolimus abgesetzt und bin nach ärztlicher Rücksprache wieder auf Kortisonpräperate gewechselt. Auch da Tacrolimus Präparate ebenso Nebenwirkungen haben.

    Das Ekzem kam bei mir schliesslich nahezu, bis auf sehr wenige zeitlich & lokal begrenzte Erscheinungen im Jahr, zum Erliegen. Dies lange nachdem ich sämtliche Punkte, die oben abgehandelt werden (z.B. Nahrungsmittelallergie), erfolglos abgearbeitet habe.

    Der Zeitpunkt als ich ekzemfrei wurde korreliert mit einer Veränderung in meinem persönlichen Umfeld. Meine Eltern haben mit mir nämlich ob eines Umzuges nicht mehr im selben Haus gewohnt und siehe da zwei Jahre später konnte ich jegliche Salben absetzen.

    Man kann nun lange darüber diskutieren was kausal-ursaechlich ist und was nur korreliert aber offensichtlich sind manche Dinge im Leben eben zum aus der Haut fahren und da man dies nicht sprichwörtlich kann, es sei den man zieht sich die Haut ab, wird die Haut eben durch ein Ekzem etc. pp in Mitleidenschaft gezogen.

    Gleichzeitig stellt natürlich meine persönlich Erfahrung nicht die anderen Ursachen, wie oben beschrieben in Frage. Meine Erfahrung zeigt denke ich lediglich, dass das atopische Ekzem ein sehr komplexes, oft nicht verstandenes Feld ist.

    Viele Grüsse
    modean

  2. Fips sagt:

    Regelmäßige Luftveränderung hilft auch sehr. Reizklima. Nordsee/Ostsee. Wer an der Küste lebt, nimmt den Gegensatz Berge, je höher der Ort liegt, umso besser.

  3. Claudia Soll sagt:

    Ich war schon immer eine besorgte Mutter, sobald es meinen Kindern etwas schlechter ging, war ich sofort da. Dementsprechend schockiert war ich als bei meinem jüngsten Sohn eine Hausstauballergie festgestellt wurde. Sofort habe ich im Internet nach Tipps und Ratschlägen gesucht und bin dabei auf dem Blog http://hausstaub-milben-allergie.de/ gestoßen. Die Geschichte von der Mutter ging mir sichtlich an die Nieren. Die Mutter hat da das Mittel Milbiol empfohlen. In der Apotheke habe ich dieses Mittel zwar nicht gefunden, aber den Nachfolger Milbopax. Ich habe dies natürlich sofort gekauft und zuhause das Bett eingesprüht. Unser Sohn konnte seit langem mal wieder ordentlich durchschlafen – genauso wie ich.

  4. Geli sagt:

    Hallo zusammen,

    danke für den tollen Beitrag! Vor allem gefällt mir, dass ihr auch auf die Psyche eingegangen seid – die spielt nämlich eine wichtige wichtige Rolle! Wer mehr Infos braucht zu ND-betroffenen Babys, hab hier welche gefunden: Neurodermitis beim Baby. Drück euch allen die Daumen!! Probiert verschiedene Sachen aus bei jedem hilft was anderes!

    Lass euch liebe Grüße da,

    Geli

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