Weisheitszähne nicht so einfach ziehen lassen

Initiationsrituale kommen in der ganzen Welt vor. Sie sind dazu da, den Heranwachsenden in die Gemeinschaft aufzunehmen und ihm zu sagen: „Jetzt bist Du so weit, Du gehörst jetzt dazu.“ In vielen Urvölkern gibt es gefährliche oder gar brutale Rituale. Hierzulande sind die Initiationsrituale vielleicht nur mäßig gewaltsam, aber immerhin auch schmerzhaft. Das Kind wird ins Jugendalter geführt, indem ihm eine Zahnklammer verpasst wird – auch, wenn der Außenstehende kaum „schiefe Zähne“ feststellen kann. Tinnitus, Kopfschmerzen, Nackenverspannungen, Karies unter der Spange und andere Folgen werden inkauf genommen.

Um die Zeit des Führerscheins herum unterziehen sich sehr viele junge Menschen einer besonderen Prozedur: Sie bekommen die Weisheitszähne gezogen. Der Kiefer sei zu eng, die Weisheitszähne lägen schief, teils unter den Backenzähnen und könnten später Probleme machen, so die Erklärung.

Die meisten Menschen glauben das und lassen sich häufig nur aufgrund des Röntgenbefundes operieren, auch, wenn sie keine Probleme haben. Narkoserisiko, Schmerzen, mögliche Wundheilungsstörungen oder dauerhafte Verletzungen von Nerven – alles kein Problem?

Die meisten Schwierigkeiten entstehen nicht durch den Weisheitszahn, der drin gelassen wird, sondern duch Weisheitszähne, die zu früh und unnötig gezogen werden. So zusammengefasst sagt es der kalifornische Zahnarzt Jay W. Friedman, blog.dentistthemenace.com/… in seinem Beitrag „The Prophylactic Extraction of Third Molars: A Public Health Hazard“, ajph.aphapublications.org/… (2007).

Er ist der Meinung, es gebe keine medizinische Notwendigkeit, um diese hohe Anzahl chirurgischer Eingriffe zu rechtfertigen. Die meisten Weisheitszähne, die vorher als „eingeschlossen“ klassifiziert wurden, entwickelten sich ganz normal, wobei der Betroffene in etwa die Beschwerden erlebe, die er auch erlebte, als er die ersten oder zweiten Zähne bekam, so Jay Friedman.

„There is no evidence of widespread third-molar infection and pathology or of medical necessity to justify so much surgery. In fact, 50% of upper third molars classified as impactions are normally developing teeth, most of which will erupt with minimal discomfort if not extracted prematurely.“  Jay Friedman, 2007

Glaube nicht blind, was der Zahnarzt oder Kieferorthopäde dir sagt. Mache dir deinen eigenen Kopf und frage verschiedene Zahnärzte. So kannst du dir selbst bzw. deinem Kind viel unnötiges Leid ersparen. Und die Umwelt wird auch noch geschont. Und nicht zuletzt: Manchmal müssen später im Leben vielleicht Backenzähne gezogen werden – da ist man froh, wenn man noch Weisheitszähne hat.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Jay W. Friedman (2007)
The Prophylactic Extraction of Third Molars: A Public Health Hazard
American Journal of Public Health, September 2007
ajph.aphapublications.org/doi/full/10.2105/AJPH.2006.100271

Theodorus (Dirk) G Mettes et al. (2012)
Surgical removal versus retention for the management of asymptomatic impacted wisdom teeth.
Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, NO: 6, John Wiley & Sons, SN: 1465-1858
doi.org/10.1002/14651858.CD003879.pub3
www.cochranelibrary.com/… „Nevertheless, in most developed countries prophylactic removal of trouble-free wisdom teeth, either impacted or fully erupted, has long been considered as ‚appropriate care‘ and is a very common procedure. There is a need to determine whether there is evidence to support this practice. … Watchful monitoring of asymptomatic third molar teeth may be a more prudent strategy.“

Beitrag vom 2.2.2026 (begonnen am 28.9.2019)

One thought on “Weisheitszähne nicht so einfach ziehen lassen

  1. Maiken Liefeith sagt:

    Stimme dem voll zu.

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