Herz und Trauma: Panikattacken können nach den Wechseljahren aufs Herz gehen

„Hridaya Mudra“ ist nach indischer Tradition eine Haltung der Hände, die bei Herzbeschwerden helfen soll (Bill Harvey, Youtube, Minute 15:00). Vielleicht leidest du immer wieder an Herzbeschwerden, doch die Ärzte können nichts Ernsthaftes finden. In der Anspannung deiner Lebenssituation spürst du dein Herz. Vielleicht zeigen sich Anzeichen einer Herzerkrankung und nun hast du grosse Angst davor, was werden wird.

Früher sprachen Psychoanalytiker rasch von „Herzneurose“, wenn Herzrasen und die Angst ums Herz aufkamen. Psychische Regungen wie Konkurrenzdenken und Eifersucht wurden zur Erklärung herangezogen. Ich denke, dass heute eher auch frühe psychische Traumata berücksichtigt werden, die tatsächlich zu Herzproblemen führen können. Diese Sichtweise wird vielen Betroffenen meiner Meinung nach deutlich gerechter.

Psychologen teilen Herzneurotiker ein in A- und B-Typen. Als A-Typ bist du eher passiv-depressiv. Als B-Typ willst du vorbeugen und trainierst hart, sodass du vielleicht braungebrannt, schlank bist und sehr fit aussiehst.

Herzdiagnosen wie Vorhofflimmern, Rhythmusstörung, Herzklappeninsuffizienz, Koronarstenosen oder auch Posturales Tachykardiesyndrom (PoTS) führen oft zu starken Ängsten. „Jetzt hat’s mich aber wirklich erwischt!“, denkst du dir beim nächsten Gefühl von Herzrasen oder Panik. Auch die Sorge, das Herz könnte einfach stehenbleiben, kann dazugehören.

Wenn sich in der Echokardiographie Zufallsbefunde ergeben wie z.B. ein leichter Mitralklappenprolaps (MKP), dann kann das eine Mit-Ursache für deine Angst ums Herz sein, weil du dein Herz vielleicht eher „spürst“. Raymond Crowe et al. fanden 1980 einen Zusammenhang zwischen der Panikstörung und einem Mitralklappenprolaps (jamanetwork.com …).

Ich denke, dass sich das Herz und die Angst gar nicht trennen lassen – Unregelmässigkeiten am Herzen können zur Angst führen und Angst belastet das Herz. Während sogenannte Herzphobiker unter panikartigen Anfällen leiden, sorgen sich Herzhypochonder ständig um ihr Herz. Herztod-Phobiker sind sich gewiss, irgendwann am Herztod zu sterben. Die Symptome quälen sehr und die Beruhigung durch den Arzt hält nur wenige Stunden an.

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Panikattacken können bei älteren Frauen das Herzinfarktrisiko erhöhen

„Das ist nur eine Panikattacke – daran sterben Sie nicht“, sagt der Arzt lapidar. Doch wieso fühlt es sich nicht so an? Wer als 20-Jähriger eine Panikattacke erleidet, der stirbt mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht daran. Doch wer ein psychisches Leiden hat, das immer wieder von Panikattacken und Spannungszuständen geprägt ist, der ist in der Tat gesundheitlich schwer belastet. Panikattacken und Herzinfarkte lassen sich gerade bei Frauen häufig kaum voneinander unterscheiden. Mehrere Studien weisen darauf hin, dass Panikattacken auf Dauer eben doch zu schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen führen können.

Durch großen Kummer, Gefühle der Einsamkeit, innere Qualen und häufige Anspannung kann das Herz geschädigt werden. Vielen Angstpatienten ist dieser Zusammenhang bewusst und schwer traumatisierte Menschen spüren vielleicht schon früh, wie ihr psychisches Leiden ihr Herz belastet.

Was hilft?

Das Erlernen von Bewegungsmeditationen wie TaiChi-QiGong kann helfen, Angstattacken und Spannungszustände zu reduzieren. Immer wieder hilft es, sich innerlich selbst in den Arm zu nehmen und sich zu trösten: Ja, die Folgen eines Traumas und ständig wiederkehrende Spannungszustände können das Herz belasten und mit der Zeit zu objektiven Schäden führen. Manchmal kommt es dann auch zu einem Hass auf die Welt und zu einem Neid auf die Menschen um einen herum, denen es augenscheinlich besser geht.

Es ist wichtig, die Trauer zu spüren, die mit diesen Lebensumständen zusammenhängt. Ein tiefes Verständnis für sich selbst und die ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema können schrittweise zu innerem Frieden führen – und dann auch wieder weg davon.

Herzratenvariabilität: Bei Depressionen schlägt das Herz anders

Herzschlag und Emotionen gehen Hand in Hand. Variationen in der Herzfrequenz sind normal und gesund. Ein Zeichen von geschwächter Gesundheit ist es, wenn die Herzrhythmusvariabilität (HRV = Herzfrequenzvariabilität, HFV) kleiner wird – das Herz wird also weniger flexibel. Normalerweise schlägt unser Herz beim Einatmen etwas schneller und beim Ausatmen etwas langsamer. Das kommt besonders stark bei Jugendlichen vor und wird als „respiratorische Sinusarrhythmie“ bezeichnet – es ist etwas völlig Normales. Bei einer Depression ist die Herzrhythmusvariabilität verringert – das konnten die Forscher Andrea Chambers and John Allen in einer Studie, cambridge.org herausfinden (Vagal tone as an indicator of treatment response in major depression, Cambridge University Press, 2003). Gleichzeitig ist die Herzfrequenz insgesamt erhöht (Siepmann et al. 2008, link.springer.com).

Biofeedback kann helfen: Indem Du mithilfe eines Pulsoxymeters siehst, wie schnell Dein Herz schlägt, kannst Du durch mentales Training in Deinen Herzschlag beeinflussen – zwar vielleicht nur ein wenig, aber immerhin etwas.

Die Depression drückt irgendwie aufs Herz. Geht die Depression zurück, kann sich auch die Herzratenvariabilität wieder verbessern. Doch Depressionen können Teil eines ganzen Lebens sein. Ich finde es wichtig, sich mit den Themen Sterben und Tod auseinanderzusetzen, denn das hilft beim Leben und beim Kranksein. So ist man den ärztlichen Ritualen nicht so ausgeliefert und kann mehr mitbestimmen, was mit einem geschieht. Das Mitgefühl mit sich selbst führt auch zu mehr Verstehen bei anderen – Verbundenheitsgefühle können viele Lebensschmerzen lindern.

„Haben Sie Stress?“

„Stress“ bedeutet im Fall der Frühtraumatisierrung auch ein wiederholtes Auftreten von angespannten Zuständen, die sich kaum in Worte fassen lassen. Besonders belastend ist der „Duldungsstress“, also das Leben in schwierigen Situationen, die sich über mehrere Jahre hinziehen und sich nur schwer verändern lassen. Nur durch viel Disziplin, durch fast tägliches Yoga, durch eine Psychoanalyse oder Zen-Meditation lassen sich Körper und Psyche beruhigen.

Das vegetative Nervensystem lässt sich nur durch viel Üben beeinflussen. Wichtig ist es, das eigene Leiden anzunehmen. Wir können über unsere Lebensnöte und Lebensthemen meditieren und uns immer wieder neu damit auseinandersetzen.

Wer sich das Stressgeschehen auf Molekül-Ebene anschauen möchte, kann durch einige Studien stöbern, die versuchen, die Folgen des frühen Traumas irgendwie dingfest zu machen. Neben der Feststellung, dass die „Schutzkappen der Chromosomen“ (Telomere) bei Traumatisierten oft verkürzt sind und somit auch die Lebenserwartung verkürzen (Spiegel.de), gibt es auch Theorien rund um das Vasopressin.

Jedoch sollte man sich hier nicht verrückt machen: Andere Medizinrichtungen wie z.B. die Traditionell Chinesische Medizin, Ayurveda oder die Yoga-Medizin sehen die Veränderungen durch frühe Traumata weniger schicksalhaft an. Früher glaubte man, dass sich Nervenzellen und -bahnen kaum verändern könnten, doch heute weiß man von der Plastizität des Gehirns und Nervensystems. Solch eine Plastizität ist auch für andere Körpersysteme anzunehmen.

Man kann trotz allem – auch noch später im Leben – mit guten Maßnahmen anfangen, um die Folgen der schlechten Voraussetzungen zu Beginn des Lebens in etwas Sinnvolles zu transformieren.

Für Molekularbiologie-Liebhaber:

Bei Frühtraumatisierten ist die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophsen-Nebennieren-Achse) empfindlicher, das heißt, die Betroffenen produzieren bei Stress rascher höhere Mengen des Stresshormons Cortisol. Auch die Konzentration von Vasopressin (Antidiuretisches Hormon, ADH) kann erhöht sein.

Wenn wir uns ein Vasopressin-Gen anschauen, dann lässt sich beobachten, wie das Gen gehemmt werden kann durch das Andocken von Methylgruppen. Es wird dann weniger Vasopressin gebildet. Bei traumatisierten Mäusen wird die Vasopressin-Produktion kaum gehemmt, sodass sie mehr Vasopressin bilden. (Max-Planck-Gesellschaft: „Gene lernen aus Stress“)

Eine Methylgruppe ist ein Kohlenstoffatom mit drei Wasserstoffatomen (-CH3). Wenn ich nun einen Abschnitt einer Genkette (DNA, Desoxyribonukleinsäure) habe, dann können sich dort Methylgruppen (über das Methylgruppenbindende-Protein-2, MeCP2) anheften.

Je nachdem, wie viele Methylgruppen sich an bestimmte Gene heften, werden diese Gene mehr oder weniger häufig abgelesen. Wann immer Gene (von sogenannten RNA-Polymerasen) abgelesen werden, entstehen in der Folge Aminosäuren, aus denen Eiweiße gebildet werden. So kann z.B. in einer Gehirnzelle das Eiweißmolekül Vasopressin (Antidiuretisches Hormon, ADH, Arginin-Vasopressin, AVP) hergestellt werden.

Vasopressin hemmt die Wasserausscheidung und verengt gleichzeitig die Gefäße. Vasopressin kann auch Durst auslösen.

„Die Vorläufermoleküle von Vasopressin werden im Hypothalamus gebildet“ (Pharmazeutische Zeitung, 5/2011). Sie wandern dann in den Hypophysenhinterlappen (Neurohypophyse). Diese Moleküle werden dann gespalten in Vasopressin und Oxytozin – interessanterweise ist Oxytozin das Bindungshormon, also das Hormon, das Mutter und Kind oder Verliebte besonders stark miteinander verbunden fühlen lässt. Vasopressin hingegen sorgt für Stress. Es fördert die Ausschüttung von Corticotropin (ACTH) aus dem Vorderlappen der Hypophyse. Gleichzeitig sorgt es jedoch dafür, dass sich – im Experiment – Rattenmütter um ihren Nachwuchs kümmern.

Durch frühen Stress kann unser Nervensystem also auf „empfindlich“ eingestellt werden. An die frühkindlichen Situationen, die uns in die Hölle versetzten, können wir uns bewusst oft nicht erinnern – jedoch treten die körperlichen Spannungszustände immer wieder auf. Und sie belasten das Herz. Sich dessen bewusst zu werden, tut unglaublich weh. Es kann auch wütend machen. Doch es kann auch dazu führen, ein bewusst gesünderes Leben zu führen und sich selbst mehr zu behandeln wie eine „Wunde“, wie ein empfindliches System.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

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Beitrag vom 13.4.2026 (begonnen am 26.2.2012)

One thought on “Herz und Trauma: Panikattacken können nach den Wechseljahren aufs Herz gehen

  1. Jay sagt:

    Interessant, wie ich mich durch Lesen dieses Blogs in so ziemlich jeder beschriebenen, neurotischen Störung wiederfinde … Ich kann mich erinnern, wie ich früher, mitten in der Nacht, in die Notfallambulanz gefahren bin, weil ich schon seit Stunden ein merkwürdiges Ziehen im linken Arm und in der Brust verspürte. Die diensthabenden Ärzte nahmen mir genervt Blut ab und machten ein EKG, nur um mir anschließend noch genervter zu erklären, dass ich nichts am Herzen hätte und eventuell unter einer Muskelverspannung oder etwas ähnlichem leiden würde. Da war es bereits 3:30 Uhr morgens.

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