Remote Viewing und was die Psychoanalyse davon lernen kann
„No memory, no desire, no understanding“, sagte der Psychoanalytiker Wilfred Bion einst. Mit dieser Haltung solle der Psychoanalytiker in die Stunde gehen, um den Patienten wirklich zu verstehen. Und das ist gar nicht so einfach.
Unsere Wünsche, Befürchtungen und Theorien können uns während einer psychoanalytischen Sitzung innerlich in die Quere kommen und manchmal verhindern, dass wir den Patienten genauer verstehen. Andererseits ist das Nachdenken über den Patienten wichtig, wozu eben auch gehört, seine Erzählungen in Konzepte und Theorien einzubetten. Es ist vielleicht sinnvoll, die richtige Mischung zwischen absichtslosem Zuhören und reichhaltigem Nachdenken zu finden.
Ähnlich, wie wir in der psychoanalytischen Ausbildung Theorien erlernen, die uns helfen, den Patienten besser zu verstehen, so können wir auch Techniken erlernen, mit denen wir das bewusste Denken ein wenig ausschalten.
Manche Psychoanalytiker erleben nicht selten telepathische Szenen mit ihren Patienten. Manchmal träumen Patienten etwas Wahres von ihrem Analtytiker und manchmal haben Analytiker Träume von ihren Patienten, die Bruchstücke aus deren Realität widerspiegeln. Was hat man davon? Ich weiss es nicht. Ich finde es nur erstmal interessant.
Die Details sind wichtig
Wenn ein Patient einen „telepathischen Traum“ erzählt, bin ich manchmal überrascht, dass er vielleicht doch mehr mit mir verbunden ist, als ich dachte. Der Psychoanalytiker Wolfgang Leuschner hat am Sigmund-Freud-Institut Experimente zur „Gedankenübertragung“ gemacht, bei denen Studenten bestimmte Bilder „gedanklich“ an ihre Mitstudenten übertrugen.
Die Empfänger der Bilder sollten diese aufzeichnen. Es war erstaunlich, wie sehr die Bilder oft dem ähnelten, was die „Sender“ als Bilder gesehen hatten. Dabei sind – ähnlich wie im Traum – bestimmte Details sehr wichtig. Leuschner rät, dass man seine Träume nicht nur aufschreiben, sondern auch aufzeichnen solle. Es ist also eine Bewegung von der Sprache zurück zu den Bildern.
Witzig war, dass ein Student ein bestimmtes Bild bewusst unterdrücken wollte und es bewusst nicht an den empfangenden Studenten „senden“ wollte. Doch der „Empfänger“ malte eben genau die Details, die der Sender nicht senden wollte.
Was wir erfassen können
Nun sah ich auf Youtube einen Beitrag zum Remote Viewing, vereinfacht gesagt also zu der Fähigkeit, ein Objekt, einen Ort oder Menschen auf Distanz zu beschreiben, obwohl man diese Dinge noch nie gesehen hat.
Jana Rogge ist eine weltweit bekannte Wissenschaftlerin, die sich seit 2020 intensiv mit dem Remote Viewing auseinandersetzt. Bei ihr kann man diese Technik erlernen. Mit dem Podcaster Robert Fleischer spricht sie auf dem Exomagazin.tv darüber und erklärt, was Remote Viewing ist.
Auch beim Remote Viewing kann man die Dinge aufzeichnen, die innerlich als Eindruck vorbeihuschen. Sehr vereinfacht gesagt kann man zum Beispiel den Palmenstrand, an dem das Kind seinen Urlaub verbringt, zeichnen. Jana Rogge sagt, dass die Eindrücke vom „Target“ (also vom verdeckten „Ziel in der Ferne“) oft fragmentarisch sind, dass die Hand vielleicht wie von selbst etwas malt und dass Dinge umso besser erfasst werden können, je weniger man von dem „Ziel“ weiss.
Auch hier geht es darum, Wissen und Vorannahmen sowie Rückschlüsse beiseite zu legen und nur das zu zeichnen und zu beobachten, was einem „pur“ in den Sinn kommt. Sobald die Geschichte rund und kohärent wird, könne man davon ausgehen, dass etwas nicht stimmt, so Jana Rogge.
Und so ist es in der Psychoanalyse mit den Traumerzählungen auch: Wenn Patienten eine sinnvolle, zusammenhängende Geschichte erzählen, kann man davon ausgehen, dass sie viel „aufgefüllt“ haben. Manche Patienten erzählen gerade am Anfang einer Psychoanalyse recht sinnvolle Träume, weil sie befürchten, dass der Analytiker sie sonst für „verrückt“ halten könne.
Wer jedoch schon länger eine Psychoanalyse macht, der erzählt seine Träume oft genauer oder echter: Darin sind Sprünge und Szenenwechsel enthalten: „Plötzlich war ich ganz woanders“, „Plötzlich war da mein alter Lehrer.“
Wir können vielleicht mehr vom Unbewussten erfahren, wenn wir den Fragmenten und Eindrücken mehr Vertrauen schenken. Remote-Viewing-Techniken zu erlernen, heisst vielleicht, wieder genau dorthin zu gehen: zu dem Bruchstückhaften, aber eben oft auch Ernstzunehmenden.
Sich etwas zu entwöhnen von unserem interpretierenden Denken, kann vielleicht entlastend sein und führt vielleicht auch dazu, dass der Patient sich besser verstanden fühlt. Es führt vielleicht zu ähnlich mehr Gelassenheit wie eine Meditationstechnik.
Es tun sich vielleicht auch viele neue Fragen auf: War doch die Psychoanalyse bestrebt, alles in Worte zu kleiden und den Traum als etwas wirklich Inneres und auf den Patienten Begrenztes zu begreifen. Doch die alte Vorstellung von der Seele, die nachts im Traum auch wandern könnte, kann wieder mehr Raum gewinnen.
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Links:
Wolfgang Leuschner (2004):
Telepathie und das Unbewusste. Edition Discord, amazon
Beitrag vom 7.7.2026