Imagination: Nicht jeder kann sich einen sicheren Ort vorstellen. Warum Meditation bei frühen Traumata oft (zuerst) nicht gut tut

„Ich gehe mit Dir auf eine Reise zu Deinem inneren sicheren Ort“, sagt der Therapeut. Du sollst Dir einen Ort vorstellen, an dem Du Dich sicher und wohl fühlst. Doch wenn du z.B. komplex traumatisiert bist, dann kann das sehr schwierig werden.
„Mein Körper ist die Bedrohung – immer kann Krebs lauern. Und meine Psyche ist meine Bedrohung: Ich kann sehr böse Gedanken haben“, sagst du vielleicht. Und weil deine „innere Gefahr“ immer mit dabei ist, gibt es auch keinen sicheren Ort.
Wer schon früh und lang anhaltend traumatisiert wurde, der erlebt sich und andere häufig als Bedrohung Die Innenwelt, die du ja immer mit dir trägst, scheint in der Anspannung auch kein sicherer Ort zu sein. Vielleicht sagt der Therapeut noch: „Entspanne Dich und atme ruhig.“ Doch in Dir selbst tobt es vielleicht. Menschen, die eine ausreichend gute Baby- und Kinderzeit hatten, können mit der Übung „Sicherer Ort“ häufig mehr anfangen. Sie malen sich einen inneren Ort aus, den sie vielleicht aus der Kindheit kennen, von dem sie in einem Buch gelesen haben oder den sie sich vollkommen aus der Phantasie zusammenstellen.
Der „Sichere Ort“ („Wohlfühl-Ort“) ist eine Imaginationsübung, die durch die Psychoanalytikerin Luise-Reddemann.de bekannt wurde. Sie hat spezielle Übungsanleitungen dazu entwickelt. Heute ist diese Übung meist ein fester Bestandteil von Trauma-Therapien. Manche können sich diesen sicheren Ort immer wieder vorstellen und sich damit gut beruhigen. Es ist eine Art Mediation. Es entsteht die Gewissheit: Diesen inneren Ort kann ich immer wieder aufsuchen. Er ist in mir. Doch was, wenn dieser Ort nicht gefunden werden kann?
„Mir hilft das nicht – ich kann mir keinen sicheren Ort vorstellen. Warum?“
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Links:
Die unbekannten Gefahren der Achtsamkeit. ARD team.recherche, youtu.be/8Ri-xVmQXN8
Beratungsstelle für meditationsinduzierte Krisen, Freiburg
igpp.de/beratung/angebot/
UlrichOtt.com, Dr. Liane Hofmann
When Meditation Goes Wrong – Dr. Willoughby Britton. Von Guru Viking
www.youtube.com/…
Jared R. Lindahl, Willoughby B. Britton, David J Cooper (2022):
Fear and Terror in Buddhist Meditation – A Cognitive Model for Meditation-Related Changes in Arousal and Affect. Journal of Cognitive Historiography, Vol. 7 No. 1-2, 24.12.2022, doi.org/10.1558/jch.22807 | journal.equinoxpub.com/… „However, this process reveals some current limitations in the field of neuroscience of meditation as well as other methodological difficulties faced by cognitive historiography when attempting to account for religious experiences from other cultures and from distant times.“
Milena Moser: Schlampen-Yoga. Heyne-Verlag, 2006, amazon
Dunja Voos:
Schatten der Vergangenheit. Trauma liebevoll heilen und innere Balance finden. amazon, 2020
„Johannes Heinrich Schultz, der Nervenarzt, bezeichnete autogenes Training – was er entwickelt hatte – 1932 noch als ‚psycho-physiologisch rationalisierten, systematisierten Yoga‘. Später stritt er jede Verbindung ab.“ Milena Mosa: Schlampen-Yoga, Karl Blessing Verlag 2003, 1. Auflage: S. 79
Beitrag vom 12.3.2026 (begonnen am 23.8.2020)
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8 thoughts on “Imagination: Nicht jeder kann sich einen sicheren Ort vorstellen. Warum Meditation bei frühen Traumata oft (zuerst) nicht gut tut”
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Liebe Anna, meiner Erfahrung nach kann ein dauerhafter sicherer Ort im eigenen Körper entstehen, z.B. indem man Yoga lernt im Einzelunterricht. Auch TaiChi, Eutonie oder ähnlich meditative Bewegungserfahrungen sind gut, doch wichtig ist es, dass man persönlich angeleitet wird und es so gut wie täglich über eine lange Zeit macht.
Mit geht es ähnlich. Für mich bleibt jeder „sichere Ort“ auch nur ein paar Sekunden sicher und dann wird er alles andere als sicher. Ich würde aber gerne lernen, einen inneren sicheren Ort haben zu können.. Gibt es Bücher/Anleitungen/Tipps wie ich lernen könnte, einen inneren sicheren Ort haben zu können?
Vielen Dank für diese Beschreibungen, liebe Ricarda!
Das geht ganz vielen Patient*Innen so, schön, dass es hier explizit nochmal benannt wird.
Es kann helfen, zunächst oder auch ausschließlich gemeinsam mit dem Therapeuten/der Therapeutin über entspannende Alltagssituationen zu sprechen, mit offenen Augen, oder auch Situationen detailliert zu beschreiben, die sehr vertraut und alltäglich sind – ohne dass es hierbei explizit um Entspannung geht (z.B. Wäsche waschen, eine Gemüsesuppe kochen, Fahrrad fahren, alles ist denkbar). Wichtig war Vielen auch die Position im Raum: Lieber an der Tür zu sitzen (Th. „versperrt“ nicht den „Fluchtweg“) oder mit Blick zu Tür oder explizit mit Wand im Rücken etc., sowie, dass der/die Th. eine „Alltagsstimme“ benutzt, keine explizit ruhige oder sanfte Stimme (oft mit Gefahr assoziiert). Je individueller, desto besser!
Der/die Th. ist IHR Dienstleister und freut sich, wenn er/sie Ihnen einen Dienst erweisen darf :).
Mir geht es genauso. Der Artikel, die Sätze, die Erklärung, das Beispiel (exakt so eine Mutter hatte ich) treffen es auf den Punkt. Ich mache zur Traumabearbeitung (bei PTBS) kognitive VT und diese Imaginationsübungen haben allesamt nicht geklappt. Es ist für mich ein Widerspruch in sich: einen Menschen räumlich/ körperlich in meiner Nähe zu wissen und dabei auch noch zur Entspannung aufgefordert zu werden. Die Preisgabe eines Ortes, der mir gut tut, zu geben oder zu beschreiben, empfand ich zudem als Eindringen in mein Innerstes, wo ich am Verletzlichsten bin und niemanden hineinlassen kann, weil mir dann gefühlt auch noch der letzte und einzig sichere Rückzugsort in der Welt, den ich überhaupt habe, genommen wird.
Mir geht es ganz genauso. In der Psychiatrie sollte ich ihn mir vorstellen. Ich hatte bereits vorher mitgeteilt, dass ich mir keinen sicheren Ort vorstellen kann, trotzdem wurde die Übung gemacht, weil sie kein anderes Material für die Stunde hatte. Ich habe sehr viel Energie aufgewandt, um überhaupt in die Situation reinzukommen und konnte mich fast gar nicht entspannen. Den Ort konnte ich mir ganz schwer vorstellen. Geborgenheit hatte ich auch kaum erlebt. Nur in ganz jungen Jahren von meiner Mutter, die mich später immer alleine gelassen hatte und mein Vater hatte mich dann misshandelt. Sobald ich daran denken musste, war die Geborgenheit wieder weg. Und auch beim sicheren Ort tauchte nach einer Sekunde mein Vater auf. Ich versuchte innerlich einen Zaun darum zu bauen, aber letztendlich war es nicht entspannend und kostete sehr viel Energie, die ich auch in etwas anderes hätte investieren können.
Trotzdem sagte ich ihr, dass es ein wenig geholfen hatte, damit sie die Übung nicht noch mal versucht.
Vielen Dank für diesen wichtigen Kommentar!
Ich kann mit diesem „sicheren Ort“ überhaupt nichts anfangen. Für mich gibt es keine Sicherheit. „Spielchen“ mit Decken und Schutz erhöhen nur den Druck und die Erwartung, was passiert dann. Sehr schwer zu ertragen.