Medikamente bei Angst und Depression – ja oder nein?

„Die Ärztin hat mir sofort Opipramol verschrieben“, höre ich. Doch die Zweifel sind gross. Bei der Medikamentenfrage ist es aus meiner Sicht wichtig, dem zu folgen, was Dir selbst behagt.
Vielleicht fühlst Du Dich vom Arzt oder Klinikteam zur Einnahme des Medikaments gedrängt, vielleicht bist Du aber auch dankbar für die Verordnung. Oft hilft das Neue – die neue Idee, das neue Medikament. Doch sobald es älter und vertrauter wird, geht die anfängliche Erleichterung mitunter zurück.
Vielleicht hilft es Dir, über Zusammenhänge wie diese nachzudenken: Sobald Du ein Medikament nimmst, lenkst Du Deine Aufmerksamkeit darauf. Geht es Dir in den nächsten Tagen nicht gut, fragst Du Dich vielleicht, ob das Medikament das richtige ist und ob die Dosierung stimmt. Geht es Dir besser, denkst Du, das Medikament hat geholfen. Aber vielleicht gab es ganz andere Einflussfaktoren. Vielleicht hast Du selbst etwas gemacht oder bewirkt, so dass es dir besser geht.
Medikamente können verwirren und zur Last werden
Antidepressiva und Neuroleptika haben meistens gerade zu Beginn der Behandlung, aber auch beim Absetzen vielfältige Nebenwirkungen. Sie wirken auf das vegetative Nervensystem und auf die sexuellen Funktionen. Wenn du Antidepressiva nimmst, stellst du vielleicht fest, dass du nicht mehr so gut weinen kannst, obwohl du es gerne würdest. Vielleicht findest du es erleichternd, dass du nicht mehr so viel weinen musst, vielleicht aber empfindest du auch einen merkwürdigen Druck aufgrund der nicht heraus wollenden Tränen.
Vielleicht fühlst du dich von äußeren Einflüssen etwas ferner, was dir vielleicht gut tut. Andererseits spürst du möglicherweise aber auch, dass der Kontakt zu dir selbst und zu anderen nicht mehr so direkt ist. Vielleicht kannst du dich emotional nicht mehr so gut berühren lassen. Das kann entlastend sein, aber auch stören. Oft bewirken Antidepressiva auch einen Rückgang von sexueller Lust. Orgasmen können manchmal nicht mehr entstehen – viele Männer klagen auch über Erektionsstörungen durch Antidepressiva. Die Antidepressiva wirken also auf gewisse Art gegen die Tränen und gegen die Ejakulation gleichzeitig – da gibt es möglicherweise Zusammenhänge, die noch gar nicht richtig erforscht sind.
Bei vielen Medikamenten, z.B. bei Antidepressiva, diskutieren die Wissenschaftler noch über die genauen Wirkmechanismen und die möglichen Langzeitfolgen. Während oft vom Serotonin im Gehirn gesprochen wird, vergessen die meisten, dass die Serotonindepots im Darm riesig sind – viele Menschen, die Antidepressiva nehmen, leiden an Darmproblemen. Andererseits sagen manche, dass ihnen die Antidepressiva bei Reizdarm gut helfen.
Zwischen Psychiatern und Patienten können sich regelrechte Kämpfe entwickeln, wenn zum Beispiel der Psychiater Medikamente für richtig hält, der Patient aber diese Medikamente ablehnt.
Die Erfahrung der Ärzte
Ähnlich, wie unerfahrene Ärzte aus Angst vielleicht öfter Antibiotika verschreiben, so können psychotherapeutisch unerfahrene Ärzte aus Unsicherheit rasch auf Psychopharmaka zurückgreifen. Erfahrenere Psychotherapeuten fühlen sich vielleicht öfter einfach als Mensch und Therapeut wirksam. Erfahrene und gut ausgebildete Psychotherapeuten erfahren, dass die therapeutische Beziehung selbst enorm helfen kann, Probleme zu verstehen und auch extreme innere Spannungszustände zu lindern oder aufzulösen – vorausgesetzt, es findet eine regelmässige Therapie statt. Besonders Psychonalytiker haben oft erfahren, dass eine langfristige therapeutische Beziehung besser wirken kann als jedes Medikament. Das Problem ist allerdings, dass nur relativ wenige Menschen eine psychotherapeutische Beziehung in dem Ausmass erhalten, in dem sie sie benötigen würden. Medikamente sind eben oft auch ein Ersatz für ein fehlendes psychotherapeutisches Angebot.
„Nein“ zu einem Medikament zu sagen, obwohl der Arzt die Einnahme für richtig hielte, erfordert oft viel Mut. Ebenso kann es jedoch auch Mut erfordern, es einmal mit einem Medikament zu probieren.
Manche Ärzte haben jahrelange Erfahrung mit der Verordnung von Medikamenten – das kann viele Vorteile haben, denn sie haben ein gutes Gespür für die Medikamente entwickelt. Der Nachteil ist jedoch oft, dass sie gar nicht mehr wissen, wie psychische Störungen ganz ohne Medikamente verlaufen würden. Manche Ärzte und Psychotherapeuten nehmen selbst Antidepressiva ein und spüren, dass sie ihnen gut tun. Viele haben schon oft gesehen, wie es Patienten unter der Gabe von Medikamenten rasch besser ging. Sie haben erlebt, wie Patienten durch die kurzfristige Gabe schlaffördernder Medikamente regelrecht aufblühten. Viele Ärzte haben ein gutes Gespür dafür, welches Medikament zu welchem Patienten passt. Ärzte und Therapeuten, die hier unerfahren sind, sind vielleicht manchmal zu zurückhaltend mit der Verordnung von Medikamenten.
„Manchmal sind Medikamente notwendig, damit der Patient überhaupt fähig zur Therapie wird“, heisst es oft. Hier sollte meiner Meinung nach differenziert werden: Um welche psychische Erkrankung handelt es sich? Sprechen wir hier von drogenabhängigen Patienten, die aufgeregt sind? Wie „hoch oder niedrig strukturiert“ ist ein Patient? Wie sieht das Leiden und das soziale Leben der Betroffenen genau aus? Wie gut ist der Psychotherapeut ausgebildet und wieviel Erfahrung hat er?
Ich finde, es ist oft so: Patienten, die mit Medikamenten behandelt werden, finden erst dann einen befriedigenden Zugang zur Psychotherapie, wenn sie ihre Medikamente abgesetzt haben.
Wenig selbstwirksam
Medikamente können dazu führen, dass das Gefühl von Selbstwirksamkeit geschwächt wird. Während einer Psychotherapie wollen viele Patienten keine Medikamente nehmen, damit sie genau spüren, welche Wirkungen die Psychotherapie hervorruft. Ihre ungetrübte Gefühlswelt dient ihnen als wertvoller Kompass. Sie spüren deutlich, was ihnen gut tut und was ihren Zustand verschlechtert. Sie fühlen sich ohne Medikamente lebendiger, auch, wenn sie auf eine gewisse Art mehr leiden. Ihre Trauer, ihr Ärger, ihre Freude: das sind „sie selbst“.
Viele Patienten, denen es sehr schlecht geht, müssen oft lange auf einen Therapieplatz warten. Für Gespräche, Einfühlung und Trost bleibt oft keine Zeit. Manchmal werden dann Medikamente verschrieben, weil eben gerade „nichts Besseres“ da ist. Wichtig ist immer die Frage: Was möchte der/die Betroffene selbst?
Allein die Vorstellung: „Ich brauche ein Medikament“ kann das Selbstvertrauen reduzieren. Aber wer sagt denn, dass man ein Medikament „braucht“? Dass die Medikation „sein muss“? Viele gewinnen ihr Selbstvertrauen oft zurück, wenn ihnen jemand sagt: „Es geht auch ohne Medikamente.“ Die heilsame Beziehung zu einem Therapeuten ist oft wirksamer als jedes Medikament. Das zu erfahren, tut vielen sehr gut.
Anmerkung: In meiner psychotherapeutischen Praxis verordne ich keine Medikamente und empfehle Patienten, die ein Medikament nehmen möchten, zu einem Psychiater zu gehen. Ich persönlich glaube, auch bei schweren Depressionen, Schlafstörungen und Angststörungen ist es sinnvoller, keine Medikamente zu nehmen, wenn eine gute Psychotherapie oder Psychoanalyse zur Verfügung steht.
Die Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen und medizinischen Fachgesellschaften (awmf.org) empfehlen in ihren Leitlinien die Kombination aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung, z.B. bei Depressionen. Aus meiner Sicht ist es wichtig, sich ein eigenes Bild aus unterschiedlichen Quellen zu machen, und sich nicht allein auf die Leitlinien zu stützen. Leitlinien dienen der Orientierung, aber was sie sagen, ist kein Muss. Es ist wichtig, sich Therapeuten und Therapeutinnen zu suchen, denen man vertraut und dann eine Entscheidung zu treffen – auch wenn es der aufgebrachten Seele oft nur schwer möglich ist, sich zu entscheiden. Manchmal muss man sich auch zu einem Therapeuten „hinziehen“ lassen in der Hoffnung, dass man ihm vertrauen kann und dass es schon gut sein wird.
Medikamente sind auch Beziehungsmittel und „Übergangsobjekte“
Die Compliance (= die „Mitarbeit“, man könnte auch der „Gehorsam“ sagen) der Patienten sei nicht gut, klagen viele Ärzte. Sie meinen damit, dass die Patienten nicht mitarbeiten. Das zeige sich zum Beispiel daran, dass zu viele Medikamente verschrieben und weggeworfen würden. Einerseits verschreiben Ärzte zu viel, andererseits erwarten wir als Patienten oft auch, dass der Arzt uns etwas verschreibt. „Der hat mir noch nicht mal was verschrieben!“, höre ich Patienten oft klagen.
Ein Medikament ist auch ein „Beziehungsmittel“ zwischen Arzt und Patient: „Immer, wenn ich mein Medikament nehme, denke ich an meinen Arzt – schon allein das hilft mir“, denken wir vielleicht. Der Psychoanalytiker und Kinderarzt Donald Winnicott hat den schönen Ausdruck „Übergangsobjekt“ geprägt. Damit meinte er – sehr vereinfacht gesagt – zum Beispiel die Kuscheldecke oder den Teddy, die die Mama ersetzen, wenn sie nicht da ist. Was uns vom Arzt mitgegeben wurde, ist etwas, woran wir uns festhalten können. Wir können das Medikament sehen, fühlen und einnehmen. Wir nehmen mit dem Medikament immer auch ein bisschen den Arzt auf, der es uns verschrieben hat.
Besteht ein Vertraunsverhältnis zwischen Arzt und Patient, so wird das Medikament oft gerne genommen und es wirkt dann oft auch gut. In einer ehrlichen Beziehung traut sich der Patient jedoch häufig auch, offen „Nein“ zum Medikament zu sagen, anstatt es heimlich einfach nicht zu nehmen.
Ausflug in eine persönliche Medikamentenerfahrung
Vor einigen Jahren ergab die Vorsorgeuntersuchung bei der Frauenärztin eine Dysplasie am Muntermund. „Die nächste Stufe ist Krebs“, erklärte mir die Ärztin telefonisch und kurz angebunden an einem Freitag-Nachmittag. Das müsse flott operiert werden. Nach einem unruhigen Wochenende staunte ich dann über mich selbst, denn ich suchte am Montag einen Gynäkologen auf, der sich auf Homöopathie spezialisiert hatte. Die einstündige Fahrt machte mir nichts aus. In der Praxis im Grünen genoss ich die Ruhe und die wohltuende Atmosphäre. Nach einer Stunde Gespräch entschied sich der Frauenarzt für ein homöopathisches Mittel.
Wie ein kleines Heiligtum schleppte ich die Kügelchen mit mir nach Hause. Ich nahm sie alle paar Stunden sehr gewissenhaft ein und ging im Abstand von wenigen Wochen zu Kontrolluntersuchungen. Ich denke, es war nicht der (nicht vorhandene) Wirkstoff des Medikaments, das mir half. Es war die gespürte Anwesenheit dieses Arztes alle paar Stunden, wenn ich diese Kügelchen nahm. Ich wusste übrigens immer, dass dieser Arzt sofort zu einer Operation geraten hätte, wenn er ein weiteres Abwarten wirklich nicht mehr hätte vertreten können. Zwei Jahre dauerte es, bis die Dysplasie auf einmal völlig verschwunden war.
Je kränker du bist, je mehr Sorgen du dir machst, desto größer ist die Bedeutsamkeit der Kügelchen, Tabletten oder Tropfen, die du vom Arzt bekommst und desto wichtiger ist auch die gute Beziehung zu ihm. Dieses Zusammenspiel von Vertrauen, Glauben an ein Medikament und „echter Wirkung“ kann zur Genesung beitragen. Und manchmal ist es eben auch besonders hilfreich, ganz auf Medikamente zu verzichten und zusammen mit dem gewissenhaften Arzt zu beobachten und zu warten.
Medikamente bei generalisierter Angststörung
Der Psychiater Professor Borwin Bandelow und seine Kollegen haben im Deutschen Ärzteblatt (2013) aufgelistet, welche Medikamente bei der generalisierten Angststörung zu empfehlen sind. Medikamente der 1. Wahl bei der generalisierten Angststörung (nach Bandelow et al. 2013) sind Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie z.B. Escitalopram oder Paroxetin. Auch selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) wie Duloxetin (z.B. Cymbalta®) oder Venlafaxin sowie Pregabalin gehören zu den Medikamenten der ersten Wahl. Pergabalin ist eigentlich ein Mittel gegen epileptische Anfälle; es fördert die Wirkung der körpereigenen Gamma-Aminobuttersäure (GABA) und wirkt somit dämpfend auf das Nervensystem.
Medikamente der 2. Wahl (nach Bandelow et al. 2013) sind zum Beispiel Buspiron (ein Anxiolytikum),
Opipramol (ein trizyklisches Antidepressivum) oder Hydroxyzin (ein H1-Antihistaminikum und Tranquillizer). Opipramol wird gerne von Hausärzten bei Ängsten und Depressionen verschrieben. „Opipramol“, der Name, der an den gemütlichen „Opa“ erinnert, ist wohl der Begleiter vieler Menschen. Der Wirkstoff Opipramol gehört zu den trizyklischen Antidepressiva. Erfahrungen von Patienten mit Opipramol findest du auf www.reddit.com/r….
Psychopharmaka: Namen spielen bei der Wirkung eine Rolle
„Lyrica®“ (Wirkstoff Pregabalin, Firma Pfizer) – der Name erinnert daran, dass die Angstpatientin eigentlich viel zu erzählen hätte. Aber zum Lyrischen, zur Dichtung, zum Erzählen kommt es nicht – die Zeit ist knapp. Ob wir ein Medikament vertragen oder als wirksam empfinden, hängt auch von Farbe und Form des Medikaments ab (Buckalew et al., 1982). Aber auch der Klang des Namens, das Design der Verpackung und die Persönlichkeit des Arztes (Zelda di Blasi et al., Lancet, 2001) spielen in die Wirksamkeit mit hinein.
- Das Medikament „Tavor®“ (Wirkstoff Lorazepam, Firma Pfizer) wird bei starker Angst eingesetzt. Der lateinische Begriff für „Angst, Furcht“ ist „Pavor“. Somit ist der Name sehr eingängig und hat seinen Sinn.
- Bei „Trevilor®“ (Wirkstoff Venlafaxin, Firma Pfizer) kommt einem vielleicht der „Tremor“ = „das Zittern“ in den Sinn. Der Wirkstoff „Venlafaxin“ erinnert ans „Faxen machen“ – vielleicht assoziiert man es mit Unruhe und Muntersein.
- Das Neuroleptikum Quetiapin (Seroquel®) erinnert an das englische Wort – „quiet“, „ruhig“ und „sero“ ist das lateinische Wort für „spät“. „Wer spät noch wach ist, finde mit Seroquel Ruhe“, so könnte man assoziieren.
- Opipramol kann ja nur gemütlich und harmlos sein, weil man an den „Opi“ denkt.
- Wer sich das Rauchen abgewöhnt hat, der könnte das mit einem Champagner feiern. CHAMPIX® (Wirkstoff Vareniclin, Firma Pfizer) wird zur Raucherentwöhnung eingesetzt. Hier könnte man auch an die Weite eines Feldes (französisch: le champ) denken. Schon allein der Klang reicht, um positive Assoziationen hervorzurufen und es mit dem Medikament probieren zu wollen.
- Amitriptylin ist ein aufmunterndes, antriebssteigerndes Antidepressivum. Eine Eselsbrücke: Ich mache einen „Trip“ ins „Ami-Land“.
Absetzsymptome sind möglich
Zu den häufig verwendeten Antidepressiva gehören die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI, Selective Serotonin Reuptake Inhibitors) und die Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI). „Selektiv“ bedeutet, dass das Medikament gezielt auf den Stoffwechsel bestimmter Botenstoffe wirkt – zum Beispiel auf den Stoffwechsel von Serotonin (SSRI), Noradrenalin (SNRI) oder Serotonin und Noradrenalin gleichzeitig (SSNRI).
Wenn Nervenzellen miteinander kommunizieren und Erregungen weitergeben, tun sie das über Botenstoffe. Diese Botenstoffe sind zum Beispiel Noradrenalin („macht munter“) oder Serotonin („macht glücklich“).
Eine Nervenzelle schüttet Botenstoffe über ihre Nervenendigung, die sogenannten „Präsynapse“ aus, so dass der Botenstoff in den „synaptischen Spalt“ gelangt. In diesem Spalt zwischen zwei Nervenzellen kann der Botenstoff wirken und die nächste Nervenzelle erregen. Der Botenstoff ist dabei in ein kleines Bläschen, ein Vesikel, gehüllt. Bei einer Depression vermutet man ein „Zuwenig“ an freien Botenstoffen, wobei diese Hypothese immer wieder angezweifelt wird. Nach dieser Hypothese wird versucht, mithilfe der Medikamente die Konzentration dieser Stoffe im synaptischen Spalt zu erhöhen.
Recycling durch die Präsynapse
Die Nervenzelle, die den Stoff ausgeschüttet hat, nimmt ihn teilweise auch wieder auf – so kann der Botenstoff wiederverwertet werden. Sobald er aber wieder in die ursprüngliche Nervenzelle zurückgekehrt ist, steht er nicht mehr zur Erregung der nächsten Nervenzelle zur Verfügung. Daher will man mit Medikamenten versuchen, die Wiederaufnahme des Botenstoffes in die Endigung der ersten Nervenzelle (Präsynapse) zu verhindern. Da die Botenstoffe sich mit verschiedenen Rezeptoren verbinden, besetzen die Medikamente die Rezeptoren, die zur Wiederaufnahme der passenden Botenstoffe notwendig sind. Somit kann der Botenstoff im synaptischen Spalt bleiben und an den Rezeptoren der nächsten Nervenzelle seine Wirkung entfalten.
Die Wirkung der Antidepressiva ist unter anderem deshalb so schwer erklärbar, weil sich die Rezeptoren verändern können. Werden bestimmte Rezeptoren blockiert, können die Zellen neue Synapsen bilden, um den Stoffwechsel wieder zum natürlichen bzw. ursprünglichen Zustand zurückzureguliern.
Entzugssymptome (Absetzsymptome) möglich: Antidepressiva, die zu der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI, selective serotonin reuptake inhibitors) gehören, können beim Absetzen zu Entzugserscheinungen führen. Das ist das Ergebnis einer Metaanalyse von Giovanni A. Fava und Kollegen. Die Entzugserscheinungen können auch bei vorsichtigem Absetzen auftreten. Dazu zählen Müdigkeit, Atemnot, Schwitzen, Schwindel, Sehstörungen und Halluzinationen. Es besteht die Gefahr, dass der Arzt oder Therapeut die Entzugssymptome als Verschlimmerung der ursprünglichen Symptome missinterpretiert.
Die SSRI
Hierzu gehören beispielsweise diese Wirkstoffe: Citalopram, Fluoxetin (Der Wirkstoff wurde unter dem Namen „Prozac“ bekannt, Fluvoxamin, Paroxetin, Sertralin
Ich selbst halte ja viele Geschichten zu Psychopharmaka für Märchen. Es ist, hätte ich mir damals als Ärztin im Krankenhaus einfach die Märchen zu einem bestimmten Wirkstoff gemerkt: Escitalopram wird zum Beispiel gerne bei sozialer Phobie eingesetzt. Es ist ein selektiver Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI). Als unerwünschte Wirkung ist eine Verlängerung der QT-Zeit bekannt; das heißt, dass der Erregungsablauf im Herzen verzögert wird, was bei Herzkranken zu Problemen führen kann.
Studie: Siegfried Kasper et al. (2005): Escitalopram in the treatment of social anxiety disorder: Randomised, placebo-controlled, flexible-dosage study. The British Journal of Psychiatry, Volume 186, Issue 3March 2005 , pp. 222-226, doi.org/10.1192/bjp.186.3.222, www.cambridge.org/…
Die SNRI
Hierzu gehören zum Beispiel diese Wirkstoffe: Reboxetin, Venlafaxin und Duloxetin (wurde früher als spezielles Begleitmedikament in der Schmerztherapie angepriesen – später zeigte sich, dass andere Antidepressiva zu diesem Zweck ebenso eingesetzt werden können.
Wirkung umstritten
Die Wiederaufnahmehemmer sollen verhindern, dass der Botenstoff wieder in die Nervenzelle aufgenommen wird, damit er nicht aus dem Zwischenraum verschwindet und somit weiterhin wirksam bleiben kann. So die Theorie. Doch verändert sich dadurch auch die Zahl der Andockstellen, der sogenannten Rezeptoren, an den Nervenzellen: Gab es vorher viele Rezeptoren an den Nervenzellen, die auf die Botenstoffe reagierten, so wird die Zahl der Rezeptoren reduziert, wenn ständig zu viele Botenstoffe im synaptischen Spalt liegen. Die Mechanismen, die durch Antidepressiva hervorgerufen werden, sind komplex und nicht immer vollständig geklärt. Kritische Berichte wie die des Arznei-Telegramms machen deutlich, dass die Wirksamkeit der Antidepressiva längst nicht so stark ist, wie oft behauptet wird:
„Neben der Diskussion um den Anstieg der Suizidalität unter Therapie mit Antidepressiva wird das Ausmaß der Wirksamkeit dieser Mittel zunehmend in Frage gestellt: Nach einer Analyse von 47 Studien, die der amerikanischen Aufsichtsbehörde zwischen 1987 und 1999 für die Zulassung von Citalopram, Fluoxetin, Nefazodon (NEFADAR, außer Handel), Paroxetin, Sertralin und Venlafaxin vorgelegt wurden, macht der Plazeboeffekt zwischen 68% und 89% des Verumeffektes* aus.“ *Verumeffekt = echte Wirksamkeit. Quelle: „Antidepressiva – lebensgefährliche Plazobos?“ arznei-telegramm 2005; 36: 45
Serotonin macht glücklich, heisst es
Serotonin ist ein Molekül, das vom Körper selbst gebildet wird. Man spricht auch vom „Glückshormon“. Wer einen Mangel daran hat, kann an einer Depression erkranken – oder umgekehrt: Wer genug Anlass zu gedrückter Stimmung hat, bei dem sinkt die Serotoninkonzentration zwischen den Nervenzellen irgendwann ab. Serotonin wird auch als 5-Hydroxytryptamin (5-HT) bezeichnet. Serotonin kann man nicht einfach als Tablette schlucken, denn es kann die natürliche Schranke zwischen Blut und Gehirn nicht überwinden. Doch man kann Schokolade essen: Sie enthält die Aminosäure Tryptophan, einen Eiweißbaustein. Der Körper nimmt es auf und produziert daraus sein Serotonin.
Dabei wird Tryptophan im Stoffwechsel des Körpers erst mit einer Sauerstoff-Wasserstoff-Verbindung kombiniert (hydroxyliert) und dann wird das Kohlendioxid des Moleküls abgespalten (decarboxyliert). Dies passiert z. B. in den Nervenzellen. Der Zucker in der Schokolade scheint diesen Vorgang zu begünstigen.
Außerdem kurbelt Tageslicht die Serotoninproduktion an. Daher haben wir im Winter weniger davon. Stattdessen steigt der Melatonin-Spiegel an. Die Kombination macht uns schläfrig und hungrig. Das bemerken wir besonders im November und Dezember. Serotonin wird von den Enzymen Monoaminoxidase (MAO) und Aldehydoxidase abgebaut. Das Endprodukt 5-Hydroxyindolessigsäure wird mit dem Urin ausgeschieden.
Serotonin kommt in der Darmschleimhaut vor, in den Blutplättchen (Thrombozyten) und in weißen Blutkörperchen (Granulozyten). Außerdem im zentralen Nervensystem (ZNS) vor allem in den sogenannten Raphekernen des Gehirns, einer Region im Stammhirn, in der viele Nervenbahnen kreuzen. Die Wirkung von Serotonin ist bunt: In Lunge und Niere sorgt es für das Zusammenziehen der kleinsten Gefäße (Arteriolen), in der Skelettmuskulatur hingegen zur Gefäßerweiterung (Arteriolendilatation). Es wirkt auf die glatte Muskulatur von Magen- und Darm, von Bronchien und in geringem Maße auf die Gebärmutter. Serotonin nimmt im Zentralnervensystem Einfluss auf die Stimmung, den Hunger, den Schlaf-Wachrhythmus, die Körpertemperatur und die Schmerzwahrnehmung. Daher helfen Medikamente gegen Depressionen (Antidepressiva) auch bei der Behandlung von Schmerzen.
Erhöhen Antidepressiva das Risiko für Demenz?
Bei einer Demenz gehen auch Nervenzellen zugrunde, die Serotonin und Noradrenalin produzieren. Insbesondere Antidepressiva vom Typ SSRI (Selective Serotonin Reuptake Inhibitors) wie z.B. Sertralin und Citalopram greifen in den Serotoninstoffwechsel ein. Forscher der Universität Saskatchewan, Kanada, veröffentlichten im Dezember 2016 eine Studie, nach der eine milde kognitive Beeinträchtigung oder Demenz besonders häufig bei Menschen auftritt, die Antidepressiva eingenommen haben. Die Studie erschien im Journal Depression and Anxiety (Volume 34, Focus on Treatment: Pages 217-226, DOI: 10.1002/da.22584, Autoren: John Moraros et al.).
Man kann nicht sagen: Antidepressiva machen Demenz. Die Autoren haben nur festgestellt, dass die Demenz häufig bei Menschen auftritt, die Antidepressiva einnahmen. In Deutschland werden auch dort mehr Kinder geboren, wo es mehr Störche gibt. Dennoch, so die Autoren John Moraros und andere, sei das gemeinsame Auftreten der hohen Zahlen in dieser Metaanalyse so auffallend, dass diesem Thema nachgegangen werden müsse.
Zwar vermuten die Autoren auch, dass die Depression selbst das Demenzrisiko erhöhen kann, jedoch sei der Zusammenhang zwischen Antidepressiva und Demenz noch stärker gewesen als der Zusammenhang zwischen Depression und Demenz. Besonders bei Patienten, die ihre Antidepressiva (insbesondere SSRI) schon vor dem 65. Lebensjahr eingenommen hatten, erkrankten häufig an Demenz. Möglicherweise spiele hier die längere Einnahmedauer eine Rolle, so die Autoren.
„Antidepressant drug usage is associated with AD/dementia and this is particularly evident if usage begins before age 65. This association may arise due to confounding by depression or depression severity. However, biological mechanisms potentially linking antidepressant exposure to dementia have been described, so an etiological effect of antidepressants is possible. With this confirmation that an association exists, clarification of underlying etiologic pathways requires urgent attention.“ John Moraros et al., Canada, 2016)
Antidepressiva können die Fähigkeit zu weinen und zur sexuellen Erregung verringern.
Ähnlich wie beim Lachen entspannen sich beim Weinen die Muskeln. Es wird etwas „abgeführt“, das Weinen erleichtert uns normalerweise. Menschen mit Depressionen berichten jedoch oft, dass sie das Weinen anstrengend finden. Es ist, als hätte es seinen Sinn verloren. Manche Menschen sprechen von „Traurigkeit“, wenn sie von Depression sprechen. Tatsächlich ist die Depression aber oft eher eine Unfähigkeit, Trauer zu empfinden und traurig zu sein. Auch andere „negative“ Gefühle können in der Depression schlechter wahrgenommen werden. Stattdessen macht sich oft Gefühllosigkeit, Gelähmtheit, Erschöpfung und eine Starre breit.
Manchmal fällt es uns schwer, zu weinen, wenn wir alleine sind. Wenn wir aber einer vertrauten Person gegenüber sitzen, dann öffnen sich die Schleusen. Wir können die Traurigkeit zulassen, wenn wir einem Menschen gegenübersitzen, der sie aufnimmt.
In meiner Privatpraxis verordne ich gar keine Medikamente – besteht der Wunsch nach Medikamenten, schicke ich die Betroffenen zum Psychiater. Meiner Erfahrung nach trüben Antidepressiva den Kontakt zu sich selbst und zu anderen. Es entsteht so etwas wie eine „Mauer im Kontakt“, die auf eine gewisse Art das Leben aus der Beziehung nimmt. Wenn du Antidepressiva nimmst, kannst du vielleicht nicht mehr so leicht weinen. Vielleicht empfindest du das als positiv – vielleicht aber fühlst du dich auch gelähmt davon.
Antidepressiva greifen in den Stoffwechsel des gesamten Körpers ein.
Manche Menschen bekommen von Antidepressiva Hautausschlag (z.B. von Venlafaxin oder Pregabalin), vielen ist besonders am Anfang der Medikamenteneinnahme übel. Antidepressiva beeinflussen aber auch die Muskulatur (McCarter et al. 2015), die Verdauung, das Sexualleben und das Immunsystem (de Berardis et al. 2010). Viele empfinden während der Antidepressiva-Einnahme weniger sexuelle Lust und klagen über sexuelle Funktionseinschränkungen.
„Tränen sollen fließen, nicht sofort weggetrocknet werden. Nur dann, sagt der Schriftsteller Robert Seethaler, hanser-literaturverlage.de, stellt sich irgendwann auch Trost ein. … Es wird zu leichtfertig getröstet. Die Traurigkeit muss erst einmal ins Fließen kommen …“ chrismon.evangelisch.de/…
Erektionsstörungen nach Antidepressiva-Therapie können länger bestehen bleiben (PSSD = post-SSRI sexuelle Dysfunktion)
Ohne Medikamente wird aus meiner Sicht vieles leichter
Fehlt das Weinen, fehlt ein wichtiges Kommunikationsmittel und ein Weg, sich selbst zu erleichtern. Ohne Medikamente fühlen sich viele wieder lebendiger und erleben auch die Psychotherapiestunden als entwicklungsfördernder. Es heißt weitläufig: „Manche Patienten brauchen erst Medikamente, um für die Psychotherapie zugänglich zu werden.“ Ich sehe es bei meiner Art zu arbeiten umgekehrt: Erst, wenn die Medikamente wieder abgesetzt sind, sind die Betroffenen erreichbar in der Psychotherapie.
„Ich weine bei traurigen Filmen nicht mehr.“ „Ich komme nicht mehr zum Orgasmus.“ „Wenn ich mit anderen kommuniziere, merke ich, wie ich in Watte gepackt bin.“ Wie gehen wir miteinander um, wenn wir wie in Watte sind? So viele Menschen nehmen inzwischen Antidepressiva ein. Viele fühlen sich dadurch entlastet, aber viele merken auch, dass ihnen die breite Gefühlspalette fehlt. Das Abflachen der Gefühle hat viele Nachteile. „Als ich aufhörte, die Antidepressiva zu nehmen, merkte ich, wie eine unsichtbare Mauer zwischen uns fiel. Das tat gut.“
Die Wissenschaftler James Gross und Robert Levenson zeigten 1997 in einer Studie, dass die Unterdrückung von Gefühlen – auch von negativen Gefühlen – das sympathische Nervensystem hochkurbelt und das Herz-Kreislaufsystem belastet. Auch haben Depressive im Gegensatz zu Nicht-Depressiven oft Schwierigkeiten, negative Emotionen richtig wahrzunehmen. Sie können kaum unterscheiden zwischen Ärger, Schuld oder Scham („Angry? Sad? Ashamed? Depressed people can’t tell difference“, news.umich.edu…). Möglicherweise ist dies manchmal auf die frühe Kommunikation mit einer depressiven Mutter zurückzuführen, die ihr Baby vielleicht nur mit einer reduzierten Mimik und Stimmmodulation spiegeln konnte. Ein wichtiger Bestandteil der Therapie ist es, genau daran zu arbeiten. Antidepressiva sind hier aus meiner Sicht eher hinderlich als förderlich.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Links:
BBC Science Focus
What your doctor won’t tell you about antidepressants
By Sophie Freeman with Prof. Michael Hengartner, ETHrat.CH
2.3.2026, www.sciencefocus.com/…
The International Society For Psychological And Social Approaches To Psychosis, ISPS:
Courtenay M. Harding, Biography
Harding erforschte das Leben von Menschen mit schwersten Psychosen über eine Zeitspanne von 30 Jahren und mehr. isps.org/…
Joanna Moncrieff:
The Myth Of The Chemical Cure
Youtube
Leuzinger-Bohleber, Marianne, Klaus Röckerath und Laura Viviana Strauss (Herausgeber):
Depression und Neuroplastizität
Psychoanalytische Klinik und Forschung, Brandes & Apsel 2010
Amazon
Steinman, Michael A. et al. (2007):
What’s in a Name? Use of Brand versus Generic Drug Names in United States Outpatient Practice.
Journal of General Internal Medicine, May 2007, Volume 22, Issue 5, pp 645-648
link.springer.com/… Die Studie zeigt: Ärzte (in den USA) benutzen häufiger den Markennamen als den Wirkstoffnamen.
John Moraros et al. (2016):
The association of antidepressant drug usage with cognitive impairment or dementia, including Alzheimer disease: A systematic review and meta-analysis
First published: 28 December 2016, Volume 34, Focus On Treatment: Pages 217-226
DOI: 10.1002/da.22584
onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/da.22584/full
College of Sexual and Relationship Therapists
ww.cosrt.org.uk/…
Emre Demiralp, Martin Buschkuehl et al. (2012)
Feeling Blue or Turquoise? Emotional Differentiation in Major Depressive Disorder
Psychological Science, SAGE Journals, Volume: 23 issue: 11, page(s): 1410-1416
Article first published online: October 15, 2012;
doi.org/…
journals.sagepub.com/…
Jorge Carlos Holguín-Lew and Vaughan Bell (2013):
“When I Want to Cry I Can’t”: Inability to Cry Following SSRI Treatment
Revista Colombiana de Psiquiatría, Volume 42, Issue 4, December 2013, Pages 304-310
www.sciencedirect.com/…
Bala, Areeg et al. (2018)
Post-SSRI Sexual Dysfunction: A Literature Review.
Sexual Medicine Reviews, Volume 6, Issue 1, January 2018, Pages 29-34
doi.org/… | www.sciencedirect.com/…
Beitrag vom 13.3.2026 (begonnen am 3.10.2012)
VG-Wort Zählmarke 9223a51d73c344beab3ffbde0ba0704b
7 thoughts on “Medikamente bei Angst und Depression – ja oder nein?”
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Nach 8 Jahren Psychotherapie und Medikamenten-Einnahme habe ich mich dazu entschlossen, keine Medikamente mehr einzunehmen. Das Absetzen habe ich selber in die Hand genommen und viel zu schnell durchgezogen. Ich hatte aber keine Anleitung.
Angeblich gibt es ja keinen Entzug. Das kann ich so auf keinen Fall bestätigen. Auch zwei Monate später nicht. Meine Psychiaterin bestreitet dies. Ich fühle mich insgesamt freier, klarer, mehr Herr meiner Sinne, kann angemessener auf alles reagieren. Lasse mir nicht mehr alles gefallen, da ich nicht mehr sediert bin.
Die Depression ist noch da, ja. Aber sie war mit Medikamenten natürlich auch nicht weg. Meine Erfahrung ist, dass eine gute Gesprächstherapie durch nichts zu ersetzen ist. Rückblickend haben die Medikamente mein Leben sehr verändert. Und zwar zum negativen. Ich habe es nicht erkannt. Ein Wunder das ich mich überhaupt getraut habe, sie abzusetzen. Aber ich hab’s getan. Anstoß dafür war ein Mega-Arzt in der Klinik, in der ich nach 7,5 Jahren des Leidens war. Es geht mir nicht bedeutend besser! Aber ein wenig schon und ich habe diese schrecklichen Nebenwirkungen nicht mehr. Mal abgesehen von den oben erwähnten Dingen!
Ich denke, es kommt auch sehr darauf an, woran man genau leidet bzw. welche Tragweite das Problem hat, ob es nur punktuell ist oder universell bzw. chronisch.
Meine Meinung nach sehr vielen Jahren Erfahrung:
Ich bin inzwischen auch überzeugt, dass man eine wirklich voll ausgeprägte Depression niemals ohne Medikamente „behandeln“ kann. Vielleicht wäre „im Zaum halten“ auch der bessere Ausdruck. Echte Depressionen sind nun einmal nicht nur auf Lebensereignisse, sondern – und das zeigt die Forschung ja – auch auf gewisse genetische und biochemische Dispositionen zurückzuführen. Das heißt, dass man eventuell vielleicht gar nicht depressiv reagieren würde, gäbe es die Veranlagung nicht. Das leuchtet mir irgendwie schon ein. Echte Depressionen (ich spreche nicht von Verstimmungen) haben in den meisten Fällen auch die Tendenz zur Chronifizierung, so dass es in diesen oft genug doch überhaupt nicht mehr darum geht, irgendeine Heilung zu initiieren, sondern einfach nur darum, einigermaßen erträglich leben zu können. Und ich bin heilfroh, dass es Medikamente gibt, denn die Wirkung von Psychotherapie ist in vielen Fällen einfach nicht vorhanden bzw. zu minimal ausgeprägt. Das ist leider auch das, was mir viele Leidensgenossen über die Jahre erzählt haben. Deshalb plädiere ich dafür, gut zu unterscheiden, um welche Problematik es geht.
Dass man in unserer Gesellschaft insgesamt aber zu viele Medikamente verschreibt (ich bin gerade in Bezug auf Ritalin oft schockiert), finde ich auch und ist ja ebenfalls durch Zahlen belegt. Die Frage ist oft doch: Wollen wir eine Pille, die uns jedes Problem wegzaubert? Oder geht es darum, einem Menschen, der erkrankt ist, zu helfen.
Als Betroffene habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sehr schwierig ist, wie in meinem Fall Antidepressiva, wieder abzusetzen. Trotz Ausschleichen litt ich unter Absetzsymptomen, die sogleich als Wiederauftreten der Erkrankung diagnostiziert wurden. Dank meiner zuversichtlichen Therapeutin und meinem stabilen sozialen Umfeld und natürlich meinem unermüdlichen, wiedererwachten Kampfgeist, habe ich im zweiten Anlauf mein Ziel ohne Psychopharmaka-Dauereinnahme zu leben, nun fast erreicht. Es ist schade und unverständlich, dass offenbar kaum ein Facharzt auf die Idee kommt, dass nicht eine weitere Aufdosierung oder Medikamentenumstellung, sondern im Gegenteil deren möglichst baldiges, sehr vorsichtiges Absetzen der letztlich heilsame Schritt ist. Nur so gelangt der Mensch doch erst wieder zum Glauben an seine eigene innere Kraft und Stärke!
Medikamente können helfen, besonders wenn es ganz schlimm ist, aber sie könne auch zum Problem werden. Ziel muss es ja sein, das der Patient selbst Verantwortung über nimmt und lernt mit seiner Psyche wieder selbst zurecht kommt. Gibt der Patient diese Verantwortung ganz oder teilweise an Medikamente (oder den Therapeuten) ab, so wird er immer weiter darauf bauen, das Tabletten (und der Therapeut) ihm hilft. Das mag zwar in einer akuten Situation angezeigt sein, aber Ziel muss es ja sein, wieder so weit wie möglich in ein selbständiges Leben zurück zu kehren. Wichtiger als schnell Medikamente zu verschreiben wäre mit dem Patienten zusammen einen geeigneten Therapieplan aufzustellen und für Rückfragen zu Verfügung zu stehen, aber das ist nicht immer gegeben.
Hatte ein paar Jahre als Laienhelfer in der Psychiatrie Haar bei München gearbeitet. Medikamente eröffneten meist überhaupt erst die Möglichkeit, daß ein Psychiater eine therapeutische Gesprächsbeziehung mit einem Patienten beginnen konnte,
Vieles geht auch ohne Medikamente. Mag sein das es länger dauert um aus einem Tal wieder raus zu kommen, aber es ist möglich! Mit Medikamente fühlt sich das Leben „furchtbar“ fremdgesteuert an. Es bedarf nicht nur guter Therapeuten, sondern auch beste Freunde, die IMMER für einen da sind.
Ein sehr schwieriges Thema, bei dem man von Fall zu Fall anders entscheiden kann. Ich bin allerdings dafür, dass Psychopharmaka wie Antidepressiva nur eingesetzt werden sollen, wenn die Patienten auch zu wissen bekommen, welche erheblichen Nebenwirkungen eintreten -können-. Ich glaube, dass genau an dieser Stelle oftmals die Beratung zu kurz kommt.