Psychohygiene – was die Seele gesund hält
Sprache ist auch in Medizin und Psychologie im ständigen Wandel. Den Begriff „Psychohygiene“ höre ich heute seltener, wohingegen die „toxische Beziehung“ Einzug in die Psychologie gehalten hat. Medizinhistorisch ist es vielleicht jedoch interessant, wie es zu dem Begriff der „Psychohygiene“ überhaupt kam. Wer „Psychohygiene“ betreibt, der achtet darauf, dass es seiner Seele gut geht. Der Offenburger Psychologe Gustav Keller (Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene, IGPP) erklärt auf Youtube, wie der deutsch-schweizerische Psychoanalytiker Heinrich Meng (1887-1972) diesen Begriff prägte. Durch Heinrich Meng wurde die „Psychohygiene“ zum Lehrfach an den Universitäten.
Sollen wir Gedankenhygiene betreiben?
„Gedanken kann man sich aussuchen wie Schuhe aus einem Schuhregal“, lese ich in einem Buch von einem Verhaltenstherapeuten. Man solle auf seine Gedanken achten und nur die guten zulassen. Es sei wie beim Schmerzgedächtnis: Schlechte Gedanken würden spezielle Nervenstraßen und Spuren hinterlassen, die immer tiefer und stärker würden, wenn man sie all zu oft zuließe. Aber ist das so? Macht es Sinn, auf seine Gedanken in dem Sinne zu achten, dass man positive Gedanken bevorzugt und negative, zerstörerische, gar „dreckige“ Gedanken meidet? Unlust wollen wir vermeiden – wir wehren sie ab. Wenn wir ein schlechtes Gewissen haben, versuchen wir, uns durch logisches Denken zu beruhigen. Das klappt aber oft nicht wirklich. Das Gefühl ist sehr oft stärker.
Gedanken, die wir verdrängen, sind häufig nicht wirklich weg – sie sind oft nur verdrängt oder auf andere verlagert.
Das mit den Nervenstraßen ist ja ein schönes Bild, aber nicht immer für das Psychische zutreffend. Beispielsweise zweifele ich das „Schmerzgedächtnis“ an, weil ich sehr oft erlebt habe, wie neue Erfahrungen den zuvor chronischen Schmerz sehr rasch auf der Strecke lassen können, ohne dass eine erhöhte Empfindlichkeit bestehen bleibt. Ich denke, mit den Gedanken ist es ähnlich. Wir vergessen oft, dass die Gedanken an Gefühle geknüpft sind und dass wir negativ denken, weil wir einen Grund dafür haben. Erst eine neue emotionale Erfahrung, wie zum Beispiel echter Trost, eine Veränderung der Umstände oder das Finden von Wahrheit kann dafür sorgen, dass das „negative Denken“ von jetzt auf gleich aufhört. Da ist keine dicke Nervenstraße eingefahren. Es hat uns einfach an der guten Beziehung, an der neuen Idee oder Erfahrung gefehlt.
Natürlich können wir auf unsere Gedanken achten – aber nicht in dem Sinne, dass wir an ihnen herumfeilen. Wir können auf sie achten, indem wir bemerken, was wir denn da denken. Und was wir dabei fühlen. Und dann können wir sagen: „Oh das ist ja interessant.“ Dann kann man den Gedanken anschauen, ihn betrachten.
Jeder Gedanke kann innerlich erlaubt sein, wenn wir spüren, dass wir begrenzt sind und dass man uns unsere Gedanken im Einzelnen nicht an der Stirn ablesen kann. Der andere erkennt vielleicht Stimmungen oder Irritationen. Aber was wir genau denken, wissen nur wir. Da ist es doch schöner, Gedanken frei über die Wiese laufen zu lassen, als sie zu steuern. Nur so können wir wissen, wohin sie uns eigentlich führen.
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Meng, Heinrich (1971)
Leben als Begegnung
Hippokrates-Verlag
Bender, Hans (1955)
Okkultismus als seelische Gefahr
In: Maria Pfister-Amende (Hrsg.)
Geistige Hygiene – Forschung und Praxis, S: 489-499
Verlag Benno Schwabe und Co., Basel
Am Anfang war die Beziehung – nicht das Wort.
Blog „Analyze that“ von Christian Dürich


