Buchtipp: Die psychische Geburt des Menschen nach Margaret Mahler

Die Entwicklung eines Babys ist unglaublich spannend. Die Psychoanalytikerin Margaret Schonberger Mahler (1897-1985), beschreibt die Säuglingsentwicklung eindrucksvoll in ihrem Buch „Die psychische Geburt des Menschen“. Ein Baby wird psychisch geboren, wenn es bemerkt, dass es ein von den anderen Menschen getrenntes Wesen ist. Dennoch kann es sich mit der Mutter verbunden fühlen. Die größten Entwicklungsschritte finden zwischen dem 5. und 36. Lebensmonat statt. In dieser Zeit löst sich das Kind aus der Symbiose mit der Mutter und wird zum Individuum. Mahler beschreibt vier Subphasen der Loslösung. (Text & Bild: © Dunja Voos)

1. Differenzierung und Entwicklung des Körperschemas: Mit 4-5 Monaten ist die Symbiose zwischen Mutter und Säugling auf dem Höhepunkt. Mit etwa 6 Monaten jedoch beginnt das Kind bereits, sich zu lösen. Es zieht der Mutter z. B. an den Haaren und stemmt sich weg, um sie besser zu sehen. Langsam kann das Kind seinen Körper von dem der Mutter unterscheiden. Fasziniert entdeckt es Dinge, die nicht zum Körper der Mutter gehören: die Brille, die Ohrringe usw. Diese Phase dauert in ihrer Deutlichkeit etwa bis zum 6./8./12. Lebensmonat.

2. Das Üben: Mit 7-10 Monaten beginnen die Kinder zu krabbeln. Das erste Mal können sie sich selbst von der Mutter entfernen. Sie erforschen Spielzeug gerne in einer bestimmten Entfernung zur Mutter. Zwischendurch müssen sie jedoch „emotional auftanken“, indem sie zur Mutter krabbeln, sie berühren und sich anlehnen. Nach kurzer Zeit des Auftankens ist das Kind wieder bereit, die Welt weiter zu erkunden. Es ist in einer „Hochstimmung“ und „erobert die Welt“. Mit 15 Monaten ist es dem Kind wichtig, seine Entdeckungen mit der Mutter zu teilen.

3. Die Wiederannäherung: Mit etwa 18 Monaten hat das Kind laufen gelernt. Zum ersten Mal wird ihm bewusst, dass es eine Einheit ist und sich von der Mutter trennen kann. Daher hat es große Trennungsängste und beschattet die Mutter auf Schritt und Tritt. Häufig spielen die Kinder „Weglaufen“ und freuen sich, von der Mutter „gefangen“ zu werden.

Mit zwei Jahren hat das Kind erkannt, wie viele Hindernisse auf seinem Weg liegen. Die Hochstimmung der Übungsphase ist vorbei. Das Kind erkennt, dass die Mutter eine Person mit eigenen Interessen ist. Das will es anfangs nicht wahr haben und übt Druck aus, um sie zu manipulieren und sie sich „zu eigen“ zu machen. Diesen Wendepunkt bezeichnet Mahler als „Wiederannäherungskrise“. Bei dieser Entwicklung spielt das Sprechenlernen eine bedeutende Rolle, denn durch Kommunikation mit Worten lässt sich die Trennung von der Mutter überbrücken. Nach und nach erkennt das Kind die Trennung an. In dieser Zeit wollen die Kinder wissen, wo die Mutter ist, wenn sie nicht im Raum ist. Gleichzeitig können sie sich aber auch mehr denn je in ein Spiel versinken.

4. Verfestigung der Individualität und Beginn der „emotionalen Objektkonstanz“: Etwa im 3. Lebensjahr erlangen die Kinder eine bleibende Individualität. Darüber hinaus haben sie das Bild der Mutter verinnerlicht. Dadurch gelingt es dem Kind, sich auch einmal länger von der Mutter zu trennen und dennoch zu „funktionieren“. Die innere Mutter, das innere Abbild von ihr, heißt „psychische Repräsentanz“. So ist es möglich, dass sich das Kind selbst trösten kann. Es kann sich vorstellen, wie die Mutter ist, wie sie aussieht und wie es sich anfühlt, bei ihr zu sein.

Das Entwicklungsmodell nach Margaret Mahler auf einen Blick:

  • Autistische Phase: von der Geburt bis zum Alter von 4-6 Wochen. Anmerkung: Hier gibt es viele neue Erkenntnisse, siehe Säuglingsforscherin Beatrice Beebe
  • Symbiotische Phase (vom 2. bis zum 5./6. Monat)
  • Loslösungsphase (mit Differenzierung des Körperschemas vom 5. bis 12. Monat) und Individuationsphase
  • Differenzierung des Körperschemas (4. bis 6./8./12. Lebensmonat)
  • Übungsphase (11. bis 18. Monat)
  • Wiederannäherungsphase (18. bis 24. Monat)
  • Festigung der Individualität und Anfänge einer emotionalen Objektkonstanz (24. bis 36. Monat)

Primäre Liebe und Grundstörung nach Balint

Am Anfang des Lebens kennen wir eine ganz spezielle Form der Liebe: die „primäre Objektliebe“ (meistens zur Mutter). Der Psychoanalytiker Michael Balint (1896-1970) prägte die Begriffe „Primäre Liebe“ und „Grundstörung“ (Basic Fault). Die „Grundstörung“ entsteht, wenn die primäre Liebe (meistens zur Mutter) gestört ist. Die Betroffenen haben im Erwachsenenalter eine schwer zu definierende Störung, die sie selbst und andere kaum verstehen. Erst in einer Psychoanalyse kann oft rekonstruiert werden, woher die Probleme rühren.

„Das Konzept der Grundstörung‘ wurde 1957 von Michael Balint entworfen. … Als Krankheitserscheinungen … erwähnt Balint nicht nur verschiedenartige Neurosen (vielleicht gar Psychosen), sondern auch Charakterprobleme, narzisstische Störungen, psychosomatische Erkrankungen und anderes mehr.“ (Thomas Auchter: Grundstörung. In: Mertens/Waldvogel: Handbuch psychoanalytischer Grunbegriffe, Kohlhammer, 3. Auflage 2008: S. 265/266)

Michael Balint (1896-1970) schreibt: „Die primitive Zwei-Personen-Beziehung zeigt sich als primäre Objektbeziehung oder Primäre Liebe …“ | „First about the nature of the primitive two-person relationship at this level. In the first approach this can be considered as an instance of primary object relationship or of primary love …“

„Jeder ‚Dritte‘, der hier hereinbricht, wird als intolerable Last empfunden.“ | „Any third party interfering with this relationship is experienced as a heavy burden or as an intolerable strain.“

„In dieser Beziehung gibt es große Intensitäts-Unterschiede zwischen den Gefühlslagen ‚Befriedigung‘ und ‚Frustration‘.“ | „A further important quality of this relationship is the immense difference of intensity between the phenomena of satisfaction and frustration.“

„Die gute Passung des Objekts zum Subjekt führt zu einem ruhigen Wohlergehen, was schwierig zu beobachten ist, weil es so natürlich und weich ist (Befriedigung).“ | „Whereas satisfaction – the ‚fitting in‘ of the object with the subject – brings about a feeling of quiet tranquil well-being which can be observed only with difficulty as it is so natural and soft, … „Hingegen führt der Mangel an Passung zur Frustration, was vehemente und laute Symptome hervorruft.“ | „… frustration – the lack of ‚fitting in‘ of the object – evokes highly vehement and loud symptoms.“

Quelle: Balint, Michael (1979). The Basic Fault, 1-196. London/New York: Tavistock Publications: S. 17 (amazon)

Literatur:

Margaret S. Mahler, Fred Pine und Anni Bergman:
Die psychische Geburt des Menschen.
Symbiose und Individuation
Fischer Verlag 2001, amazon

www.margaretmahler.org

Ernst Falzeder (1985):
Primäre Liebe und die Grundstörung
Die Untersuchungen Michael Balints über frühe Objektbeziehungen
Werkblatt – Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik
Nr. 4/5, 3/4-1985, werkblatt.at/archiv/4-5_Falzeder.pdf

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 23.2.2007
Aktualisiert am 12.6.2023

One thought on “Buchtipp: Die psychische Geburt des Menschen nach Margaret Mahler

  1. Rita Orth-franke sagt:

    Ich habe jetzt schon einige Beiträge gelesen und schätze Ihre verständliche „Schreibe““

    Das Buch „Schatten der Vergangenheit“ kann ich nur zum gewinnbringenden Lesen empfehlen!

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