Wann kommt man eigentlich auf die Idee, über sein Trauma zu sprechen?
Es gibt Menschen, die machen jahrelang eine Psychoanalyse, aber sie erzählen nicht von ihrem einschneidendsten Erlebnis. Sie verschweigen es nicht bewusst. Da ist auch kein Widerstand. Der Grund, warum sie es nicht erzählen: Es kommt ihnen einfach nicht in den Sinn, es zu tun. Vielleicht war der Gedanke noch nicht fertig ausgebildet, sodass er nicht richtig gedacht werden konnte. Doch wie, wann und warum kommt es uns endlich in den Sinn, das sehr Wichtige zu erzählen?
„In meinem letzten Nachttraum war ein kariertes Sakko das wichtigste Element im Traum. Ich sah es immer wieder vor meinem inneren Auge, ich schrieb den Traum auf, erzählte anderen davon – lang und ausführlich. Doch über das karierte Sakko sprach ich nicht“, sagt eine Patientin. Es fiel ihr erst ein, als das Körpergefühl zurückkam, das damit verbunden war. Es fiel ihr erst ein, darüber zu sprechen, als sie im Außen wieder eine Entsprechung fand.
Wir erzählen etwas, wenn der Gedanke schon ganz nah unter der Bewusstseins-Oberfläche in unserem Kopf ist. Wenn etwas sehr dringlich ist, wenn wir emotional stark beteiligt sind oder wenn wir es schon einmal oder mehrmals erzählen konnten. Durch das Erzählen stärkt und formt sich die Erinnerung. Sind wir traumatisiert, konnten wir das Geschehen vielleicht noch nie so richtig denken. Wir haben es erfahren, aber nie gedacht. Nur Erinnerungs- und Gedankenfetzen geistern durch unseren Kopf.
Auch die unbewusste Vorstellung, dass der andere ja sowieso schon alles weiß, kann uns daran hindern, auf die Idee zu kommen, etwas zu erzählen.
Wer sich verfolgt fühlt, hat ständig einen „inneren Beobachter“ – warum also dem Beobachter noch etwas erzählen? Vielleicht hat man auch etwas erlebt, wofür man sich schrecklich schämt. Man schämt sich so sehr, dass man meint, es stehe einem auf die Stirn geschrieben, was passiert ist. Warum also noch davon erzählen? So gehen wir vielleicht davon aus, dass der andere sowieso schon alles weiß. Solange wir komplett im Drehbuch stecken und keinerlei Abstand haben, können wir die Dinge häufig nicht erzählen.
Wenn keine Emotion da ist
Es kann auch sein, dass Menschen zwar von traumatischen Ereignissen erzählen, aber dabei völlig emotionslos sind. Es kommt beim anderen nicht an. „Mein Vater hat mich geschlagen“, erzählt eine Patientin so neutral, dass der andere es gar nicht gehört hat. Mit der Zeit hört der Traumatisierte auf, davon zu erzählen. Es ist zudem schwer, vom „Unfassbaren“ zu erzählen. „So lange ich nicht von meinem Trauma erzählt habe, konnte ich mir sicher sein, dass meine Erinnerung stimmt. Sobald ich anderen davon erzählte, mischten sich ihre Einschätzungen mit ein und ich wurde immer unsicherer“, erzählt eine traumatisierte Patientin, die 30 Jahre lang nicht von ihrem schlimmsten Erlebnis sprach.
Wir erzählen etwas nicht, wenn uns unsere Assoziationskette nicht dorthin führt. „Assoziationskette“ heißt, dass man von einem Bild zum nächsten kommt, von einem Wort zum nächsten, von einer Erinnerung zur nächsten. Wenn wir „Schoko-Eis“ hören, denken wir vielleicht an unsere „letzte Kugel“. Da kann man an Pistolenkugel denken, an die Kugel eines schwangeren Bauches, an eine Schneekugel und vieles mehr. Oder man denkt konkret an den hohen Eiscreme-Preis heutzutage, an das preisgünstige Eis von früher, an den Eiswagen, an die Kinder, mit denen man Eis aß oder an die Mutter, die schimpfte, wenn man zu viel Eis gegessen hatte.
Null-Prozess
Nicht jede traumatische Erinnerung kann mittels Assoziationen erreicht werden. Es gibt traumatische Erinnerungen, die sind völlig unverbunden mit allem anderen und so finden sie auch nicht ihren Weg zu den Lippen, um ausgesprochen zu werden. Der Psychoanalytiker Joseph Fernando prägte den Begriff des „Null-Prozess“ – es gibt traumatische Erfahrungen, mit denen unsere Seele einfach nichts macht („Other than being either “on or off“, the contents of the zero process remain in a rather frozen state.“ Joseph Fernando, siehe hier).
Was gegen diesen „Frozen State“ (eingefrorenen Zustand) helfen kann, ist menschliche Wärme. In einer vertrauensvollen Beziehung und warmherzigen Atmosphäre kann das abgespaltene Trauma sich vielleicht hervorwagen und Anschluss finden. Oder aber es wird von außen gefunden.
Im Gegensatz zum Primärprozess, wo wir träumen und wilde Phantasien haben oder zum Sekundärprozess, wo wir die Dinge vernünftig in Worte fassen können, passiert beim Nullprozess einfach nichts. Wir träumen nicht von dem Erlebnis, wir haben keine Worte dafür, wir können es nicht denken, wir können nicht darüber sprechen, ja wir haben noch nicht mal die Idee, darüber zu sprechen. Höchstens sehen wir manchmal „stehende Bilder“ von damals, die aber nicht den Weg in die Sprache finden. „Das“, die Erinnerung, schwebt wie abgeschnitten durch unser geistiges Leben. Man kann noch nicht mal von einer „Erinnerung“ sprechen, da dieses Bild nichts mit unseren anderen „Erinnerungen“ zu tun hat. Es ist gar nicht richtig nach „innen“ gekommen. Und dennoch beeinflusst es uns täglich.
„Ja, warum haben Sie das denn nicht früher gesagt?“. hören wir vielleicht. Ja, warum eigentlich nicht? Es ist oft ein Rätsel, warum uns manche Dinge in den Sinn kommen, um gedacht und erzählt zu werden und warum uns bei anderen Dingen einfach sogar „die Idee“ fehlt, davon zu erzählen.
Dann kommt’s
Manchmal bahnt sich ein abgeschottetes Insel-Erlebnis doch seinen Weg nach draußen: Bei alten Menschen kann man das manchmal erleben, die kurz vor ihrem Tod endlich Dinge aussprechen, die sie vorher nie aussprechen konnten. Manches kommt einem erst in den Sinn, wenn man sich selbst wieder so bedrängt, so in Not fühlt, wie damals. Auch wenn Täter endlich tot sind und keine Gefahr mehr von ihnen ausgeht, können uns abgespaltene Erinnerungen wieder in den Sinn kommen und sozusagen „wortreif“ werden. Wenn wir uns sicher fühlen und in einer warmherzigen Beziehung sind, dann kann es passieren, dass dieses Wichtige, das uns nie in den Sinn kam, zu erzählen, uns plötzlich über die Lippen kommt. Wir kommen plötzlich auf die Idee, es zu erzählen und wissen gar nicht mehr, warum wir nicht schon so viel früher darauf gekommen sind
„… at the psychical level, compared to other experiences, we might say that the traumatic experience has not yet happened. In the realm of the zero process the past is something that is always about to happen or is just happening. It never finishes happening, and is thus never finally in the past …“ …“And when the zero process memory is turned on, as it was in the sessions described with J, it is absolutely immediate – there is no sense of it being a memory. It cannot be repressed.“ Joseph Fernando, siehe hier.
„I have observed in many patients that as zero process memories are beginning to emerge, the phrase “I don’t know“ increases dramatically in frequency. I think this phrase expresses the psychical equivalent of shutting one’s eyes or turning away from an unwanted perception, and is a reaction to the perceptual, experiential nature of the zero process.“ Joseph Fernando
„Ich habe bei vielen Patienten beobachtet, dass die Nullprozess-Erinnerungen dann langsam auftauchen, wenn der Satz ‚Ich weiß es nicht‘ drastisch gehäuft fällt. Ich denke, dass dieser Satz das psychische Äquivalent für das Schließen der Augen oder das Sich-Abwenden von einer unerwünschten Wahrnehmung ist. Es ist eine Reaktion auf die ‚wahrnehmende und erfahrbare‘ Natur des Nullprozesses.“
Oft ist die Rede davon, dass traumatische Erlebnisse dazu führen, dass die Erlebnisse „abgespalten“ werden. Dass sie dem Betroffenen nicht wirklich zugänglich sind. Dass sie nicht in Worte gefasst werden können. Dann „dissoziiert“ der Betroffene in der Sprache der Psychologen: Gefühle, Erinnerungen und Worte kommen nicht zusammen. Manchmal kann es aber auch sein, dass der Betroffene einfach nicht auf die „Idee“ kommt, über seine traumatischen Erlebnisse zu sprechen. Der Betroffene hat „stehende Bilder“ im Kopf, die Erinnerungen, die Gefühle – alles ist da. Aber der Betroffene hält es für „unwichtig“. Oder er findet keinen passenden Menschen und keine passende Gelegenheit, darüber zu sprechen.
Oder er befürchtet, es könnte den anderen erschrecken. In Wirklichkeit ist das Erlebnis dann gleichzeitig nicht abgespalten und doch abgespalten. Es ist alles da – es darf und kann nur nicht rauskommen und von einem anderen Menschen gesehen bzw. gehört werden.
Vom Traumatischen erzählen – warum das so schwierig ist
Wer Traumatisches erlebt hat, findet oft keine Worte dafür. Mitunter sind es nur Atmosphären und ungute Gefühle, an die wir uns erinnern. Doch auch wenn uns die Worte kommen, ist es immer noch schwierig, anderen davon zu erzählen. Es ist oft furchtbar anstrengend. Wir fragen uns: „Wie kann ich es so erzählen, dass der andere es verstehen kann und nicht überfordert ist?“ Es bleibt oft das Gefühl, dass der andere es „nicht wirklich“ versteht, selbst wenn er ein Psychoanalytiker ist. Vielleicht haben wir auch die Befürchtung, wir hätten jetzt den anderen mit heruntergezogen. Dann wird der Zuhörer nicht mehr als möglicher Helfer erlebt, sondern es fühlt sich so an, als säßen nun zwei Opfer in einem Boot.
Der Zuhörer kann durch das Erzählte tatsächlich belastet sein. Er grenzt sich vielleicht ab, er signalisiert ein „Stopp“, er missversteht die Situation vielleicht. All das ist schmerzlich für die Traumatisierten. Beide – Erzähler und Zuhörer – können überfordert sein. Das ruft oft ein Gefühl des Verlorenseins hervor.
Die Innenwelt ist so stark
Traumatisierte leiden an der Einzigartigkeit, an der starken Subjektivität, die so ein Trauma mit sich bringt. Manchmal wirkt das Subjektive viel stärker als die äußere Realität. Erst durch einen bestimmten, oft überraschenden Reiz, z.B. durch ein aufmunterndes Lächeln, eine treffende Musik oder ein tröstendes Licht, kann die Verbindung nach außen wieder hergestellt werden. Nach dem Erzählen fühlt man sich vielleicht in unterschiedlichem Ausmaß allein.
Mit dem Trauma ist man immer ein bisschen – oder auch abgrundtief – allein. Aber auch das kann man teilen.
Das Trauma lässt sich oft nicht zufriedenstellend teilen. Vor allem, wenn dem Traumatisierten die Erinnerungen fehlen, können oft nur diffuse Zustände und Gefühlswelten geteilt werden. Wenn es bei einem guten Zuhörer gelingt, sich treffend mitzuteilen, ist es zutiefst beruhigend, entlastend und befriedigend. Doch auch die Einsicht, dass man allein mit seinem Trauma bleibt, kann neben dem Beklemmenden auch etwas Berührendes und Erleichterndes haben. Es kann zu einem Frieden mit sich selbst führen und zu dem befreienden Gefühl, es anderen nicht klarmachen zu „müssen“. Die anderen verstehen auf ihre Art.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Links:
Schatten der Vergangenheit.
Trauma liebevoll heilen und innere Balance finden.
amazon
Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 23.7.2018
Aktualisiert am 21.2.2022
4 thoughts on “Wann kommt man eigentlich auf die Idee, über sein Trauma zu sprechen?”
Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.
Lieber Hubi,
ich glaube nicht, dass man da irgendetwas beschleunigen kann. Ich denke, es kommt alles zu seiner Zeit.
gerne ☺ï¸
mich würde noch interessieren, ob man solche prozesse beschleunigen oder fördern kann. das kann man in dem tun, dass man regelmäßig isst und schläft. aber kann man solche prozesse beschleunigen? die freie assoziation zuhause üben, damit man nicht mit leeren kopft da-liegt? oder läuft alles so, wie es laufen muss und es ist in ordnung so, weil alles zu seiner zeit kommt?
ich glaube schon, dass es einflussfaktoren gibt, die man anwenden kann… so gut für sich sorgen, wie es geht (aber das ist schwierig zu sagen, wenn man sich durch blockaden und ängste die bedürfnisse nicht erfüllen kann, darum ‚so gut es geht‘).
und vielleicht die dinge mal aus dem blickwinkel der liebe zu betrachten, wohlwollend.
danke für die rückmeldung – ich freue mich sehr! :-)
danke für den beitrag ðŸ™ðŸ¼