„Ich muss immer an den Tod denken.“ Apeirophobie: Die Angst vor der Unendlichkeit kann Lebensfreude fast unmöglich machen

„Ich dachte, ich muss in die Notaufnahme oder mich umbringen“, erzählt eine Frau, die an der Angst vor dem ewigen Leben leidet. Der Autor Bobby Azarian leide unter dieser Apeirophobie seit er vier Jahre alt war – als seine Mutter ihm nach dem Versterben des Opas erzählte, dass er nun fröhlich im Himmel weiterlebe (The Atlantic, 1.9.2016).

Manche Menschen bekommen diese Angst mit Psychotherapie, Psychoanalyse und/oder Medikamenten in den Griff, aber viele haben bisher keinen Weg gefunden, um diesen „existenziellen Terror“ zu lindern (Azarian, 2016).

Wenn in der Vorstellung der Tod weder Erlösung noch Ende bedeutet, kann einen das nahezu verrückt machen. Es mangelt an der Vorstellung von Ruhe. In einem Online-Forum schrieb eine junge Frau: „Der Gedanke daran, dass das alles keinen Anfang und kein Ende hat, macht mich fertig.“ Einerseits ist da das Gefühl, keine Grenze zu sehen. Andererseits plagt das Gefühl, die eigenen Körpergrenzen und das eigene Bewusstsein im umgrenzten Selbst zu spüren.

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Links:

Eine Mathematik ohne Unendlichkeit – und ohne Pi. Es gibt Strömungen der Mathematik, die Unendlichkeiten ablehnen – und damit auch irrationale Zahlen wie Pi. Kann dieser Finitismus womöglich unsere Welt besser beschreiben? Von Manon Bischoff, www.spektrum.de/…

„Warum sollte die Seele nicht auch sterblich sein?“, las ich bei Jiddu Krishnamurti im Buch „Kann das Leben jemals enden?“ (Washington Talks, 2010, amazon)

Pietro Bria and Riccardo Lombardi (2008):
The logic of turmoil: Some epistemological and clinical considerations on emotional experience and the infinite. Int J Psychoanal (2008) 89:709-726, ncbi.nlm.nih.gov/…

Michael C. Wiest
A quantum microtubule substrate of consciousness is experimentally supported and solves the binding and epiphenomenalism problems. Open Access: Neuroscience of Consciousness, Volume 2025, Issue 1, 2025, niaf011n doi.org/10.1093/nc/niaf011, academic.oup.com/…

Gerald M. Edelman, Joseph A. Gally, Bernard J. Baars (2011):
Biology of Consciousness. Frontiers in Psychology, 2011 Jan 25;2:4. doi: 10.3389/fpsyg.2011.00004
pmc.ncbi.nlm.nih.gov/… „This relationship allows for a strictly biological account of phenomenal experience and subjectivity that is consistent with mounting experimental evidence.“

Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004) „Über den Tod und das Leben danach“ (amazon)

Greg Miller
What Is the Biological Basis of Consciousness? Science, 1 Jul 2005, Vol 309, Issue 5731, p. 79, DOI: 10.1126/science.309.5731.79, science.org/…

Hoevels, Fritz Erik:
Die Unsterblichkeitsvorstellung im Lichte der Psychoanalyse. System ubw (unbewusst) 1/1992, Zeitschrift für klassische Psychoanalyse, medimops.de/hoevels-fritz-erik-…

Alessandra Ginzburg and Riccardo Lombardi:
Emotion as Infinite Experience: Matte Bianco and Contemporary Psychoanalysis. Franco Angeli, Milan, 2007; 311 pp, onlinelibrary.wiley.com/…

Asmita (das Gefühl, Ich zu sein) and the Attachment to Death. www.reddit.com/r/Apeirophobia/

Otto F. Kernberg:
Narzißmus, Aggression und Selbstzerstörung. Klett-Cotta, Stuttgart, 2. Auflage 2009, S. 279

Matte-Blanco, I (1975):
The Unconscious as Infinite Sets. Duckworth, London

Matte-Blanco, I (1988):
Thinking, Feeling and Being. Routledge, London

Fredric Schiffer (Harvard Medical School, 2019):
The physical nature of subjective experience and its interaction with the brain. Medical Hypotheses 125 (2019) 57-69, sciencedirect.com/… : „Many scientists, including Panksepp, Damasio and Tononi, have each made great contributions to the field, but none explains how material biological processes acquire subjectivity.“

Winnicott, Donald: Objektverwendung und Identifizierung. In: Vom Spiel zur Realität. Klett-Cotta, 1971/1974, S. 101-110. (Inspiriert von und Quelle: Leopold Morbitzer: Laios und Lord Voldemort. Rebellion gegen die Endlichkeit. Psychosozial-Verlag 2018, S. 98)

Fjodor Dostojewski schreibt in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ (Anaconda-Verlag, 2010, S. 483): „Einen lebendigen Gott können sie sich nicht vorstellen, ohne ihn zu hassen; daher fordern sie, Gott soll kein Leben haben, sondern sich und seine ganze Schöpfung vernichten. Und sie werden bis in alle Ewigkeit im Feuer ihres Zornes brennen und nach Tod und Nichtsein dürsten. Aber sie werden den Tod nicht erlangen.“ (Anmerkung: Diese Erfahrung Dostojewskis hängt möglicherweise zusammen mit der Erfahrung, dass er erschossen werden sollte, dann aber weiterleben durfte.)

Beitrag vom 31.12.2025 (begonnen im August 2019)

10 thoughts on “„Ich muss immer an den Tod denken.“ Apeirophobie: Die Angst vor der Unendlichkeit kann Lebensfreude fast unmöglich machen

  1. Andreas sagt:

    Zur Andeutung, Nahtoderfahrungen könnten durch Medikamente verursacht werden: Aus zahlreichen Nahtod-Berichten geht hervor, dass NTE oft schon längst VOR der medizinischen Behandlung ihren Lauf nehmen, was auch logisch ist in Anbetracht dessen, dass die typische NTE meistens sofort mit dem Herzstillstand beginnt und eine medizinische Notfallversorgung bei weitem nicht immer zur Stelle ist. Herzstillstände passieren ja wohl nicht nur am OP-Tisch, sondern an allen möglichen Orten.

    Aus der Medizin ist auch bekannt, dass die körperlichen Sinne nicht erst mit dem Herzstillstand ausfallen, sondern bereits dann, wenn der systolische Blutdruck auf unter 70 mmHg sinkt. Der Körper wird dann bewusstlos und wenn man in dieser Phase keine außerkörperliche Erfahrung hatte, dann kann man sich auch an nichts erinnern.

    Insgesamt könnte man aus diesen Phänomenen lernen, dass es im Erleben ohne Körper gar keine Zeit gibt, das wird von den Erfahrenen immer wieder betont: Kaum waren sie außerhalb ihres Körpers, blieb die Zeit stehen, daher ist es irreführend, wenn man sich die „Ewigkeit“ so verstellt wie wir es als körperliche Menschen typischerweise tun, nämlich mit einem zeitlichen Empfinden bzw. als einen Zustand, in dem es einen zeitlichen Verlauf gäbe, bei dem man Dinge zu „erledigen“ hätte.

    Es gibt zwar auch einen kleinen Anteil an schrecklichen Höllenerfahrungen. Diese sind gerade auch wegen der Zeitlosigkeit so schrecklich, denn hier bedeutet die Zeitlosigkeit auch absolute Hoffnungslosigkeit. Aber NTE zeigen, dass sich solche Zustände in positive verändern können. Und wenn diese Ewigkeit so schrecklich wäre, wie manche Menschen sich das vorstellen, dann würden wohl die meisten Menschen nach NTE nicht sagen, dass sie am liebsten „drüben“ geblieben wären. Sie betonen immer wieder, dass sie auf keinen Fall zurück wollten in den Körper. Es scheint eher so zu sein, dass man im „jenseitigen“ Zustand ohne Körper Angst hat, ein irdisches Leben, eingepfercht in einen Körper, durchleben zu müssen. Wirkliche Gründe, die „Ewigkeit“ als existenziellen Terror zu sein, gibt es eigentlich nicht, wenn man sich umfassend mit diesen Phänomenen befasst.

  2. Kinseher Richard sagt:

    Nahtod-Erfahrungen(NTEs) haben gar nichts mit Sterben/Tod zu tun – auch wenn dieser falsche Zusammenhang immer wieder suggeriert wird – völlig gleichartige Erlebnisse gibt es auch in NICHT-lebensbedrohenden Situationen.
    NTEs können beginnen wenn das Gehirn eine unverständliche Situation verarbeiten muss. Normalerweise reaktiviert das Gehirn sofort eine zum aktuellen Reiz passende Erfahrung aus dem Gedächtnis (Fachbegriff: predictive coding).
    Wenn es aber keine passende Erfahrung findet, dann konzentriert es sich so intensiv auf die Verarbeitung der unverständlichen Situation – dass man die Arbeitsweise des Gehirns bewusst erleben kann.
    Wenn es die unverständliche Situation der Reihe nach mit im Gedächtnis gespeicherten Erlebnissen vergleicht – werden diese Erlebnisse der bewussten Wahrnehmung zugänglich: dann erlebt man einen Lebenslauf im Schnelldurchlauf. Manchmal erstellt das Gehirn eine gedankliche Simulation der aktuellen Situation- wo man den EIndruck hat, den eigenen Körper von außerhalb beobachten zu können (außerkörperliche Erfahrung). Wenn sich das Gehirn der Verarbeitung eines anderen Reizes zuwendet ist die NTE vorbei. (Literatur: ´Kinseher Richard: Pfusch, Betrug, Nahtod-Erfahrung´).
    (Weil alle unsere Erlebnisse in der zeitlichen Gegenwartsform erlebt, im Gedächtnis gespeichert und beim Erinnern wieder Reaktiviert werden, bedeutet dies, dass diese Erlebnisse lebenecht wieder-erlebt werden. Deshalb hat man z.B. bei Erinnerungen an Verstorbene den Eindruck, lebensecht mit diesen zusammen getroffen zu sein.)
    (Im Gedächtnis gespeicherte Erlebnisse können beim Erinnern deutlich verändert werden – Fachbegriff: state dependent retrieval. Wenn z.B. die Erinnerungen zur Entwicklung des Sehsinns beim Fötus ganz schnell erinnert werden – entsteht die optische Illusion, sich in einem dukeln Tunnela auf ein rasch größer werdendes Lich hin zu bewegen = das Tunnelerlebnis. Und Eltern die sich um ein Baby kümmern werden beim Erinnern dieser Erlebnisse zu einem liebevollen Lichtwesen, von dem man sich grenzenlos geliebt, angenommen und verstanden empfindet. Diese Begegung mit dem ´Lichtwesen´ gehört zu den schönsten Erlebnissen, die man bei NTEs haben kann!)

  3. Sven sagt:

    Ich finde gerade die Endlichkeit so furchterregend. Nicht die eigene, darum weiß ich. Das wirkliche Übel ist doch die endliche Zumutung dazwischen, wo man den qualvollen Tod mindestens der eigenen Eltern miterleben muss. Gleich wie sehr auf Natürlichkeit und Richtig-/Wichtigkeit der Endlichkeit hinargumentiert wird – aus meiner Sicht ist es sinnlose Hirnwichserei. Jeder hat Angst und niemand will JETZT sterben. Es wird nur gut über ein Ereignis gesprochen, das einen selbst oder gar die eigenen Nächsten momentan nicht betrifft. Die Angst, ewig weiterleben zu müssen, kann aus meiner Sicht als generelle Lebensverweigerung aufgefasst werden. Der Normalfall ist die unvernünftige Bejahung. Wer jetzt nicht sterben will, angeblich 100 Jahre später, der will es in Wirklichkeit nie – und umgekehrt.

    Genauso wenig gibt es ein tröstliches ‚Nichts danach‘, weil man ja sich nicht nichtempfinden kann. Unserer Zeit fehlt ein Schopenhauer, der keine 700 Seiten Nichts über Nichts schreibt, sondern ohne Umschweife auf den üblen Grund des Seins geht. Was ist, kann nicht erlöst werden unter den kosmischen Gesetzen, solange es Etwas ist. Die Last ist bloß eine Andere, für Menschen wie für Steine.

  4. Jay sagt:

    Dieses „ozeanische Gefühl“, mit allem verbunden zu sein, beschreibt Freud als frühesten Bewusstseinszustand des Neugeborenen, also quasi als Ausgangspunkt der frühkindlichen Entwicklung, zu Beginn der oralen Phase. Man könnte vermuten, dass bereits hier, durch wenig empathisch veranlagte Eltern, die Störung bereits beginnt.

    Ich beschäftige mich viel mit Zen-Buddhismus. Dieser hat nichts mit dem Esoterik-Buddhismus zu tun, der unter anderem im Westen vom Dalai Lama verkörpert wird, sondern er ist eher eine Philosophie, eine spezielle Art die Realität zu betrachten. Zen kappt die Verstrickungen mit der Vergangenheit und die Befürchtungen über die Zukunft und betrachtet den gegenwärtigen Augenblick als Momentaufnahme, befreit von Konzepten und jeglichen Gedankengebäuden. Dies kann wirklich sehr befreiend sein.
    Auf die Frage „Was passiert in der Unendlichkeit?“ würde ein Zen-Meister seinem Schüler höchstens antworten: „Frag mich nochmal, wenn wir dort angekommen sind.“

  5. nadine sagt:

    Ich leide an einer angststörung und eigentlich gehts mir auch wieder ganz gut. Seit ein paar Tagen aber beschäftige ich mit diesem Thema. Ich glaube eigentlich nicht richtig an gott. aber bisher hat mir ein etwaiges Leben nach dem Tod eher Geborgenheit vermittelt. Aber für immer, selbst wenn es glücklich und selig ist, das macht mir Angst.

  6. Peter Reitz sagt:

    Hallo Frau Voos,
    es ist schön, Ihre Zeilen zu dem Thema zu lesen. Das hier auch eine „Diagnose“ gestellt
    werden kann, finde ich fast schon komisch… ;-)
    Herzliche Grüße,
    Peter Reitz

  7. Dunja Voos sagt:

    Mein Herz würde bei dieser Vorstellung komplett zugehen ;-) Daher gibt es wohl auch so viele verschiedene Religionen, weil sich jeder Mensch etwas anderes wünscht und ein jeder etwas anderes braucht.

  8. Anette sagt:

    Meine Assoziationen über das ewige Leben sind nur positiv besetzt und gehen über das Geschriebene hinaus: Liebe, Geborgenheit bei Gott, Gerechtigkeit, Schutz, glücklich sein, Freude, …
    Also das Beste, dass ich mir vorstellen kann ewiglich. Da geht mein Herz auf. :-)

  9. Dunja Voos sagt:

    Aber „ewig“? Immer, immer weiter, ohne Ende? Das wäre für mich eine furchtbare Vorstellung. Selbst, wenn’s ruhig ist ;-)
    Ich finde immer ganz schön, dass der englische Begriff für „Ewigkeit“ „Eternity“ lautet. Dieser wiederum hängt mit „Ether“ zusammen, also mit etwas, das einen einfach umgibt, das einfach da ist, wie so ein Bettchen …

  10. Anette sagt:

    Ewiges Leben kann auch etwas sehr Befreiendes sein, eine Hoffnung, dass alles gut wird und dass es einmal Ruhe und Geborgenheit geben wird.

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