Unheimliche, angstvolle Zustände: Wie wir die Umwelt wahrnehmen, hängt auch von unseren unbewussten Erinnerungen und unseren Beziehungen ab
Wenn du in den Angst-Zustand kommst, fühlt es sich vielleicht an, als sei deine Haut ganz fragil. Die Umwelt kommt dir bedrohlich vor. Es ist, als bebte die Erde, obwohl sie still steht. Es ist, als sei die Luft vergiftet oder als sei alles „verstrahlt“. In diesem Zustand hast du vielleicht Angst, deinen Verstand zu verlieren.
Erklärbar werden diese ängstlichen, zerbrechlichen Gefühle und Wahrnehmungen manchmal, wenn wir uns die Beziehung zu den Menschen anschauen, die uns am nächsten standen. Manchmal ist unser Angstzustand eine Art Erinnerung an Erlebnisse, die wir mit nahen Menschen hatten. Vielleicht ist es sogar eine Erinnerung an die Babyzeit – wo wir vielleicht auch Angst um die Mutter hatten, die vielleicht krank war. Alle möglichen frühen Szenen können in der Gegenwart wohlmöglich wieder wirksam werden – manchmal reicht ein komisches Tageslicht oder ein Samstag-Abend, der uns an die Abschiedsschmerzen erinnert, die wir hatten, wenn die Eltern uns abends allein liessen.
Der Psychoanalytiker Donald Winnicott sprach davon, wie wichtig nicht nur die Mutter, sondern auch die „Umgebungsmutter“ ist. Ähnlich wie das „Übergangsobjekt“, das an die Mutter erinnert, wird die Umgebung wie ein Teil der Mutter erlebt.
Durch die gute Beziehung zur Mutter erlebt das Baby es so, als wenn sich ein „guter Mantel“ zum Schutz über den eigenen Körper legen würde. Auch Verliebte oder Menschen in einer guten Partnerschaft wirken oft so, als fühlten sie sich gut beschützt – fast, als trügen sie eine gute Hülle um sich herum. Dann erscheint die Welt weniger bedrohlich.
Ob wir die Welt da draußen also als gut, sicher und verlässlich wahrnehmen oder als bedrohlich, hängt oft nicht nur von der aktuellen Realität der äußeren Welt ab, sonden auch von der Qualität unserer engsten Beziehungen. Und wer weiss, wieviele Faktoren noch mitspielen – wir sind gerade erst dabei, morphogenetische und elektromagnetische Felder wissenschaftlich zu erforschen. Auch sie können einen Einfluss auf uns haben.
Sigmund Freud sprach von einem Reizschutz. Im Buch „Freud lesen“ (Psychosozial-Verlag 2004) schreibt der Psychoanalytiker Michel Quinodoz: „Die Aufgabe des Reizschutzes besteht also darin, die Psyche vor zerstörerischen äußeren und inneren Energien zu schützen und ihre Verarbeitung zu gewährleisten. Die äußeren Erregungen werden von den Sinnesorgangen aufgenommen, die der Außenwelt nur eine kleine „Stichprobe“ entnehmen, wobei die tiefer im Körperinneren gelegenen Teile der reizemfpindlichen Rindenschicht das System Bw (Bewusstsein) abbilden. Dieses System Bw empfängt aber auch Erregungen von innen her, gegen die kein analoger Reizschutz existiert.“ (S. 316) „…. im Dienste der Abwehr (werden) die inneren Erregungen mithilfe des Mechanismus der Projektion so behandelt, als ob sie von außen kämen.“ (S. 317)
Nicht selten können also auch „innere Gefahren“ wie z.B. körperliche Störungen, aber auch roße Wut sozusagen in die Außenwelt verlegt werden, sodass es aussieht, als käme die Bedrohung von außen, obwohl sie von innen herkommt. Wenn wir selbst ruhig sind, wirkt die Welt real, natürlich und gut.
Während starker Angst kommt es häufig zum Tunnelblick. Wenn wir die Grippe haben, nehmen wir die Welt als „weit weg“ oder verschleiert wahr, wenn wir depressiv sind, kann uns der Frühling nicht im Herzen erreichen, obwohl wir die Blumen de Facto sehen.
Auch die Beziehung bestimmt, wie wir die Welt sehen
„Spiel schön, Mäuschen, ich hab‘ Dich lieb“, sagen wir dem Kind und das Kind läuft fröhlich in die Welt hinaus. Das Licht erscheint ihm schön, die Luft gut, es fühlt sich wohl. „Gleich geht es wieder los“, denkt ein gequälter Mensch, bevor er seine nächste Bezugsperson trifft. Die Welt kann auf einmal wie bedrohlich wirken. Wir sehen die Welt – und manchmal läuft eine bedrohliche Hintergrundmusik, während ein anderes Mal tröstliche oder fröhliche Musik spielt.
Je nachdem, in welchem psychischen Zustand wir sind, so sehen wir die Welt.
Wir können eine schöne Allee plötzlich als bedrohlich erleben, wenn wir innerlich in einen „früheren“ Zustand geraten und wieder übermäßiges Unwohlsein und Angst erleiden. Egal, welche Musik wir hören oder welchen Menschen wir treffen – alles wird als bedrohlich wahrgenommen. Manchmal jedoch kann uns eine Kleinigkeit aus diesem Zustand herausholen: eine bestimmte Melodie, bestimmte Worte, ein technisches Geräusch, ein liebevoller Blick, ein bestimmter Mensch, eine Überraschung, eine besondere Körperhaltung, eine frische Brise.
Können wir mit den Augen eines anderen schauen?
Wenn wir uns in einen anderen Menschen hineinversetzen, meinen wir, uns vorstellen zu können, wie er die Welt sieht. Wenn ich mir meine sehr sportliche Freundin vorstelle, die die Welt bereist hat und in meiner Vorstellung einen „weiten Blick“ hat, kann ich mir vielleicht vorstellen, wie die Welt für meine Freundin aussieht und mit welchen Augen sie die Welt sieht. Ich kann mir bewusst vorstellen, ich sei die Freundin und stelle mir vor, wie diese Freundin die Welt sieht und dann sieht die Welt anders aus.
Die Welt erscheint mir aber auch anders, weil allein der Gedanke an diese Freundin in mir ein Wohlgefühl wachruft.
Wenn unser Partner Fieber hat und er sagt uns, dass er zur Zeit an einer Hyperakusis leidet (Geräusche werden bei Fieber empfindlich laut und eindringend wahrgenommen), dann können wir uns vorstellen, wie er sich fühlt und wie er seine Umwelt gerade wahrnimmt. Wenn wir uns hinsetzen und lauschen „mit den Ohren unseres fiebrigen Partners“, kann es sein, dass wir die Welt auch als lauter und geräuschvoller wahrnehmen.


