OPD: Achse I: Behandlungsvoraussetzungen und Krankheitsverarbeitung. Achse II: Beziehungsgestaltung. Achse III: Konflikte
„Behandlungsvoraussetzungen und Krankheitsverarbeitung“ lautet die Überschrift der Achse I der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD). Hier kann der Therapeut folgende Punkte beschreiben: Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzungen: Seit wann bestehen die Beschwerden? Wann traten sie das erste Mal auf? Zur Krankheitsdarstellung des Patienten: Wie hoch ist der Leidensdruck? Welche körperlichen/psychischen/sozialen Probleme bestehen? Zum Krankheitskonzept des Patienten: Orientiert er sich am Körper? An der Psyche? Am Sozialleben? Veränderungskonzepte des Patienten: Welche Therapie wünscht er sich? Welche Veränderungsressourcen und -hemmnisse bestehen?
Achse II: Beziehungsgestaltung
Eselsbrücke: Zu einer Beziehung gehören „zwei“. Auf der Achse II der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) wird die Beziehungsfähigkeit des Patienten eingeschätzt. Welche „zentralen dysfunktionalen Beziehungsmuster“ zeigen sich? Wie sehen Übertragung und Gegenübertragung aus? Der Psychotherapeut schätzt zum Beispiel das „Interpersonelle Verhalten zentriert auf das Gegenüber“ sowie das „Interpersonelle Verhalten zentriert auf die eigene Person“ ein.
Der Psychotherapeut beobachtet: Wie gut kann der Patient mir (dem anderen) Autonomie gewähren? Wie sehr muss er mich (den anderen) kontrollieren? Wie sehr kann er lieben, wie sehr muss er angreifen? Wie sehr ignoriert er den anderen oder setzt er ihn herab, bestätigt er ihn oder will er ihn beschützen?
Bei der Betrachtung der eigenen Person des Patienten geht es um die Frage, wie sehr er sich behauptet, öffnet, liebevoll hingibt, anklammert, unterwirft, gekränkt ist, zurückschreckt oder sich abschottet.
Und auch umgekehrt: Wie sehr löst der Patient im Gegenüber zum Beispiel das Gefühl aus, ihn beschützen zu wollen? Diese sogenannten „interpersonellen Kreismodelle“ wurden von der Psychologin Lorna Smith Benjamin (geb. 1934) im Jahr 1974 entwickelt.
Vereinfacht gesagt geht es darum, wie der Patient sich selbst sieht, wie er andere sieht und wie andere sich in Gegenwart des Patienten fühlen:
Perspektive A beschreibt das Erleben des Patienten
- Der Patient erlebt sich als …
- Der Patient erlebt andere als …
Perspektive B: Das Erleben der anderen
- Andere erleben den Patienten als …
- Andere erleben sich (in Gegenwart des Patienten) als …
Achse III: Konflikte
Wir können verschiedene Konflikte haben – in uns selbst und mit anderen.
1. Individuation (Autonomie) versus Abhängigkeit: Fühlen wir uns eher frei oder abhängig?
2. Unterwerfung versus Kontrolle: Neigen wir dazu, uns zu unterwerfen, oder wollen wir über dem anderen stehen, um die Kontrolle zu behalten?
3. Versorgung versus Autarkie: Möchten wir uns eher versorgen lassen oder pochen wir auf unsere Eigenständigkeit?
4. Selbstwertkonflikt: Selbstwert versus Objektwert: Fühlen wir uns minderwertig und schämen wir uns oft? Versuchen wir unsere Minderwertigkeit zu kompensieren, indem wir uns als besonders selbstbewusst darstellen? Vielleicht sind wir auch manchmal „größenwahnsinnig“?
5. Schuldkonflikt: Suchen wir die Schuld eher bei uns selbst oder schieben wir gerne anderen die Schuld zu? (Selbst- versus Fremdbeschuldigung)
6. Ödipal-sexueller Konflikt: Unsere sexuellen Konflikte führen vielleicht dazu, dass wir unsere Sexualität einfach nicht mehr wahrnehmen. Sie ist uns nicht mehr wichtig. Dann sind wir im passiven Modus. Es kann auch sein, dass wir andere ständig „anmachen“, aber dann nicht ernsthaft eine sexuelle Beziehung eingehen („Locken und Bocken“ – gefunden auf der hervorragenden Website von Maren Hofmann: Psychotherapie-Neumünster). Dann sind wir im aktiven Modus.
7. Identitätskonflikt: Identitätsmangel versus Identitätssicherheit, Identität vs. Dissonanz: Beispielfragen: Wer bin ich eigentlich? Was möchte ich vom Leben? Wie fühle ich mich als Frau oder Mann? Wie erwachsen bin ich? Habe ich überhaupt ein Recht, zu leben? Welcher Kultur, Religion möchte ich angehören? Welcher Beruf schwebt mir vor?
8. Fehlende Konflikt- und Gefühlswahrnehmung: Intellektualisierung, emotionale Verflachung, asoziales Verhalten und vieles mehr kann die Folge sein
Konflikte: Autonomie versus Abhängigkeit | Versorgung versus Autarkie. Was ist der Unterschied?
„Allein!“, sagt das Kleinkind. Es will alles alleine schaffen, wenn es merkt, dass es ein eigenständiges, aber auch abhängiges Menschlein ist. Dieser Punkt beschäftigt uns ein Leben lang: Kann ich alleine sein? Wo bin ich abhängig von anderen? Muss ich gar einem anderen Menschen körperlich nahe sein, um mich psychisch überlebensfähig zu fühlen? Dieser existenzielle Konflikt heißt „Autonomie versus Abhängigkeit“ oder auch „Individuation versus Abhängigkeit“ (Individuation bedeutet so viel wie „Selbstwerdung“). Dieser Konflikt-Begriff wird auf der Achse III der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) verwendet. Bei der Autonomie geht es also um die Fähigkeit, emotional selbstständig leben zu können.
Bei der (emotionalen) Abhängigkeit geht es um die Frage: „Brauche“ ich den anderen, um mich lebensfähig zu fühlen? Ein Kleinkind in der Phase der Individuation kann „Ich“ und „Nein“ sagen. Ausgereift sind wir, wenn wir zu etwas „Ja“ sagen können, obwohl der andere auch „Ja“ zum Selben sagt. Wir fühlen weiterhin unser Eigenes und fühlen uns nicht verschlungen oder zum Widerstand gezwungen.
Daneben gibt es den Konflikt namens „Versorgung versus Autarkie“. Dieser Konflikt ähnelt dem Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt, doch können wir hier als Eselsbrücke eher an ein altes Ehepaar denken, bei dem man sich fragt, ob der Eine noch ohne den Anderen kann.
Beim (konkreteren) Versorgungs-Autarkie-Konflikt geht es um Fragen wie: „Wie sehr möchte ich den anderen versorgen (vielleicht auch aus einem Schuldgefühl oder Dominanzwunsch heraus)? Wie sehr möchte ich mich versorgen lassen? Möchte ich mich finanziell vom anderen versorgen lassen oder mein eigenes Geld verdienen? Möchte ich lieber alleine in einer Wohnung leben?“
- Die Fragen rund um „Versorgung und Autarkie“ beziehen sich meistens auf eine Beziehung, die schon besteht.
- Der Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt ist existenzieller und oft geht es um Fragen wie: „Will ich überhaupt eine Beziehung eingehen? Kann ich alleine oder zu zweit emotional überleben?“ Oder: „Wie sehr kann ich ‚Ich‘ bleiben in der Beziehung?“
Oft gehen diese Fragen ineinander über und die Trennung der beiden Konfliktformen erscheint manchmal künstlich.
Alloplastische und autoplastische Anpassung/Konfliktlösung
Wenn ich in einen Konflikt gerate, kann ich ihn auf zwei Arten lösen: Bei der alloplastischen Konfliktlösung verändere ich meine Außenwelt, bei der autoplastischen Lösung mich selbst. Die Begriffe „alloplastische“ und „autoplastische Anpassung“ wurden von Sigmund Freud 1924 geprägt. Besonders ausgeprägt ist die „autoplastische Anpassung“ bei Menschen mit Psychosen: Die äußere Realität ist für den Psychotiker nicht zu bewältigen; dies führt zu stark


