Die verschiedenen Arten psychischer Schmerzen

Über einige Formen des psychischen Schmerzes kann man relativ gut sprechen: über Trauer, Neid, Eifersucht, Zorn, Ärger, Wut. Es sind Gefühle, die wir erspüren und benennen können. Doch darunter liegt noch eine andere Schmerzschicht, eine andere Art von Schmerzen: Es gibt namenlose Schmerzen, die sich nur schwer als Schmerzen identifizieren lassen. Meistens äußern sie sich durch eine nicht beschreibbare Stimmung oder ein völlig unverständliches Verhalten. Wir wollen zerstören, sind „schlecht gelaunt“, attackieren die, die wir liebe, finden keinen Sinn mehr im Leben und möchten sterben.

Wenn wir an namenlosen Schmerzen leiden, sind wir wie ein Baby, von dem die Mutter sagt: „Es ist gefüttert, es ist sauber, es ist warm und hat genügend geschlafen – und trotzdem ist es nur quengelig. Ich verstehe es nicht.“ Als Baby hatten wir noch keine Sprache. Wir fühlten „Zustände“.

Beispiel: Ein Baby, das die Vojta-Therapie erhält, spürt höchst wahrscheinlich einen namenlosen psychischen Schmerz. Es ist das pure Entsetzen darüber, dass die Welt so sein kann. Es sind Panikgefühle, die entstehen, wenn man eingequetscht wird, um Hilfe schreit und niemand kommt. Ähnlich kann sich ein Baby fühlen, das zu lange allein gelassen wird. Wenn die Mutter nicht erraten konnte, was uns fehlte, fühlen wir uns unendlich einsam.

Es können dumpfe Schmerzen sein, die sich auch im Erwachsenenalter immer wieder äußern können. Dabei haben wir nicht wirklich ein Gefühl, sondern einen schmerzvollen Zustand, den wir vielleicht schon aus Babyzeiten und Kindertagen kennen. In diesem Schmerz kann es helfen, wenn jemand da ist, diesen Schmerz nachfühlen, aushalten und mittragen kann.

Man könnte diesen psychischen Schmerz auf körperlicher Ebene vielleicht mit einem dumpfen Zahn- oder Rückenschmerz vergleichen. Es ist ein Schmerz wie er zu Beginn einer Geburt entsteht, wo die Frau noch mit Tönen (Anafonesis), mit langgezogenen „Uuuuhs“ den Schmerz tragen kann. Es ist wie der langsame Schmerz der C-Fasern, der sich einige Augenblicke nach dem Fassen auf die heiße Herdplatte einstellt. Eine langgezogene tiefe Trauer über schicksalhafte Erlebnisse in der Vergangenheit, eine tiefe Einsamkeit, eine „Lücke“ im Leben oder eine schmerzliche Körpererinnerung kann sich vielleicht so anfühlen.

Daneben gibt es jedoch auch noch die „hellen, spitzen Schmerzen“, die an den hellen Zahnschmerz erinnern, wenn Saures, Kaltes oder Süßes direkt an den Nerven trifft. Da kann man nur noch aufschreien und zum Zahnarzt gehen.

Diese Schmerzen erinnern an die Schmerzen am Ende der Geburt, wo die Schhmerzen einen fast zerreißen. Es ist ein Ganzkörperschmerz, der sich schwer aushalten lässt. Der entsprechende psychische Schmerz kann sich ganz ähnlich anfühlen: Wir werden furchtbar unruhig, wir „beißen“ die anderen weg von uns und möchten mit dem Auto kurzerhand am liebsten gegen den nächsten Baum fahren. Spitzer, akuter Hass kann so ein Schmerz sein, aber auch eine fassungslose Hoffnungslosigkeit, eine furchtbare, auf die Zukunft gerichtete Verzweiflung. Die Erkenntnis, dass gerade etwas so ist wie es ist, aber sich vielleicht nicht ändern lässt. Es ist eine stechende Einsamkeit, in der man sich hoffnungslos alleine fühlt. Es ist ein erschrockener Blick auf eine furchtbar fantasierte Zukunft.

Psychischer Schmerz ist handfest wie Körperschmerz, vegetative Symptome sind formlos wie unbestimmte psychische Zustände

„Wenn ich Schmerzen habe, leide ich wenigstens nicht unter namenloser Angst“, hast du vielleicht schon mal gedacht. „Immer, wenn mir meine Brust weh tut, bekomme ich schreckliche Panikattacken“, sagt eine andere Frau. Manche Menschen fühlen sich durch körperliche Schmerzen geerdet, andere wieder fühlen sich dann vom Körper bedroht, nicht mehr fähig, zu flüchten und maßlos verloren.

In der Psyche ist es ähnlich wie im Körper: Es gibt „Handfestes“ und weniger Handfestes. Auf der einen Seite kennen wir körperliche Schmerzen, auf der anderen Seite eher schwebende, unförmige Zustände wie Übelkeit, Atemnot und Schwindel, also vegetatives Unwohlsein. In der Psyche gibt es handfesten Schmerz wie Trauer, Neid, Eifersucht, Wut, Alleinsein und Hass oder aber „schwebende“ Gefühle wie die Angst, verrückt zu werden oder Depersonalisation.

Vielleicht kennst Du auch psychisch-körperliche Wechselbäder: Erst kommt die Panikattacke, dann kommen Übelkeit, Schweißausbrüche und Durchfall, also vegetative Reaktionen auf die unbestimmten Angstgefühle. Bei einer „handfesten Phobie“ ist es oft einfacher: Da gibt es eine konkrete Furcht, die man fühlen und benennen kann. Bei der frei flottierenden Angst, bei der Angstattacke, verstehst Du selbst nicht mehr, was los ist. Es fühlt sich an, als seist Du ohne Verbindung zu Dir und anderen.

Unverstanden und allein

Solche bodenlose Ängste erlebten wir möglicherweise schon oft als Kind, wenn uns unsere Mutter verließ und wir nicht wussten, wann sie zurück kommt. Auch wenn wir mit „Einsperren“ bestraft wurden, kennen wir wohlmöglich diese abgrundtiefe Angst. Die Abwesenheit der Bezugsperson, das Eingesperrt- und Getrenntsein kann schwebende Gefühle im Kopf verursachen. Vielleicht kommen Gedanken an den Tod oder die Unendlichkeit. Wenn wir wütend werden, empfinden wir dieses konkrete Gefühl fast als Erleichterung: Wir können sagen, dass wir sauer sind, wir können Dinge wegschmeißen, Papiere zerreißen oder uns mit anderen streiten.

Körperliche Schmerzen sind manchmal angenehmer als Übelkeit, Schwindel, Kribbelgefühle oder Atemnot. Ist der Schmerz jedoch zu stark, kann Übelkeit hinzukommen. Psychischer Schmerz wie Trauer oder Wut kann sich so fest und geformt anfühlen wie körperlicher Schmerz. Sehr unangenehm können jedoch schwer benennbare Gefühle werden, die eher den Namen „psychische Zustände“ verdienen. Dann leiden wir vielleicht an einer angstvollen Ahnung, einem Gefühl des Verlorenseins oder einer Anspannung, die sich nicht beruhigen lässt. „Mir ist so komisch“ sagen wir in einem merkwürdigen psychischen Zustand, aber auch, wenn uns körperlich irgendwie „schlecht“ ist.

Der Schmerz als Erleichterung

Schwebezustände im Kopf sind oft schwer erträglich. „Werde ich verrückt?“, fragst Du Dich vielleicht. Möglicherweise hast Du dabei hyperventiliert, was das Wattegefühl im Kopf verstärkt. Gefühle von Depersonalisation und Derealisation können entstehen. Der eigene Körper fühlt sich vielleicht komisch an und Du kneifst Dich, um ihn wieder zu spüren. Tatsächlich können wir uns durch einen starken körperlichen Reiz wie z.B Kälte oder auch durch eine Wärmflasche irgendwie zurückholen. Manchmal ist es sogar so, dass es uns psychisch irgendwie schlechter geht, wenn sich chronische körperliche Schmerzen irgendwann langsam bessern. Normalerweise erleben wir einen Schub guter Laune, wenn Schmerzen aufhören. Doch manchmal ist es, als würde die Energie, die vorher zur schmerzenden Stelle ging, unsere Psyche quälen, wenn der Schmerz nachlässt.

„Wenn ich richtig fies erkältet bin, habe ich wenigstens keinen Platz für Panikattacken“, können wir vielleicht manchmal sagen.

Übelkeit ist dem Gefühl von Schweben sehr ähnlich. „Uaaah“, sagen wir, bevor wir uns „über-geben“. Wenn wir reisekrank sind, ist uns übel und wir möchten sterben. Wer schon einmal eine Neuronitis vestibularis (Entzündung des Gleichgewichtsnerven) hatte, wird wahrscheinlich sagen können, dass es kaum etwas Schlimmeres gibt.

Beim Sterbevorgang steht so manches Mal nicht der Schmerz im Vordergrund, sondern die Übelkeit. Sie ist „bodenlos“.

Schwebend und fest

Wir fühlen uns wohl, wenn unsere Psyche und unser Körper im Gleichgewicht sind. Wenn wir uns körperlich wohlfühlen, spüren wir zwar unseren Körper, aber wir spüren ihn auch „fast nicht“, weil er uns nicht stört. Fühlen wir uns psychisch wohl, machen wir uns keine Sorgen, grübeln wir nicht und sind wir frei von Angst, dann ist es perfekt. Die ausgeglichene Psyche im sich wohlfühlenden Körper ist eigentlich das, was wir anstreben. Und doch kann genau dieses Gefühl des Wohlfühlens manchmal auch Angst machen, weil wir uns so leicht dabei fühlen. Wir fragen uns: Darf es uns so gut gehen?

Zum echten Wohlfühlen gehört meistens auch ein Gefühl des Verbundenseins. Momente des vollkommenen Wohlgefühls kommen in unterschiedlicher Häufigkeit – manchmal ist es angenehmes Licht, das wir plötzlich wahrnehmen, manchmal fühlen wir uns morgens überraschend ausgeschlafen. In manchen Lebensphasen fühlen wir uns überwiegend schlecht, in anderen recht gut. Manchmal erreichen wir vielleicht ein Wohlgefühl während der Meditation, ein anderes Mal fühlen wir uns so schlecht, dass Meditation alles nur schlimmer machen würde. Es kann sehr spannend sein, zu versuchen, die eigenen Zustände zu beschreiben. Insbesondere Tagebuchschreiben kann hier wie eine wertvolle Forscherarbeit sein.

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2 thoughts on “Die verschiedenen Arten psychischer Schmerzen

  1. susanne anderson sagt:

    am besten wäre man nicht mehr.Lebensqualität gleich ——–‚NULL. ewozu noch leiden
    der Hass ist unerträglich

  2. susanne anderson sagt:

    mein Mann ist ein pflegefall geworden seit 2 Jahren. Wir haben keine Verwandten oder Nachbarn oder wenigstens einen sozialen Kontakt. Alles liegt auf meinen Schultern und ich bin am ende.ich habe am Tag Schmerzen im ganzen körper am schlimmsten im ischias, nachts ist die Hölle. Ich schreie vor Schmerz. Treppe runter ist eine Qual. Ich habe eine unsagbar Wut? Dass keiner mal anrufet.keiner hört meinen Hilfeschrei. als gäbe es mich nicht.

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