Zärtlichkeit ist eine Schicht – warum sie oft so schwer zu ertragen ist

Manchmal stellen wir unsere Borsten auf, sobald uns jemand mit Zärtlichkeit begegnet. Wenn wir nur wenig Zärtlichkeit in unserem Leben erfahren, wächst die Sehnsucht danach. Wenn uns dann jemand zärtlich begegnet, spüren wir nochmal sehr deutlich, was wir alles vermisst haben. Der „Schmerz des Unterschieds“ zwischen der Zärtlichkeit jetzt und dem Mangel, der ansonsten herrscht, ist nur schwer auszuhalten. Zudem kann die gefühlte oder phantasierte Nähe zur Sexualität oft Scham hervorrufen – besonders, wenn die Zärtlichkeit unpassend ist.
Zärtlichkeit kann rasch als zu nah erlebt werden und dann unter Umständen auch mit Ekel verbunden sein. Ekel kann besonders entstehen, wenn jemand, den wir nicht mögen, zu wenig Abstand hält. Wenn wir unter sehr traumatischen Umständen groß wurden, reagieren wir manchmal sogar dann schon mit Abwehr, wenn ein anderer zärtlich mit uns spricht. Zu diesen Traumata kann eine zu frühe und lange Trennung von Mutter oder Vater gehören. Aber auch sexueller Missbrauch sowie frühe medizinische Behandlungen wie z.B. Operationen oder die Vojta-Therapie können es für Betroffene unerträglich machen, sich einem anderen Menschen nahe zu fühlen. Die Gefühle, die dabei ausgelöst werden, sind zu unangenehm.
Zärtlichkeit ist nahe an der Sexualität, nah am Missbrauch, nahe an der Scham und am Gefühl, zu schmilzen und nicht mehr weg zu können. Zärtlichkeit ist eine ganz empfindliche Schicht zwischen Schwäche und Kraft, zwischen Gut und Böse.
Wo etwas Zartes ist, können wir es auch leicht zerbrechen
Zärtlichkeit erinnert uns auch daran, wieviel Kraft in uns steckt. Wenn wir zärtlich sind, spüren wir, wie leicht wir etwas zerdrücken können und vielleicht selbst zerdrückt werden könnten. Vielleicht wird der Drang, etwas zu zerdrücken durch Zärtlichkeit sogar erst geweckt. Es braucht viel Übung für den Fahrer eines großen Trucks, bis es ihm gelingt, das Ungetüm sanft zu bremsen und zu lenken.
Berührung ist oft sehr nah am psychischen Schmerz.
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Danielle Quinodoz:
Worte, die berühren
Brandes & Apsel, 3. Auflage 2002
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Dieser Beitrag erschien erstmals im Februar 2015.
Aktualisiert am 20.10.2025


