Über das Fallen-Gefühl in der Gegenübertragung
„I fall in love“ heißt es, wenn wir uns verlieben. Auf englisch sagt man zu „schwanger werden“ auch „to fall pregnant“. Wenn wir fallen, dann geschieht uns etwas. Mitunter träumen wir in Alpträumen vom Fallen. Als ich einmal eine für mich sehr wichtige Beziehung zu Ende ging, träumte ich, dass sich die Holzpanelen vom Boden hochhoben und darunter ein tiefes Loch sei, in das ich fallen könnte. Die Tiefe ist körperlich spürbar. Wir spüren sie vielleicht vom Herzen an abwärts. Wenn wir fallen, scheint sich das Denken auszuschalten und die Muskeln werden schwach.
Wir verlieren im Fall die Kontrolle, wir werden ohnmächtig, können uns nirgends mehr festhalten. Wir verlieren die Orientierung, haben keine Grenzen mehr. Wir sinken vielleicht wie im tiefen Wasser immer weiter hinab. Wenn wir uns am Körper orientieren, dann ist mit der „Tiefe“, die tiefe Ausatmung verbunden, aber auch der tiefe, dunkle Darm, aus dessen Ende unsere Ausscheidung herunterfällt. Auch unsere Geschlechtsorgane liegen vom Kopf aus gesehen weit unten im Körper. Eine Scheide ist tief. Wenn unsere Beine schwach werden, dann fallen wir. Der Kopf scheint leer zu sein.
In der Psychoanalyse ist es oft relativ „leicht“, über Hass und Wut zu sprechen. Bei diesen Gefühlen haben wir Kraft. Unsere Muskeln sind fest und wir können versuchen, uns zu beherrschen und zu steuern. Auch bei psychischem Schmerz haben wir etwas, woran wir uns festhalten und reiben können. Wir können psychischen Schmerz beklagen. Gefühle des Fallens hingegen sind oft schwer erträglich und schwer zu kommunizieren.
Missbrauchssituationen in der Psychoanalyse haben mit „Fallen“ zu tun. Es braucht genügend Gelegenheiten für Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen, um über dieses Gefühl des Fallens zu sprechen. Obwohl das Fallen im Sinne des „In-Ohnmacht-Fallen“ häufiger den Frauen zugesprochen wird, sind es mehrheitlich die männlichen Therapeuten, die zu sexuellem Missbrauch neigen:
„Im … Band von Marga Löwer-Hirsch mit dem Titel „Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie“ werden männliche Therapeuten als Täter sexuellen Missbrauchs mit 82 Prozent ausgewiesen. 77 Prozent der bekannten Missbrauchsfälle werden nach der hier zitierten Studie in der Konstellation Therapeut/Patientin begangen – und dies über alle psychotherapeutischen Schulen hinweg.“ (Kattermann, Vera: Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie: Zerstörtes Vertrauen und Schuld. Deutsches Ärzteblatt, PP 17, Ausgabe Januar 2018, Seite 17). Und: Schleu, A: Wenn Psychotherapien entglitten sind … Über den professionellen Umgang mit Verwicklungen und Grenzüberschreitungen. In: Schleu A, Schreiber-Willnow K und Wöller W (Hg.): Verwickeln und Entwickeln – Ethische Fragen in der Psychotherapie. Bad Homburg: VAS 2014; 39–58.
Wichtig ist es, sich mit dem „körperlich-energetischen“ Gefühl auseinanderzusetzen, das mit dem Fallen verbunden ist. Dieses Gefühl löst Angst in uns aus, weil wir es so schlecht „handhaben“ und weil wir auch so schlecht darüber sprechen können. Es ist ähnlich wie im Schlaf oder in einem Alptraum: Auch ist es oft fast unmöglich zu sprechen, weil wir unsere Muskeln im Schlaf gelähmt sind. Während wir über Ärger und Wut meditieren können und spüren, wie dieser Ärger nach einer Zeit nachlässt, ist es schwierig, über das Gefühl des Fallens zu meditieren. Doch auch hier merken wir im Warten, wie die Kraft nach einer Zeit wieder zurückkehrt.
Das Gefühl des Fallens ist oft verbunden mit dem Dunklen, dem Bodenlosen, dem Grenzenlosen, aber auch dem „Unheimlichen“, dem Unbewussten und dem Zauber. Das Fallen kann auch mit Verführung zu tun haben („Halb zog es ihn, halb sank er hin“, Johann Wolfgang von Goethe: Der Fischer, 1779). Dem Fallen und Loslassen in der Sexualität steht die Vorstellung des „Festbindens“ entgegen, was oft wiederum selbst zu sexueller Erregung führen kann. Sexuelle Erregung selbst ist oft jedoch wieder greifbarer als ein Sich-in-die-Augen-Schauen, wenn man verliebt ist.
Wir können wieder mehr Halt finden, wenn wir an das Gefühl von „Peinlichkeit“ denken, wenn wir daran denken, dass wir ja auch einen Verstand haben und wenn wir den Gedanken an bewussten Verzicht in uns wachrufen.
Sigmund Freud schreibt:
„Anderseits ist es eine peinliche Rolle für den Mann, den Abweisenden … zu spielen, wenn das Weib um Liebe wirbt, und von einer edlen Frau, die sich zu ihrer Leidenschaft bekennt, geht trotz Neurose und Widerstand ein unvergleichbarer Zauber aus. Nicht das grobsinnliche Verlangen der Patientin stellt die Versuchung her. Dies wirkt ja eher abstoßend … Die feineren und zielgehemmten Wunschregungen des Weibes sind es vielleicht, die die Gefahr mit sich bringen, Technik und ärztliche Aufgabe über ein schönes Erlebnis zu vergessen.
Und doch bleibt für den Analytiker das Nachgeben ausgeschlossen. So hoch er die Liebe schätzen mag, er muß es höher stellen, daß er die Gelegenheit hat, seine Patientin über eine entscheidende Stufe ihres Lebens zu heben. Sie hat von ihm die Überwindung des Lustprinzips zu lernen, den Verzicht auf eine naheliegende … Befriedigung zugunsten einer entfernteren, vielleicht überhaupt unsicheren, aber … untadeligen (Befriedigung). Zum Zwecke dieser Überwindung soll sie durch die Urzeiten ihrer seelischen Entwicklung durchgeführt werden und auf diesem Wege jenes Mehr von seelischer Freiheit erwerben, durch welches sich die bewußte Seelentätigkeit – im systematischen Sinne – von der unbewußten unterscheidet.“ (Freud: Bemerkungen über die Übertragungsliebe, 1915, Projekt Gutenberg)
Wenn wir in die Zauberhülle des Fallgefühls geraten, ist es wichtig, dies zu bemerken und zu beobachten. Manchmal können wir bemerken, welche Körperteile hypoton geworden sind. Durch Aktivierung kann das Gefühl des Fallens mitunter willentlich beendet werden. Über die Aktivierung hypotoner Körperregionen spricht die Körpertherapeutin Merete Holm Brantbjerg.
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