„Es ist wie es ist“ – Sätze, die den Zustand bei vielen Frühtraumatisierten schlimmer machen

„Erlauben wir dem jetzigen Moment, zu sein.“ – „Erlauben wir uns, da zu sein.“ – „Es ist, wie es ist“, hören wir. „Das heißt aber doch nicht, dass es gut ist!“, wagt einer zu sagen. Es gibt Sätze, die tun häufig den Menschen gut, die ein „Mindestmaß“ an psychischer Stabilität haben, die eine behütete Kindheit oder zumindest eine gute Mutter-Kind-Beziehung hatten. Viele Menschen jedoch, die in der Baby- und Kleinkindzeit Gewalt oder Vernachlässigung ausgesetzt waren, bekommen bei diesen Sätzen ein schwer mulmiges Gefühl. Ihr Körper „erinnert“ sich möglicherweise an furchtbaren Qualen von damals – und die Seele auch.

Wenn damals, als wir der Gewalt ausgesetzt waren, jemand gesagt hätte: „Heiße ‚das JETZT‘ willkommen“ oder „Es ist wie es ist“, dann wäre die Hölle perfekt gewesen. Sätze, die vielen „Gesunden“ gut tun und helfen, sind für viele Frühtraumatisierte oft ganz besonders beunruhigend und schwer erträglich. Viele Betroffene wünschen sich, dass diese Zusammenhänge besser verstanden werden.

„Na dann ist es so.“ Es ist leichter, diesen Satz zu sagen, wenn man etwas schon akzeptiert hat. Steckt man noch in Wallung und Entscheidung, ist er eher kontraproduktiv.

Warum manche Lebenshilfen erst bei psychischer Gesundheit helfen

Die buddhistische Nonne Pema Chödrön oder viatnamesische Mönch Thich Nhat Hanh halten wunderbare Reden darüber, wie man sein Leben meistern kann. Pema Chödrön beschreibt in ihrem Video, wie man Halt in der Haltlosigkeit findet. Ihre Sichtweisen und Vorträge sind für psychisch weitgehend gesunde Menschen hilfreich, oft aber nicht für psychisch kranke Menschen – warum nicht?

Psychische Gesundheit hat immer mit Beziehung zu tun. Das Baby lernt in der Beziehung zu seiner Mutter sich selbst, seine Gefühle und seinen Körper kennen. Es erfährt, was es heißt, körperlich und emotional „gehalten“ zu werden und kann diese Gefühle bei gesunder Entwicklung in sich selbst aufbauen.

Der weitgehend psychisch Gesunde kann sich als Erwachsener selbst „halten“, das heißt, er kann über sich nachdenken und innerlich ein „Nestchen“ für seine Gefühle bereitstellen, sodass Gefühle, Erinnerungen und Anforderungen ihn nicht überwältigen. So kann er mit psychischen Hilfsmitteln wie Autogenes Training, Hypnose, „Glauben“ und Religion, mit Meditation und heilsamen Reden etwas anfangen.

Psychisch schwer kranke Menschen haben oft zu wenig gutes „Containment“ bei der Mutter erfahren. Sie sind selbst innerlich haltlos. Meiner Meinung nach kann dieser innere Halt nur in einer engen Beziehung zu einem anderen Menschen aufgebaut werden. Erst, wenn man von außen Halt erfahren hat, kann man diesen Halt in sich selbst spüren und weiter entwickeln. Fehlt diese Erfahrung in der ausreichend guten Beziehung, dann möchte man im Autogenen Training einfach nur noch weglaufen und auch eifriges Üben hilft nur bedingt.

Findet jemand, der vorher haltlos war, durch eine gute enge Beziehung, z.B. in einer Psychoanalyse, die Hilfe, die er braucht, kann das Gefühl entstehen, selbst geborgen zu sein und sich selbst eine Haltefunktion zur Verfügung zu stellen.

Der Erfolg einer Psychoanalyse misst sich meiner Meinung auch daran, dass Menschen, die vorher durch Entspannungsverfahren oder religiöse Themen beunruhigt waren, langsam damit etwas anfangen können. Sie werden langsam genussfähig und können es genießen, sich innerlich wie äußerlich sozusagen einzukuscheln. Emotionale und körperliche Berührung kann immer mehr genossen werden, je gesünder der Betroffene wird.

Mit sich allein sein ist eine Kunst

Wer spürt, dass er innerlich ruhiger und kräftiger wird, der spürt auch, dass er vieles besser ertragen kann, was vorher unerträglich war: ruhig werden, allein sein, sich in einen Kinofilm vertiefen oder einschlafen. Wer so weit gekommen ist, dem helfen zunehmend auch Ratgeber oder die nachdenklichen und fruchtbaren Reden von Mönchen und anderen Lebenshelfern. Oft wird man auch mit zunehmendem Alter zugänglicher für emotionale Berührung. Wer aber eher beunruhigt ist durch „beruhigende Dinge“, die anderen Menschen anscheinend helfen, rätselt oft und zweifelt an sich selbst. Viele sind schon erleichtert, überhaupt einmal zu lesen, dass eine Beunruhigung durch vermeintlich „Beruhigendes“ bei vielen Menschen mit einer schwierigen Kindheit auch „normal“ ist.

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2 thoughts on “„Es ist wie es ist“ – Sätze, die den Zustand bei vielen Frühtraumatisierten schlimmer machen

  1. Dunja Voos sagt:

    Liebe Fischmondfahrt ;-),
    eine schwierige Frage. Ich denke, das „Höllengefühl“ von damals zeigt sich immer wieder im Jetzt, ohne dass der Betroffene es steuern kann. Es wird ihm auf einmal schlecht, er bekommt auf einmal Angstzustände und z.B. Durchfall. Keine verstandesmäßigen Erklärungen helfen – er fühlt sich wie früher. Wie sich das „auflösen“ lässt, dazu gibt es vielleicht viele Wege, vielleicht aber auch gar keine Wege. „Es“ kann immer wieder auftauchen. Meiner Erfahrung nach sind solche Sätze (z.B. „Es ist wie es ist“) für schwer traumatisierte Patienten sehr schwer zu ertragen, ähnlich wie ihnen oft auch Entspannungsverfahren oft zunächst nicht möglich sind. Es könnte eine Frage der Zeit sein …

  2. Fischmondfahrt sagt:

    Hm, dass es damals für die Kinder die Hölle war = ja. Aber was hat das aktuelle Jetzt mit dem Erleben der frühen Hölle zu tun? (Ist die Höllenerfahrung so dominant, dass sie das Jetzt prägt oder verstellt?)
    Und sind diese „Meditationsübungen“ nicht für alle als Versuch gedacht, aus vergangenen und auch aktuellen Erlebenskonzepten herauszutreten und sich einer Wirklichkeitsdimension zu öffnen, die weiter ist als das unmittelbare (und vielleicht durch die Vergangenheit aufgeladene) Empfinden und Denken? Und könnte das für Menschen mit frühen Störungserfahrungen nicht besonders hilfreich und tröstend sein solche transzendierenden Erfahrungen zu machen?
    Ich habe auch frühe Höllenerfahrungen erlebt und glaubte immer, dass genau diese mir ermöglichten, Wirklichkeit zu transzendieren. Auch gerade das Erleben eines reinen Seins habe ich immer als erlösend erlebt.

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