„Aber ihr könnt doch zusammen spielen!“

Zwei Kleinkinder streiten sich um die rote Schaufel. Die Tränen fließen, das Geschrei ist groß. Um Frieden bemüht sagt die Mutter: „Aber ihr könnt doch zusammenspielen!“ Immer wieder ist die Mutter ratlos, weil sie die Vorstellung hat, dass die Kleinkinder doch teilen und sich abwechseln könnten. Aber damit macht die Mutter sich unnötigen Stress, denn die Kinder sind mit zwei und drei Jahren schlicht noch zu klein. Sie können tatsächlich noch nicht zusammenspielen. Das Argument, (Klein-)Kinder bräuchten andere (Klein-)Kinder, um sich zu sozialisieren, ist weit verbreitet. Dabei kommen die meisten Kleinkinder ganz wunderbar ohne andere Kleinkinder aus. Es ist sogar eher so, dass sich die Kleinkinder gegenseitig stressen, wenn es zu viele sind.

Für kurze Phasen am Tag können sie sich gegenseitig anregen. Doch Kleinkinder kommen in der Regel besser mit älteren Kindern klar. Sie werden „sozialisiert“ durch ältere Kinder und Eltern, die schon eine Landkarte in ihrem Seelenleben haben. Kleinkinder orientieren sich an den Erwachsenen oder an älteren Kindern, die ihnen zeigen, wie das Leben geht. Andere Kleinkinder stehen genauso hilflos vor dem Leben wie das eine Kleinkind selbst.

Kleinkinder sind noch viel zu sehr mit dem Festhalten beschäftigt. Gegenstände loslassen und teilen können sie erst später. Für sie sind Gegenstände, die sie in der Hand halten, Teil ihrer selbst. Es ist für sie ein furchtbarer Schmerz, wenn man ihnen etwas entreißt.

Im Zusammensein das Alleinsein genießen

Der Kinder-Psychoanalytiker Donald Winnicott sagte, dass es eine gesunde Erfahrung für Kinder ist, gemeinsam allein sein zu können: Die Mutter backt in der Küche, ihr Kind spielt friedlich auf dem Boden. Jeder macht etwas Eigenes und doch fühlen sich die beiden miteinander verbunden. Dieses friedliche Zusammensein genießen Kinder auch mit anderen Kindern: Jeder spielt etwas Eigenes und doch freuen sich die Kinder, dass sie gemeinsam an einem Ort spielen. Solche Erfahrungen sind immens wichtig.

Entspannung durch Wissen

Eltern, die wissen, dass Kleinkinder tatsächlich noch nicht zusammenspielen können, sind entspannter. Das Zusammenspielen kommt in der Entwicklung erst später. Es ist ähnlich wie mit Spielen, bei denen sich Kinder in andere Menschen hineinversetzen müssen, um das Spiel spielen zu können (z.B. bei dem Spiel „Wer bin ich?“). Bis zum Alter von etwa vier Jahren können Kinder nicht ausreichend gut aus der Sicht des anderen denken, daher können sie dieses Spiel auch nicht spielen – auch nicht, wenn man es mit ihnen übt.

Hierzu gibt es ein Experiment: Man zeigt dem Kind eine Bonbondose. Beim Öffnen der Dose sieht das Kind: Diese Dose ist mit kleinen Buntstiften gefüllt. Dann stellt man dem Kind eine Frage: „Gleich kommt der Tim rein. Du zeigst ihm die Bonbondose. Was meinst Du, was der Tim denkt: Was ist in der Bonbondose drin?“ – „Buntstifte“, wird das Kind von drei oder vier Jahren sagen. Erst ab einem Alter von fünf Jahren wird es antworten: „Tim wird denken, da sind Bonbons drin.“ Da braucht man auch nichts üben – dieser Schritt ist abhängig von der Hirnreife.

Kleine Kinder spielen oft lieber nebeneinander als miteinander.

Es hat nichts mit Egoismus oder Besitzanspruch zu tun, wenn das Kind noch nicht mit anderen so zusammenspielen kann, wie wir Erwachsene das erwarten. Das kleine Kind denkt: Das, was es selbst weiß und sieht, ist die Realität und es denkt, für andere sieht die Welt genauso aus. In der Fachsprache heißt es: die Kinder leben noch im Modus der psychischen Äquivalenz. Darum ist es entspannter, wenn man weiß: Es ist den Kleinkindern schlicht noch nicht möglich, „zusammenzuspielen“, so wie wir Erwachsenen uns das vorstellen – auch, wenn es phasenweise zu sehr süßen Szenen des „Zusammenspiels“ kommt, die oft aber zufällig und meistens relativ kurz sind.

„Hilfe! Mein Kind will nicht mit Gleichaltrigen spielen!“

Ich weiß nicht, woher diese Hektik kommt, aber immer wieder kommen Mütter mit der Frage: „Was kann ich tun, damit mein Kind mit Gleichaltrigen spielen will?“ Wir reden hier nicht von älteren Schülern, sondern von Eineinhalbjährigen, Dreijährigen, Fünfjährigen. Irgendwie herrscht das Bild vor, dass Kinder von klein auf gerne mit Gleichaltrigen spielen. Doch kleine Kinder wollen wachsen und sie suchen die innere Landkarte, die nur bei den Größeren und ganz Großen zu finden ist. Sie spüren, dass das Kleinkind, das neben ihm gerade den Turm umhaut, auch nicht weiß, wie es mit seinen Emotionen umgehen soll.

„Hast Du auch schon Freunde im Kindergarten?“, fragt der Kinderarzt.

Echte Freunde kommen später

Häufig ist es doch so, dass unser enger Freundeskreis aus Menschen besteht, die wir in der Schule, im Studium oder im Beruf kennengelernt haben. Kindergartenfreundschaften sind schön und für viele ein Riesen-Glück, aber viele enge Freundschaften entstehen doch oft sehr viel später. Der Kinderpsychologe Gordon Neufeld schreibt, dass die „Gleichaltrigenorientierung“ sehr viele Probleme mit sich bringt, eben weil insbesondere kleine Kinder untereinander in den entscheidenden Dingen keinen Halt finden. Kinder brauchen uns Erwachsene. Und so manches Kind im Kindergarten tut nichts anderes, als einfach auf das Wiedersehen mit der Mutter zu warten.

Es kann ein Grund zur Sorge sein, wenn ein Kind gar nicht ins Spiel findet. Aber es ist meistens kein Grund zur Sorge, wenn ein kleines Kind nicht mit anderen kleinen Kindern spielt. Es spielt vielleicht für sich allein, aber es geniesst, dass andere da sind. Vielleicht möchte es lieber mit größeren Kindern spielen oder es ist gerade desinteressiert, weil ihm die gute Beziehung zu Vater oder Mutter fehlt. Wenn eine enge Bezugsperson da ist, dann wenden sich die Kinder wieder interessiert dem Spiel und oft auch den anderen Kindern zu.

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 28.2.2015
Aktualisiert am 4.3.2020

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