Filmtipp: Take these broken wings – Schizophrenie heilen ohne Medikamente. Plus Buchtipp: „Der psychoanalytische Beitrag zur Schizophrenieforschung“
„Die meisten Psychiater haben niemals gesehen, wie ein schwer erkrankter Mensch, gesund wird“, sagt der Psychiater Bertram P. Karon in dem Film Film „Take these broken wings“, youtube. Er sagt auch, er habe niemals einen schizophrenen Menschen gesehen, der nicht ein furchtbar erschreckendes Leben hatte. Der Film des New Yorker Filmemachers Daniel Mackler, wildtruth.net (Healing from Childhood Trauma) erschien 2014 und klärt über die Schizophrenie auf. Im Film werden Menschen in einem Park befragt: „Was glauben Sie, was Schizophrenie ist?“
Fast alle Befragten antworten, sie glaubten, Schizophrenie sei eine psychische Erkrankung, die durch ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn entstehe. Fast alle denken, dass die Betroffenen ein Leben lang Medikamente benötigten. Doch parallel dazu werden zwei Menschen in diesem Film befragt, denen es mithilfe ihrer Psychoanalytiker gelungen ist, gesund zu werden.
Zwei Betroffene erzählen
Die Patientinnen sind Joanne Greenberg, goodreads.com (geb. 1932) und Catherine Penny. Sie beschreiben eindrücklich, wie sich die Psychose anfühlt. Joanne Greenberg war in Behandlung bei der Psychoanalytikerin Frieda Fromm-Reichmann, psychoanalytikerinnen.de (1889-1957). Heute ist Joanne Greenberg College-Dozentin und Autorin des autobiografischen Buches „Ich habe dir niemals einen Rosengarten versprochen“ (I never promised you a rose garden, Verlag Signet, 1964). Catherine Penney (geb. 1950), ehemals schwer psychotisch, arbeitet heute als Krankenschwester.
Psychiater und Psychoanalytiker erzählen
Die Psychiater und Psychoanalytiker, die in diesem Film zu Wort kommen, glauben und erleben, dass Medikamente einfach nur die Gefühle kaputtmachen. „Natürlich haben die Betroffenen mit Medikamenten keine Angst mehr – weil sie nichts fühlen können“, erklärt der Psychiater Bertram P. Karon. Der Erfahrung der befragten Therapeuten nach haben Patienten bessere Heilungschancen ohne Medikamente. Sie alle aber sind auch Therapeuten, die bei ihren Patienten bleiben, die mit ihrer eigenen Angst umgehen können und die an die Patienten glauben. Die Therapeuten in den „Hauptrollen“ dieses Films sind:
- DanielleKnafo.com Psychoanalytikerin (IPA), Professorin an der Long Island University C.W. Post Campus (LIU Post), private Universität in Brookville, Nassau County im US-Bundesstaat New York, studierte Psychologie und Literatur an der Tel Aviv Universität-Israel
- Bertram P. Karon, Psychoanalytiker und Psychiater, der zusammen mit Gary R. VandenBos dieses Buch schrieb: „Psychotherapy of Schizophrenia, The Treatment of Choice“ (erschienen 1977, amazon)
- Dr. Daniel Dorman. Der Psychoanalytiker behandelte Catherine Penney acht Jahre lang. Er führte sie heraus aus der Psychose. Fünf Mal pro Woche fanden Sitzungen von je 50 Minuten Dauer statt. Catherine Penney konnte nur sitzen und schaukeln, noch nicht einmal schlucken – ihr Speichel lief ihr einfach aus dem Mund heraus. Später verfasste Daniel Dorman ein Buch über diese Therapie. Der Titel: Dante’s Cure
- Dr. Peter Breggin arbeitet in seiner Privatpraxis in Ithaka, New York und klärt über Psychopharmaka auf. Er gründete das Center for the Study of Empathic Therapy, Education & Living, empathictherapy.org
Zu Wort kommt auch der investigative Journalist Robert Whitaker (Mad in America), der Einblicke über die Zusammenhänge von den Informationskampagnen der Pharmaindustrie und dem Glauben der Menschen gibt.
Buchtipp: Harold Searles: Der psychoanalytische Beitrag zur Schizophrenieforschung
Die „Collected Papers on Schizophrenia and Related Subjects“ des Psychoanalytikers Harold F. Searles (1918-2015) wurden erstmals im Jahr 1965 veröffentlicht. 2008 legte sie der Psychosozial-Verlag neu auf: Das Buch „Der psychoanalytische Beitrag zur Schizophrenieforschung“, Psychosozial-Verlag wurde mit großer Sorgfalt aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Die Sprache stammt ungewohnterweise aus der Zeit vor dem Internet. Man kann schmunzeln, wenn man Formulierungen wie diese liest: „so aber dünkt es mir völlig natürlich …“ (S. 84). In aller Seelenruhe und höchst präzise beschreibt Searles seine Arbeit mit schizophrenen Patienten. Gänzlich unaufgeregt erklärt er, wie das „Verrücktsein“ entstehen und wie die psychoanalytische Behandlung helfen kann.
„Das Bestreben, die andere Person zum Wahnsinn zu treiben – ein Bestandteil der Ätiologie und Psychotherapie von Schizophrenie (1959)“
Ein Blog-Leser empfahl mir in seinem Kommentar dieses Kapitel. Es ist unglaublich interessant – für angehende Psychotherapeuten und Psychoanalytiker ebenso wie für alle Menschen, die sich für das Funktionieren der Psyche interessieren. Den anderen verrückt zu machen, ist manchmal ein reizvoller Gedanke. Schon Kinder spielen Spiele, in denen sie andere Kinder ängstlich oder „verrückt“ machen wollen.
Searles schreibt, dass er glaubt, dass Menschen einen dem „Todestrieb“ vergleichbaren „Psychosetrieb“ in sich haben. Wenn wir damit beschäftigt sind, einen anderen verrückt zu machen oder ihn für verrückt zu erklären, dann können wir von unserer eigenen „Verrücktheit“ ablenken, so erklärt er es. Solche Vorgänge können bewusst ablaufen, aber auch unbewusst.
Wenn Psychotherapeuten ihre Patienten verrückt machen wollen
Sehr interessant wird es an dem Punkt, an dem Psychotherapeuten und Psychoanalytiker diese allzu menschlichen Vorgänge verdrängen. Searles vergleicht den Psychoanalytiker mit einem Chirurgen: Wer Chirurg ist, der heilt seine Patienten nicht nur, sondern er verletzt sie auch. Den Gedanken, andere verletzen zu wollen, hat jeder mehr oder weniger dann und wann. Bewusst oder unbewusst.
Chirurgen verdrängen natürlich gerne eben diesen Gedanken, denn sie wurden ja Chirurg, um anderen zu „helfen“. Ebenso ist es, so Searles, mit Psychotherapeuten: Wer Psychotherapeut wird, möchte psychisch kranken Menschen helfen. Aber der Berufswunsch „Psychotherapeut“ kann auch eine Reaktion auf eigene unbewusste Wünsche sein, andere verrückt zu machen, so Searles.
Auch Psychotherapeuten binden sich gefühlsmäßig an ihre Patienten. Auch sie haben manchmal die bewusste oder unbewusste Sorge, der Patient könnte gesund werden und ihn verlassen. Solche unbewussten Vorgänge können dazu beitragen, dass ein Psychotherapeut streckenweise dem Patienten eben nicht hilft und unbewusst sein Fortkommen verhindert.
Solche Mechanismen können in der Lehranalyse während der Ausbildung zum Psychoanalytiker aufgedeckt werden. An diesen Beispielen zeigt Searles, dass es unerlässlich ist, dass sich der Therapeut so gut wie möglich selbst kennt, bevor er anderen helfen kann. Denn sind die Vorgänge bewusst, können sie gesteuert werden und man kann damit arbeiten. Und so machen viele von Searles Sätzen Hoffnung:
„Es gibt so viele unter uns, die allzugern bereit sind, diese oder jene psychiatrische Krankheit oder diesen oder jenen Patienten trotz einer Fülle an überzeugendem, gegenteiligem klinischem Material als „unheilbar“ zu etikettieren; diese Bereitschaft läßt vermuten, daß wir es hier letztlich mit einer unwissenschaftlich-hoffnungslosen Einstellung zu tun haben, hinter der sich der unbewußte Wunsch verbirgt, diese Patienten in ihrer Krankheit festzuhalten.“ …
„Durch meine Arbeit mit chronisch psychotischen oder neurotischen Patienten, durch meine Tätigkeit als Kontrollanalytiker bei fast zwanzig anderen Therapeuten in Chestnut Lodge … habe ich immer wieder bemerkt, wie gern wir im Verlauf unserer Arbeit mit einem Patienten eine hoffnungslose Haltung entwickeln, damit wir unbewußt der zwar verleugneten, aber desungeachtet starken Befriedigung teilhaftig werden, die uns ein symbiotischer Modus der Patient-Therapeut-Beziehung liefert.“
„In dieser Phase wehren wir uns, sei es auch noch so unbewußt, … gegen die Einsicht, daß der Patient wesentliche Fortschritte machen könnte – Fortschritte, die sich, das sagt uns eine innere Stimme, in Bälde einstellen dürften. Immer wieder geht einem entscheidenden Fortschritt der Therapie solch eine Phase der Hoffnungslosigkeit von Patient und Therapeut voraus, eine Hoffnungslosigkeit, die sich später rückblickend darauf zurückführen läßt, daß sich beide Partizipanten an ihre wechselseitige symbiotische Beziehung geklammert haben.“ (S. 91)
Fazit: Das Buch ist eine Wohltat und lädt dazu ein, es in Ruhe zu lesen. Searles erklärt jede seiner Beobachtungen logisch, so dass er den Leser selten mit offenen Fragen zurücklässt. Es ist so ganz anders als all die modernen Leitlinien, die von Zeitnot, „Strategien“, „Zielen“ und dem Druck der „Wirtschaftlichkeit“ geprägt sind. Es ist nicht zerstückelt von Pharmakotherapie, Neuroanatomie oder bildgebenden Verfahren.
Es konzentriert sich alleine auf das Befinden und die Bedürfnisse des Patienten und Therapeuten. Beim Lesen kann da leicht ein wehmütiges Gefühl aufkommen: das Gefühl, dass man in Searles‘ 50iger Jahren in gewisser Hinsicht „weiter“, oder besser gesagt: ungestörter, war als heute, was die Psychotherapie von Psychotikern betrifft.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Links:
Dr. Ann-Louise Silver, Psychoanalytikerin (ehemalige Analysandin von Harold Searles)
ISPS-US
The International Society For Psychological And Social Approaches To Psychosis
United States Chapter, www.isps-us.org, ISPS Germany
Peter Götzsche – Overdiagnosed & Overmedicated
youtu.be/ZMhsPnoIdy4 (Dank an@haldolleiche auf Twitter für den Linktipp)
Harold F. Searles (1965/2008):
Der psychoanalytische Beitrag zur Schizophrenieforschung. Psychosoyial-Verlag 2008
Robert M. Young: The work of Harold Searles. psychoanalysis-and-therapy.com/…
The International Society for the Psychological Treatments of the Schizophrenias and other Psychoses
isps.org
Dachverband Deutschsprachiger Psychosetherapie (DDPP)
Ähnliche Psychoanalytiker:
George E. Atwood (Wikipedia)
Neville Symington
Beitrag vom 12.5.2026 (begonnen am 30.12.2015)
One thought on “Filmtipp: Take these broken wings – Schizophrenie heilen ohne Medikamente. Plus Buchtipp: „Der psychoanalytische Beitrag zur Schizophrenieforschung“”
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Wenn jemand ohne Medikamente leben kann, sollte man sie ihm nicht andauernd aufschwatzen wollen. Patienten mit der Diagnose Schizofrenie werden nicht wirklich serieus genommen.