„Ich krieg‘ die Krise, wenn ich mich an Regeln halten soll!“ Ernstnehmen hilft gegen Unterwürfigkeit

Wir denken an unzählige Soldaten, die blind im Gleichschritt marschierten, an Leute, die mitmachten, an Menschen, die von nichts gewusst haben wollen. Wir haben gelernt: Regeln können sehr gefährlich sein.

Gerade in der Corona-Zeit wurden wir aufgefordert, uns mehr an Regeln zu halten, denn je. „Es kommt mir vor, als sei ganz Deutschland, ja die ganze Welt hypnotisiert“, sagt ein Mann.

„Ich kann mich nur auf mich selbst verlassen“

Vielleicht lernten wir schon früh: Die Eltern sind verrückt, ich kann nur auf mich zählen. Wir lernten nicht, zu vertrauen, uns anzulehnen, uns zurückzulehnen, uns im positiven Sinn leiten zu lassen. Wir waren auf uns selbst gestellt.

Viele Menschen haben furchtbare Erfahrungen mit Regeln in der Kindheit gemacht – manche wurden mit der Vojta-Therapie behandelt, die erbarmungslos viermal pro Tag durchgeführt wurde. Der Arzt sagte, es sei gut für’s Kind und die Mutter gehorchte gegen ihre innere Stimme.

Manche, die im Chaos aufwuchsen, entwickelten ihre eigenen Regeln. Sie lernten vielleicht höchst diszipliniert, sie versuchten mühselig herauszufinden, was richtig und was falsch war, sie kannten die Mode-Regeln nicht und fühlten sich immer hässlich angezogen.

Manche entwickelten vielleicht Zwänge, um wenigstens irgendeinen Halt in ihrem Leben zu finden. Oft ist den Menschen mit einer traumatischen frühen Kindheit Eines gemein: Sie können und wollen sich nicht an Regeln halten.

Der Untergang

„Wenn ich mich an Regeln halte, habe ich das Gefühl, dass ich mit vielen im Gleichschritt gehe. Keiner blickt mehr nach draußen, jeder wird blind in der Menge. Ich finde es wichtig, dass wenigstens einer gegen den Strom schwimmt, um zu sehen, was von hinten kommt“, sagt eine traumatisierte Frau.

„Ich fühle mich durch Regeln bedroht. Regeln einzuhalten, heißt den Kopf auszuschalten und nicht mehr nachzudenken. Das kann mordsgefährlich werden – man muss immer aufpassen und wachsem sein“, sagt ein Patient.

„Regeln sind Bevormundung. Ich wurde als Kind so sehr bevormundet, dass ich das nie mehr mitmachen will. Deswegen arbeite ich auch als Freelancer in meinem eigenen Büro. Es käme mir nicht in die Tüte, mich in irgendwelchen Hierarchien wiederzufinden“, sagt ein Journalist.

Zwischen Rebellion und Mauseloch

Regeln nicht zu befolgen, kann heroisch sein. Der „Querdenker“, der „Widerstandskämpfer“, der „Whistle-Blower“ – sie sind mitunter Retter in verfahrenen Systemen. Doch wer sich zum Lebensmotto gemacht hat, Regeln nicht zu befolgen, der merkt im Laufe seines Lebens vielleicht, dass er immer wieder in Schwierigkeiten gerät. Regeln grundsätzlich nicht zu befolgen kann zu einem anstrengenden Kampf werden. Nie kann man sich auf eine Gruppe einlassen, nie ein bisschen mitschwimmen.

Vertrauen ist die Voraussetzung für das Einhalten von Regeln

Wer Regeln hasst, hat die Vorteile von Regeln nie emotional kennengelernt. Regeln können dazu dienen, dass man den Kopf ausschalten und spielen kann. Wer spielen will, sich aber nicht an Spielregeln hält, der schafft Chaos, Ernst, Verbissenheit, Unsicherheit, Misstrauen und Skepsis. Regeln regeln das Miteinander. Sie sind eine Frage der Beziehung. Ebenso wie Regeln lebensbedrohlich werden können, so können sie aber auch dem Schutz und der Sicherheit dienen. Wer jedoch selbst nie Schutz und Sicherheit erleben durfte, dem sträuben sich schon die Nackenhaare, wenn er diese Worte nur hört.

Regeln haben mit Vertrauen, Verstand und Vernunft zu tun. Wer keine vertrauensvollen Bindungen kennt, der fühlt sich bedroht, wenn er sich auf Regeln einlässt.

Auch in der Natur gibt es Regeln

Regeln sind jedoch auch etwas Natürliches. Sie ermöglichen zum Beispiel einen gesunden Rhythmus. Eine Regel unseres Körpers ist es, dass sich im Herzen immer zuerst der Vorhof und sich erst danach die Herzkammern zusammenziehen. Hält das Herz diese Reihenfolge nicht ein, gerät es aus dem Rhythmus und es kann gefährlich werden.

Regeln machen Musik und Tanz möglich. Viele Menschen lieben Irish Dance und River Dance, wo viele Tänzer im Gleichschritt die Zuschauer faszinieren.

Wer sich irgendwann traut, sich einmal an Regeln zu halten, der merkt vielleicht, dass er dennoch seinen Kopf nicht dabei ausschalten muss. Er merkt vielleicht, wieviel weniger Kraft es kosten kann, wenn man sich an die Regeln hält und wieviel Lebensfreude es auch bringen kann. Wenn wir uns an Regeln halten, dann können wir auch Gemeinschaft erleben.

Doch immer wieder haben „Regel-Hasser“ mit dem Gefühl der Bedrohung und auch des Verschlungenwerdens zu kämpfen.

„Wenn im Orchester alle mit Aufstrich beginnen und ich das auch tue, habe ich manchmal das Gefühl, ich verliere meine Identität. Ich habe so eine komische Angst, dass ich in der Menge der Streicher untergehen könnte“, erzählt eine Geigerin.

An Regeln kann sich also leichter halten, wer ein gutes Ich-Gefühl hat und nicht immer wieder um seine Identität fürchten muss.

Sich an Regeln zu halten, kann Anpassung bedeuten. Es kann aber auch bedeuten, dass man sich freiwillig dazu entscheidet, sich mittragen zu lassen von den anderen. Auch hier kann wieder Lebenslust entstehen: Wenn ich mich von der Menge getragen fühle und wenn ich fühle, wie ich aktiv mitschwimme, kann das große Lust bereiten. Ich kann auch anderen helfen und Motor in der Menge sein.

Verstehen

Wer die Regeln hasst, hat dafür viele gute Gründe. Doch das Leben kann dadurch schwer werden. Es lohnt sich, sich einmal bewusst für das Einhalten von Regeln zu entscheiden und zu schauen, was dann passiert. Wie fühlt es sich an? Sich bewusst an Regeln zu halten kann auch heißen, darauf zu vertrauen, dass sich im Inneren schon etwas melden wird, wenn etwas nicht gut ist. In jeder Gruppe, in jedem System gibt es unzählige Dinge, die nicht gut sind, die schaden und an denen man sich reibt. Es gibt immer Dinge, die verändert werden wollen.

Wir können uns an Regeln halten und ein gutes Gespür dafür entwickeln, wo etwas nicht stimmt. Dann können wir darüber sprechen und dafür kämpfen, dass sich Dinge ändern. Doch immer wieder können wir auch ausatmen und uns mitziehen lassen, wenn wir einmal keine Kraft mehr haben.

Das Wechselspiel zwischen Mitmachen und Ausklinken

Es ist ein Wechselspiel. Wer sich nie an die Regeln hält, hat genauso Probleme wie jemand, der sich auf Teufel-komm-raus immer an Regeln hält, ohne nachzudenken. Wir können uns an Regeln halten und dennoch weiter nachdenken. Wir haben unsere Sinne, unsere Intuition und unseren Verstand. Und manchmal müssen wir uns sogar eine Weile an Regeln halten, um überhaupt feststellen zu können, was gut ist und was nicht.

In welcher Krise wir auch immer stecken und welche Regeln auch gerade gelten: Jeder hat seine eigene Geschichte. Es ist immer wieder wichtig, die eigene Geschichte zu verstehen, die Dinge zu hinterfragen und mitzudenken.

Wenn jedoch Unterordnung gefordert wird, um in eine Beziehung oder Gruppe hineinzukommen, ohne sichere Aussicht auf Erfolg, wird dies oft zum Eiertanz zwischen Anpassung und Rebellion. Wenn das System nicht klar ist, wenn viele Fragen offen sind, wenn Zuständigkeiten und Verantwortungen verschwimmen, wenn Strafen drohen, dann befinden sich Schüler, Arbeitnehmer oder Auszubildende in einer Zwitterposition. Oft denken sie dann: „Dann mach‘ ich’s lieber gleich allein!“ Doch aufgrund ihres Status sind sie nur in Grenzen berechtigt, Alleingänge zu gehen. Dann entstehen oft unlösbare Situationen. Wenn die Zugehörigkeit sicher ist, heißt „Unterordnen“ auch Geborgenheit. Ist sie das nicht, bleibt es schwierig.

Wir halten nur wenig von unserem Vorgesetzten und müssen trotzdem tun, was er sagt. Wir lernen in Schule, Studium und Ausbildung unzählige sinnlose Dinge. Wir müssen etwas auf eine bestimmte Art durchführen, obwohl wir wissen, dass es bessere Wege gibt.

Wir rebellieren innerlich, aber wir arbeiten die Dinge stillschweigend ab, weil uns scheinbar nichts anderes übrig bleibt, wenn wir Frieden haben wollen. Manchmal aber brechen Rachsucht und Rebellion durch und wir verletzen die anderen zutiefst.

Nach einer Weile bereuen wir unseren Ausbruch. Wir merken, wie wir gemieden werden. Wir wollen wieder dazugehören und geben uns unterwürfig. Doch Unterwürfigkeit und Gehorsam sind nur die andere Seite der Medaille namens „Rebellion“. Wie finden wir aus der Spirale von Gehorsam und Aufruhr heraus? Ganz schwierig: durch Erstnehmen.

Ernstnehmen

Wenn ich mich selbst ernst nehme und den Kontakt zu meinem Innersten halte, dann sind mir meine Bedürfnisse und Belange wichtig. Ich kann mit anderen darüber sprechen. Mit dem Ernstnehmen können wir bei uns selbst anfangen. Nicht mehr gegen uns selbst anreden, nicht mehr uns selbst übergehen – das sind erste wichtige Schritte auf dem Weg. Wenn ich den anderen ernst nehme, dann erkenne ich auch seine Bedürfnisse und seine Verletzlichkeit – ebenso aber auch seine Fähigkeiten. Er mag auf einer anderen Stufe stehen, gefühlt über oder unter mir, aber auch er kennt Angst, Wut, Verzweifeltsein, Leersein.

Manchmal verletze ich andere, manchmal verletzen andere mich – es lässt sich nicht verhindern. Wir können nur achtsam versuchen, den Schaden so klein wie möglich zu halten.

Manchmal werden meine Bedürfnisse erfüllt, manchmal muss ich verzichten. Dem anderen geht es ähnlich, auch wenn wir es in unserem Schmerz, in unserem Neid kaum sehen können. Sind wir schwer verletzt, sind uns die Schmerzen der anderen egal. Manchmal machen wir dem anderen etwas vor, doch wenn er auf das Unechte reagiert, das wir ihm zeigen, dann bleiben wir einsam. Außerdem sind wir verwirrt. Wenn wir den Mut finden, uns ernst und ehrlich zu zeigen, können wir mit anderen in einen ehrlichen Kontakt treten.

Ernstnehmen führt zu guten Begegnungen

Das Telefon reißt mich aus dem Mittagsschlaf. Ich war erschöpft. Ich greife zum Hörer und merke durch die Hintergrundgeräusche sofort: Es ist ein Call-Center. Normalerweise zeige ich mich unfreundlich und sage dem Anrufer, er soll mich sofort aus der Adressdatei streichen. Doch diesmal ist es anders. Ich höre dem Mann zu, höre seine Stimme, höre, wie gestresst er ist. Er spricht in gebrochenem Deutsch. Ich glaube, dass er sicher viele Fähigkeiten hat, aber aus irgendeinem Grund diesen Job jetzt tun muss. Ich höre, dass er vielleicht ebenso erschöpft ist wie ich es gerade bin.

Mit dieser Haltung bitte ich ihn, meine Adresse aus der Datenbank zu löschen. Er antwortet mit einer wohlklingenden Stimme, dass er das gerne tut. Es ist ein kurzer Moment der Begegnung. Mir scheint, er hat begriffen, dass ich das Ganze sehe und dass ich ihn als Menschen ernst nehmen kann. Ich kann die Resonanz spüren. Zufrieden lege ich auf.

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Beitrag vom 22.4.2026 (begonnen am 28.3.2020)

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