Autismus-Spektrum-Störung, Asperger und die Kühlschrank-Mutter: Wie können wir besser differenzieren?

Wenn Du die Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung“ oder „Asperger-Syndrom“ hast, fühlst Du Dich möglicherweise sehr gestresst, wenn Du körperlich nah mit anderen Menschen zusammen bist. Laute Geräusche, Menschenmengen und starke Gerüche belästigen Dich vielleicht stärker als andere Menschen.

Vielleicht hattest Du schon früh einen großen Wortschatz und bist sehr belesen. Viele Betroffene haben auch einen hohen Intelligenzquotienten und ein außergewöhnliches Hobby. Auch auf hypersensible, frühtraumatisierte oder schizoide Menschen können einige der Beschreibungen zutreffen.

Den Wunsch nach Rückzug und die Abneigung gegen Kontakte kennt wohl jeder. Andere Menschen sind anstrengend – besonders dann, wenn uns beispielsweise übel ist. Menschen, die stärkere autistische Züge haben als andere, wirken manchmal sehr auf sich bezogen und gefühlskalt. In der Psychotherapie hat der Therapeut manchmal das Gefühl, sich nicht in den Patienten einfühlen zu können und ratlos vor ihm zu stehen. Auch der Betroffene weiss nicht so richtig, was im Therapeuten vor sich geht. Psychoanalytisch gesprochen ist hier der Vorgang der projektiven Identifizierung gechwächt. Die Psychoanalytikerin Viviana Strauss spricht von einer „Minus Projektiven Identifizierung (-PI)“ als Kommunikationsform.

Auffallend ist, dass das Gefühl von Trauer häufig kaum empfunden und gezeigt werden kann. Trauer entsteht, wenn wir uns wirklich von etwas getrennt fühlen, zu dem wir zuvor eine gute, emotionale Bindung hatten. In der Psychotherapie von sehr unruhigen Patienten mit der Diagnose ADHS lässt sich manchmal beobachten, wie die Unruhe nachlässt, wenn Trauer und Tränen kommen. Bis es dazu kommt, muss man in der Therapie mitunter lange warten.

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Links:

Laura Viviana Strauß (2009):
Zur Metapsychologie des Autismus. „Minus Projektive Identifizierung“ (-PI) als autistische Kommunikationsform. Dissertation 2009
„So möchte ich der Behauptung kognitions-psychologischer Autoren, dass autistische Phänomene in Zusammenhang stünden mit der Abwesenheit einer „Theory of Mind“ (Baron-Cohen, Leslie, Frith 1985) die Vorstellung gegenüber stellen, dass sie eher mit einer Dysfunktion projektiv-identifikatorischer Prozesse (-PI) verknüpft sind, die sich anscheinend in einem Mangel an diesen Prozessen niederschlägt.“ … „Wenn autistische Prozesse am Werk sind, kann der Analytiker die inneren Vorgänge des Patienten nur schwer erschließen, sowie der Patient wiederum kein Bewusstsein für die psychischen Prozesse des Analytikers entwickeln zu können scheint.“ … „Meltzer (1975) und Sacks (1995) beschreiben, wie die Zeichnungen von autistischen Kindern keine perspektivische oder innere Dimension enthalten. Die Kommunikation mit Objekten ohne Inneres kann dann nur zweidimensional erfolgen. Durch den Mechanismus der adhäsiven Identifizierung (Bick 1968, 1995; Meltzer 1975, 1994) entsteht ein sensorisches Kleben am Objekt statt einer Kommunikation durch Projektion und Introjektion, die in die mütterliche Reverie aufgenommen werden kann. Das Objekt wird voller Verzweiflung hauptsächlich sinnlich statt psychisch gesucht, um einen katastrophalen und namenslosen Angstzustand zu vermeiden.“

Ewa Suchareva und Sula Wolff, (1996):
The first account of the syndrome Asperger described? Die schizoiden Psychopathien im Kindesalter.
In: European Journal of Child and Adolescent Psychiatry 5, S. 119-132, link.springer.com/…

Laura Viviana Strauß (2009):
Zur Metapsychologie des Autismus. „Minus Projektive Identifizierung“ als autistische Kommunikationsform. Aus einer psychoanalytischen Behandlung. Dissertation August 2009, Kasseler Online-Bibliothek KOBRA

Bernd Nissen: Zur psychoanalytischen Konzeptualisierung und Behandlung von Störungen aus dem autistischen und autistoiden Spektrum. Psychoanalyse-aktuell.de (Datum leider unbekannt)
„Es ist bekannt, dass sich autistische Kinder harte, häufig metallische Gegenstände ganz fest gegen ihren Körper pressen. Sie spielen nicht mit solchen Gegenständen (z. B. Metallautos), sie werden auch nie Übergangsobjekt. Die Kinder nehmen sie aber mit ins Bett. Wir haben es mit einem autistischen Objekt zu tun, das nach Tustin folgende Funktion erfüllt: „Hardness helps the soft and vulnerable child to feel safe in a world which seems fraught with unspeakable dangers, and about which he feels unutterable terror. These objects help to prevent the realization of bodily separateness, and to promote the delusion that impingements from the outside world are obstructed.”

Bonnie Evans (2017):
The Metamorphosis of Autism: A History of Child Development in Britain. The first autism controversaries. Manchester University Press 2017, ncbi.nlm.nih.gov/…

Dana Schneider:
Diagnostische Kriterien und Standards bei Autismus-Spektrum-Störungen. Präsentation 9.5.2015, autismus.uni-jena.de/…pdf

Malika Delobel-Ayoub et al. (2015)
Socioeconomic Disparities and Prevalence of Autism Spectrum Disorders and Intellectual Disability
Plos One, November 5, 2015, doi.org/10.1371/journal.pone.0141964 , journals.plos.org/… : The prevalence of ASD with associated ID and of severe isolated ID is more likely to be higher in areas with the highest level of deprivation.

Frances Tustin Memorial Trust, youtube.com, frances-tustin-autism.org „… it always ends up being explosive and destructive.“

Michael Schmid, Peter Widmer (Herausgeber)
Psychosen: eine Herausforderung für die Psychoanalyse; Strukturen – Klinik – Produktionen
„Für Saettele handelt es sich beim Autismus um die verfehlte Begegnung mit dem Realen, für die er den von Didier-Weill entlehnten Begriff sidération verwendet – eine besondere Form der „Entgeisterung“.“
transkript-Verlag 2007: S. 16, www.ssoar.info/…

Nicoletta Vegni et al. (2021)
Empathy, Mentalization, and Theory of Mind in Borderline Personality Disorder: Possible Overlap With Autism Spectrum Disorders. Front. Psychol., 11 February 2021, Volume 1 – 2021 | doi.org/10.3389/fpsyg.2021.626353 , www.frontiersin.org/… : Over time the hypothesis has been confirmed that at the basis of the social compromises characterizing autism there are impairments in theory of mind (ToM), i.e., the ability to attribute mental states to people in order to explain and predict their behavior (Baron-Cohen et al., 1985; Baron-Cohen, 1995).

Raphael Bonelli
Psychiater analysiert die Hysterie um die Rede von J.D. Vance. youtube.com
„Abwehrmechanismen haben sehr häufig mit Abwertung zu tun.“

Sabine Hossenfelder:
Why is everyone suddenly neurodivergent? youtube.com

l’imitation chez l’enfant autiste – Jacqueline Nadel, youtube.com

Autisme : Ewan et l’imitation, youtube.com

Autism Misdiagnosis – Can a Child Have Autism Symptoms, But Not Be Autistic? youtube.com

Paul Ekman, Wallace Friesen und Joseph Hager: Facial Action Coding System (FACS)

www.autismus-frueherkennung.de, eine Website des Arztes Jochen Busse

Französisch: Trouble du Spectre de l’Autisme (TSA), pole-autisme.ch, Genève

Beitrag vom 25.4.2026 (begonnen am 27.5.2012)

9 thoughts on “Autismus-Spektrum-Störung, Asperger und die Kühlschrank-Mutter: Wie können wir besser differenzieren?

  1. modean sagt:

    Hallo Frau Voos,

    ich moechte Sie auf nachfolgenden Text eines Kollegen aufmerksam machen. Er deckt sich am ehesten mit meiner eigenen Erfahrung und stellt zudem eine Beschreibung der Innensicht von Autismus Patienten und Patientinnen dar.

    Im Grunde handelt es sich, entsprechend Text, um eine Kommunikationsstoerung.

    http://kj-psychotherapie-saloga.de/Veroeffentlichungen/E-KJP_182_Saloga.pdf

    Viele Grüsse
    modean

  2. modean sagt:

    Hallo Frau Voos,

    ich habe mir noch überlegt, warum ich die Dinge so differenziert auseinander nehme, um sie zu verstehen.

    Ich denke das was mit mir passiert, wenn einer sagt Asperger sagt man nicht, da veraltet bzw. sogar noch historisch belastet, dann merke ich mir das oft so genau als sei es ein Gesetz.

    Nun habe ich bei meiner Recherche gelernt, manche Betroffene haben mir das auch zurück gemeldet, dass sie sich mit Ihrer Asperger Diagnose sehr wohl identifizieren. Sprich hier das Wort bzw. die Bezeichnung verbieten zu wollen, würde dazu führen, dass ich mich gerade gegenüber diesen Menschen wieder falsch verhielte, indem ich die Bezeichnung gerade nicht verwende bzw. dafür etwas anderes nutze. In manchen, vergleichbaren Situation werde ich dann gerade wieder korrigiert.

    Also habe ich doch gelernt, dass die Dinge oft nicht dichotom sind und deshalb will ich sie genau verstanden haben.

    Am Ende wird es auch so sein, dass es hinter einer Sache keine Gesetzmäßigkeit gibt, sondern jemand will einfach etwas nicht, warum auch immer und das bekommt man nur gemeinsam und individuell im Gespräch miteinander heraus.

    Vielleicht hilft das auch denen, die hier schreiben, dass sie bestimmte Begrifflichkeiten nicht haben wollen. Viele dieser Begrifflichkeiten entspringen einem bestimmten Kontext. Im ICD System werden nun einmal „Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ kodiert. Da ist das Klassifikationssystem sprachlich einfach sehr technisch und somit menschlich wenig wertschätzend.

    Viele Grüsse
    modean

  3. modean sagt:

    Hallo Frau Voos,

    speziell in den sozialen Medien wird mit Bezug auf ICD-11 vermehrt über den Begriff Asperger und Asperger-Syndrom „gestritten“.

    Oft wird darauf bestanden, dass beide Begrifflichkeit veraltet seien und zudem historisch konnotiert, da Hans Asperger im Nationalsozialismus angeblich an entsprechenden Aktionen beteiligt war.

    Ich empfand diese Argumentation mit Bezug auf ICD-11 und den historischen Kontext zum einen befremdend und zum anderen nicht schlüssig. Deshalb finde ich es gut, das Sie den Autismus-Kultur Artikel zu Hans Asperger verlinkt haben. Diesen hatte ich auch recherchiert und ich empfinde ihn als sehr ausgewogen und differenziert in seiner Darstellung der Person Hans Asperger.

    Am Ende des Artikels wird ja auch auf Asper-Syndrom als Begriff und Diagnose eingegangen und gesagt, dass letztlich die Betroffenen selbst für sich entscheiden müssen, ob sie diesen Begriff für sich gebrauchen wollen oder eben nicht. Das empfinde ich ebenso als schlüssig und stimmig, verglichen mit dem Ansatz, anderen vorschreiben zu wollen, wie sie sich auszudrücken haben.

    Bezogen auf die ICD-11 wird argumentiert, die ICD-10 Autismus-Typen gäbe es nicht mehr und entsprechend gäbe es nur noch ein Spektrum bzw. Kontinuum auf dem sich eine Person befände. Deshalb sei es unangebracht Menschen weiterhin in Typen zu unterteilen.

    Ich hatte diesen Zusammenhang auch schon in der Vergangenheit recherchiert und die Kontinuumhypothese ist ja nicht nur etwas, was für Autismus spezifisch wäre, sondern bei anderen Störungen wird mitunter auch davon ausgegangen, dass es keine „Schubladen“ gibt, mittels derer man einzelne Personen bzw. deren Störung voneinander abgrenzen könnte. Stattdessen ist die Störung entsprechend stark oder eben weniger stark auf einem Kontinuum ausgeprägt.

    Vielleicht trifft das auf vieles im Leben zu. Man kann Menschen eben nicht vermessen oder gar mathematisch exakt beschreiben. Deshalb ist die Argumentation bezogen auf die ICD-11 für mich ebensowenig schlüssig. Denn die ICD ist ja ein Kodiersystem und wenn man dort unter „Mental, behavioural or neurodevelopmental disorders“ nach schaut, ist dort ASS wiederum in Typen/Klassen (6A02. …) kodiert. Also hat man auch dort in diesem System Schubladen im weitesten Sinne.

    Am schlüssigsten ist es da für mich, anzuerkennen dass die ICD eben ein Kodiersystem ist, das dazu dient, entsprechend der Schublade plus Code Zahlungen der Kassen zu ermöglichen. Das wäre eine pragmatische Sicht auf die Dinge.

    Viele Grüsse
    modean

  4. Shaina sagt:

    Sehr guter Artikel zum Aspberger Syndrom. Ich bin selbst praktizierende Therapeutin und arbeite seit 10 Jahren mit Kindern im Autismusspektrum in Kalifornien. Ich bin gerade dabei eine website mit erziehungsratschlaegen fuer Eltern ins Leben zu rufen. Schau doch auch mal auf meiner Seite vorbei wenn du Lust hast.

    Grusse aus Thousand Oaks, CA!

  5. Nina Bredemeier sagt:

    Hallo,

    ich finde es nicht gut, dass Autismus im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen genannt wird.
    Autisten haben einfach nur eine andere Funktion des Gehirns. Sie nicht krank.

    N.B.

  6. Hugo Trawny sagt:

    Aspies sind keine Behinderten! Hochfunktionale Autisten sind diejenigen, die nicht nur in der Lage sind Probleme aus unüblichen Blickwinkeln zu betrachten und dadurch Erkenntnisse gewinnen, die ein „normaler“ Mensch nie erwerben könnte. Außerdem kann nur ein Autist „an der im Weg stehenden Wand“ vorbei zu denken.und damit ganz neue und effektive Lösungen präsentieren. Als Entwickler von Hard- und Software in einem Elektroniklabor dachte ich fast zwei Jahrzehnte lang ich sei einfach leistungsfähiger und qualifizierter als mein Umfeld.
    Heute ist mir klar, daß ich nur eine besondere Gabe in meine Wiege bekommen habe, die es mir leicht macht andere Blickwinkel zu nutzen und an Wänden vorbei zu denken, So gesehen ist Asperger Autismus keine Behinderung sondern eine Bereicherung für die Gesellschaft. Und wenn man nach über 50 Jahren gelernt hat wie Mimik/Gestik/Tonfall und angemessene Wortwahl (oder auch Mund halten) funktionieren, dann fällt man unter „Normalen“ (fast) nicht mehr auf. Manchmal kommt der Autist trotzdem noch durch. Und das ist gut so!

  7. Ich bin selbst vom Asperger-Syndrom betroffen und lese es gar nicht gerne, Asperger-Autisten seien behindert oder gar „krank“, was auch daran liegt, dass ich nach wie vor zwischen „Autismus“ und dem „Asperger-Syndrom“ unterscheide. Wenn der „Gott der Autisten“ Tony Attwood der Auffassung ist, Menschen mit Asperger-Syndrom profitierten mehr von ihren „Einschränkungen“ als dass sie unter ihnen leiden, so ist das dessen Meinung. Ich – und meine Mitmenschen – sehen das anders. Schon die Bezeichnungen „Autie“ und „Aspie“ sprechen dafür, dass autistische Menschen nicht ernst genommen werden.. Kein Wunder, führen einige Organisationen diese unmöglichen Bezeichnungen im Namen.
    Kein Diabetiker würde sich als „Diabeti“ bezeichnen lassen, kein Mensch, der unter rheumatischen Beschwerden leidet, dürfte es schätzen, „Rheumii“ genannt zu werden.

  8. Jay sagt:

    Sehr interessant. Ich erinnere mich sehr gut daran, während meiner Zivildienstzeit, vor knapp fünfzehn Jahren, mehrere autistische Menschen näher kennengelernt zu haben.
    In Erinnerung geblieben ist mir, wie unterschiedlich sie alle waren, trotz desselben Krankheitsbildes.
    Ich kann mir vorstellen, dass es sehr viele Menschen gibt, die mit dem Asperger-Syndrom leben und leiden, aber nie die richtige Behandlung erfahren, weil es einfach nicht bemerkt bzw. diagnostiziert wird.

  9. speybridge sagt:

    Es gibt zwei sehr sympathische Blogs einer hochbegabten Frau, die erst spät – durch die Asperger-Diagnose bei ihrem Sohn – selbst als betroffen diagnostiziert wurde und sehr reflektiert über sich und ihre Leben schreibt:
    http://meineweltistanders.wordpress.com/
    und
    http://aspergerfrauen.wordpress.com/

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