Psychoanalytisches Feld: Zwischen Zweien breitet sich etwas aus.

Wenn zwei sich unterhalten, entsteht etwas Drittes. Im psychoanalytischen Behandlungszimmer entsteht eine spezielle Atmosphäre zwischen Analytiker und Analysand. Manchmal scheinen Mutter oder Vater des Patienten geradezu anwesend zu sein, manchmal ist deren Abwesenheit spürbar. Auch die Gestaltung des Raums, die Jahreszeit, das Tageslicht spielen eine Rolle. Bei Analytiker und Analysand entstehen gemeinsame Phantasien. Alles, was sich in der Analyse ausbreitet, wird als „Psychoanalytisches Feld“ bezeichnet. Geprägt wurde der Begriff Anfang der 60er Jahre von den Psychoanalytikern Madeleine Baranger (Psychoanalytikerinnen.de) und Willy Baranger und nochmals neu von Antonio Ferro (2003, Psychosozial-Verlag).

„Seinen Ausgang nahm das psychoanalytische Feldkonzept in den 60er Jahren durch die Arbeiten von Willy Baranger (1922-1994) und Madeleine Baranger (1920-2017). Charakteristisch für das Feldkonzept ist die Verwendung eines narrativ-tranformativen Stils, sodass Analytiker und Analysand gemeinsam ein sich fortlaufend änderndes Narrativ neuer Inhalte und Bedeutungen weben.“ Ingo Focke, Harald Kamm: ZwischenWelten. Forum der Psychoanalyse, Volume 34, pages 5–6, Springer 2018, link.springer.com/article/10.1007/s00451-018-0303-5

Man könne sich das Gesagte und das Geschehene wie etwas Gewebtes vorstellen, so der Psychoanalytiker Antonio Ferro. An diesem Gewebten arbeiten beide und es kann in verschiedene Richtungen „weitergestrickt“ werden. Mit der Richtungsänderung verändere sich auch die Atmosphäre zwischen beiden. Es gibt zunächst ein bipersonales Feld: Da sind der Psychoanalytiker und der Patient. Dann wird dieses Feld wie eine Bühne bevölkert, indem der Patient von seiner Schwester, seinen Eltern, seinem Hund erzählt (siehe Ferro 2003: Das bipersonale Feld. Psychosozial-Verlag 2003).

Der deutsch-amerikanische Psychologe Kurt Lewin (1890-1947) entwickelte die Feld-Theorie. Er wird oft auch als Begründer der Sozialpsychologie bezeichnet und trug vieles zur Gruppenpsychotherapie bei.

Das Feld breitet sich aus

Der Begriff „psychoanalytisches Feld“ ist der Gestaltpsychologie entlehnt (siehe „Feldtheorie“, Wikipedia). In der Analyse entsteht ein „bipersonales Feld“, das sich räumlich und zeitlich ausbreitet und eine Funktion hat. Obwohl nur zwei Personen anwesend sind, entsteht eine Art Triangulierung: Etwas Drittes, neu Entstandenes ist zwischen den beiden an- oder abwesend. Wichtig ist es, dass der Analytiker sich erlaubt, sich teilweise verwickeln zu lassen. Es entsteht in der Übertragung und Gegenübertragung eine „Mikro-Neurose“ oder eine „Mikro-Psychose“ zwischen beiden. Wenn der Analytiker versteht, was vor sich geht und er eine Deutung ausspricht, dann ist das erleichternd für den Analytiker und den Patienten. Eine besondere Bedeutung haben hierbei auch die Körper des analytischen Paares – verschiedene Beschwerden und Empfindungen können auf unbewusste Prozesse hindeuten.

Vorfeldphänomen

Schon bevor sich ein Psychoanalyse-Patient (= „Analysand“) mit dem Psychoanalytiker im Behandlungszimmer befindet, kommt es zu vielen kleinen Szenen, die auf das Problem des Patienten hinweisen können. Wie ruft er an? Was passiert im Eingangsbereich? Wer hält wem die Tür auf? Szenen, die sich schon vor der (ersten) Sitzung abspielen und dazu beitragen, den Patienten zu verstehen, nennen Psychoanalytiker „Vorfeldphänomene“. Der Begriff wurde von dem Psychoanalytiker Hermann Argelander (1920-2004) geprägt, der als Kind gehörloser Eltern aufwuchs.

„Ist das meins oder gehört das zum Patienten?“

Wie kann ich unterscheiden, ob mein Körpergefühl vom Patienten ausgelöst wurde oder ob es nichts mit dem Patienten zu tun hat? In einem Seminar von Beatrice Pattas und Ulrich Schultz-Venrath fand ich eine mögliche Antwort: Man schreibe sich auf, wie man sich fühlt, kurz bevor der Patient kommt. Dann achte man darauf, was sich ändert, während er da ist und versucht zu fühlen, wie es ist, wenn er wieder weg ist. Mehr zum Körper in der Gegenübertragung in diesem Buch: Ulrich Schultz-Venrath: Mentalisieren des Körpers, Klett-Cotta, 2021.

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Links:

The “Field“: Antonino Ferro
„The beta-elements appear to proliferate and overwhelm the analyst or the alpha function of the field. This is until a ’super alpha-function‘ (night time dreaming) is able to metabolize the undigested beta-elements.“ www.virtualpsychoanalyticmuseum.org, ein Film von Timothy Chan timtoonz.blogspot.com/… und Team des Sheridan College, Kanada 2010. „Explores the mind of a Psychologist“, schreibt Timothy Chan auf Youtube (23.8.2010): youtube.com/…

Thomas Fuchs:
Phänomenologie der Stimmungen
in: Stimmung und Methode, Mohr Siebeck 2013
www.researchgate.net/… „Bis heute gelten Stimmungen und Gefühle als private, ‚mentale‘ Phänomene, die aus einer Bewertung äusserer Reize im Geist oder Gehirn eines Individuums resultieren, während die objektive, physikalische Welt bar jeder affektiven Qualitäten oder Bedeutungen ist. Stimmungen jedoch widersetzen sich der Aufteilung der Welt in Innen und Aussen.“

Willy and Madeleine Baranger (2008):
The analytic situation as a dynamic field.
Internat. J. Psychoanal., 89: 795-826.
DOI: 10.1111/j.1745-8315.2008.00074.x
onlinelibrary.wiley.com/…

Nora Binder
Kurt Lewin und die Psychologie des Feldes
Zur Genese der Gruppendynamik
Mohr Siebeck, 2023, www.mohrsiebeck.com/…

Faimberg H. (1996):
Listening to listening
Int J Psychoanal. 1996 Aug; 77 (Pt 4): 667-677
www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8876328

Antonio Ferro (2003):
Das bipersonale Feld. 
Psychosozial-Verlag 2003

S. Montana Katz (2013):
General Psychoanalytic Field Theory: Its Structure and Applications to Psychoanalytic Perspectives
Pages 277-292 | Published online: 17 May 2013
dx.doi.org/10.1080/07351690.2013.779894
www.tandfonline.com/…

Danielle Bazzi (2022):
Approaches to a contemporary psychoanalytic Field Theory: from Kurt Lewin, Georges Politzer and José Bleger, to Antonino Ferro and Giuseppe Civitarese.
Int J Psychoanal 2022 Feb;103(1):46-70
doi: 10.1080/00207578.2021.1964971

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Eine nicht ganz zufällige Begegnung: Kurt Lewins Feldtheorie und Siegfried Bernfelds Psychoanalyse im Berlin der späten 20er Jahre.
Zeitschrift für Psychologie, 209, 417-431, Hogrefe
www.psychologie.uni-frankfurt.de/….

Mark K. Smith:
Kurt Lewin: Groups, Experiential Learning and Action Research
The Encyclopedia of Informal Education, June 2001

Anthony Bass (2001):
It Takes One to Know One; or, Whose Unconscious Is It Anyway?
Psychoanalytic Dialogues, The International Journal of Relational Perspectives
Volume 11, 2001 – Issue 5, doi.org/10.1080/10481881109348636
www.tandfonline.com/…

Dunja Voos (2018):
Emotionen und Übertragungskonzept
PiD – Psychotherapie im Dialog 2018; 19(01): 66-71
DOI: 10.1055/s-0043-123296
www.thieme-connect.com/…

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 6.3.2017
Aktualisiert am 8.6.2019

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