Psychodynamik, Psychostatik und Tiefenpsychologie – worin liegt der Unterschied zwischen tiefenpsychologischer und analytischer Psychotherapie?

Unbewusstes und Bewusstes greifen ineinander, stehen nebeneinander oder kämpfen miteinander. Manchmal wenden wir viel Kraft auf, damit Teile von uns nicht ans Licht kommen. Das nennt man Abwehr. Zum Beispiel versuchen wir unsere Rede-Angst abzuwehren, um sie vor der Gruppe, vor der wir sprechen, zu verstecken. Die Bewegungen und Kraftakte, die in der Psyche aufgrund von Konflikten und Ängsten stattfinden, sind die Psychodynamik.

Wenn Psychotherapeuten für ihre Patienten bei der Krankenkasse eine Kostenübernahme beantragen, dann schreiben sie einen Bericht an den Gutachter. Ein Unterpunkt des Berichtes ist die „Psychodynamik“. Hier wird alles, was sich in der Psyche des Betroffenen abspielt und dadurch zu Symptomen und Problemen führt, beschrieben:

Welche Konflikte bestanden bereits als Kind? (Infantile Konflikte)
Welche „Triebe“ mussten unterdrückt werden?
Was hat die Konflikte wiederbelebt? (Aktuelle Konflikte, „Zweizeitigkeit“)
Wo besteht ein Wiederholungszwang?
Wie wird der Konflikt abgewehrt (Abwehrform, intrapsychische oder interpersonelle Abwehr)? Wie sieht das Ergebnis aus, also der „Kompromiss“/das „Symptom“?
Was ist dem Patienten bewusst und unbewusst?
Was symbolisieren die Symptome des Patienten? Zeigen sie den Wunsch des Patienten und/oder die Angst vor dem Ausleben von Impulsen? Welche Bedeutung hat das Verhalten/das Leiden/das Symptom für den Patienten selbst und für andere?
Wie sieht die Persönlichkeitsstruktur aus? Wie wurden die infantilen Konflikte bewältigt? Welche habituellen (= gewohnheitsmäßigen) Abwehrmechanismen zeigt der Patient?

Beispiel für psychodynamische Zusammenhänge: „Frau A. litt bereits als Kind unter der Abwesenheit ihrer Mutter. Dadurch kommt es bei ihr rasch zu Trennungsängsten. Diese werden schon dann aktiviert, wenn sie nicht weiß, wo ihre Bezugsperson gerade ist. Therapieziel ist es, die traumatische Erfahrung aus der Kindheit zu bearbeiten, die Selbstständigkeit zu stärken und die Angsttoleranz in Trennungssituationen zu erhöhen. Die haltgebende therapeutische Beziehung kann der Patientin helfen, neue Repräsentanzen von stabilen Beziehungen aufzubauen.“

Was ist Tiefenpsychologie?

Die Tiefenpsychologie ist die Psychologie des Unbewussten – zu ihr gehören die Psychoanalyse von Sigmund Freud, die Analytische Psychologie von Carl Gustav Jung und die Individualpsychologie von Alfred Adler. Tiefenpsychologische Therapieverfahren heißen auch Psychodynamische Verfahren. Das Wort „Tiefenpsychologie“ ist auf den deutschsprachigen Raum begrenzt – international spricht man von Psychodynamischer Psychotherapie. Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie wird ein- bis zweimal pro Woche im Sitzen durchgeführt.

Der Begriff „Tiefenpsychologische Psychotherapie“ wird im deutschsprachigen Raum verwendet. Auf Englisch spricht man einfach von „Psychodynamic Therapy“.

Der Unterschied zwischen tiefenpsychologischer und analytischer Psychotherapie liegt in der Weite des inneren Raums

Wer eine Psychoanalyse-Ausbildung macht oder gemacht hat, der denkt und auch in einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie (TfP) psychoanalytisch. Doch häufig kommt man in der Psychotherapie-Sitzung an eine Weggabelung: Auf einmal tut sich etwas auf. Man erahnt und erfühlt ein unbewusstes Geschehen. Man bemerkt die Art der Übertragung. Plötzlich breitet sich vielleicht ein Unbehagen aus, ein sadistisches Gefühl, Ärger, Neugier, Abgestoßensein, was auch immer. Hier spürt man als Therapeut: Es tut sich was. Doch der Uhrzeiger schreitet voran und man hat kaum Zeit, sich die Szene weiter ausbreiten zu lassen.

Damit der Patient bis zur nächsten Stunde emotional nicht überfordert ist, versucht man als Therapeut, das Erlebte in Worte zu fassen und Zusammenhänge herzustellen. Man erklärt etwas oder kommt noch rasch zu einer Schlussfolgerung und schon ist die Stunde vorbei. In einer Psychoanalyse hätte man länger schweigen können und abwarten, was vom Patienten kommt.

Das Unbewusste im Zaum halten

In der Psychotherapie sitzt man sich gegenüber und kann an Körperhaltung und Mimik sehen, wie es dem Gegenüber geht. Der Patient richtet sich in dem, was er sagt, leichter nach dem Therapeuten, wenn er ihn im Blick hat. Weil man sich in der Psychoanalyse nicht sieht, können sowohl der Patient als auch der Analytiker ungestörter ihren Gedanken nachgehen: Beide können die Augen schließen und zeitweise in einen tranceartigen Zustand gelangen. Das Erleben in der Psychoanalyse ist daher meistens intensiver als in der TfP.

Es kann nicht aufblühen

Der größte Unterschied zwischen TfP und Psychoanalyse besteht wohl darin, dass „Es“ (das Geschehen, die Übertragung, das Gefühl, die Phantasie) in einer TfP oft nicht ausreichend aufblühen kann. Immer wieder kommt der Analytiker an den Punkt, an dem er vielleicht denkt: „Schade – in einer Psychoanalyse könnte ich jetzt schweigen und sich die Atmosphäre ausbreiten lassen. Ich könnte mit dem Patienten tiefer eintauchen. Ich könnte das Leiden, das jetzt in dieser Stunde entsteht, ausgedehnter zulassen und genauer erfassen. Der Patient und ich könnten ausführlicher Phantasien entwickeln und in Ruhe erspüren, was da ist. Selbst, wenn der Patient ‚leidet‘, so ist es für ihn aushaltbar, weil wir uns morgen wiedersehen.“

Rascher lenken

In einer TfP hat der Therapeut häufiger das Bedürfnis, den Patienten eher aufzufangen und das Geschehen zu begrenzen. Dadurch kann auch der Patient hin zu einer gesünderen Abwehr finden.

Der Therapeut sagt in der TfP vielleicht etwas Ressourcen-Orientiertes oder spricht eine Deutung aus, die er in der Psychoanalyse lieber noch eine Weile für sich behalten hätte, um zu überprüfen, ob sie stimmig ist und um dem Patienten Zeit zu geben, eventuell selbst auf die Antwort zu kommen.

In einer TfP muss der Psychotherapeut häufig rascher einlenken. Der Therapeut sorgt meistens dafür, dass der Patient mit einem Gefühl nach Hause geht, mit dem er bis zur nächsten Sitzung gut leben kann. Es gibt in der Psychotherapie meistens weniger emotionale Verwicklungen als in der Psychoanalyse. Entsteht der Wunsch auf beiden Seiten immer öfter, den Dingen genauer nachzugehen, visieren Patient und Analytiker nicht selten eine Psychoanalyse an, die letzten Endes für beide Seiten häufig als viel befriedigender erlebt wird.

Psychostatik: Angstzustand und Nicht-Angstzustand

„Wenn es mir gerade gut geht, kann ich mir kaum noch vorstellen, wie sich ein Panikanfall anfühlt. Ich bin dann einfach in einem anderen Zustand“, sagt eine Patientin. Ähnlich ist es mit unserem Körper: Wenn wir gerade eine Magen-Darm-Grippe haben, sind wir im Zustand der Übelkeit. Wenn es uns wieder gut geht, können wir uns zwar den Zustand der Übelkeit vorstellen, aber wir spüren, dass wir in einem anderen inneren Raum sind bzw. in einem anderen körperlichen und psychsichen Zustand. Manche benutzen auch den Begriff des „energetischen Zustandes“.

Eingesperrt

Wenn wir einmal in unser „psychisches Loch“ gefallen sind, dann haben wir manchmal keine Treppe nach oben, keine Verbindung nach außen. Es gibt keine Dynamik mehr, nur noch Statik. Niemand kann uns erreichen, wir sitzen in der Klemme. Dann aber kommt eine schöne Melodie, plötzlich, als Überraschung, oder ein schönes Tageslicht fällt ein und wir fühlen uns plötzlich viel besser. Auch die plötzliche emotionale Verbindung zu einem anderen Menschen oder der Anblickt von Bauarbeitern an einer Baustelle können uns wieder zurück in einen „stabilen“ (normalen, guten, gesunden, natürlichen) Zustand versetzen.

Die einfallende Realität wischt den bösen Zauber weg.

„Es ist, als hätte ich in der Psychoanalyse gelernt, mir immer einen kleinen Stohhalm zur Außenwelt zu erhalten, über den ich auch in schwierigen psychischen Zuständen mit der Außenwelt in Verbindung bleibe“, sagt eine Patientin.

Zu zweit erstarrt

Auch zu zweit ist es möglich, in einem Zustand zu sitzen, aus dem beide am liebsten wieder raus möchten, aber nicht können. Irgendwie sind beide gefangen. Wenn es einen Streit gab, wenn Peinlichkeit im Spiel ist, dann ist „die Luft zum Schneiden“. Beide schweigen in einer Starre und es ist sehr schwierig, diese Starre wieder zu öffnen oder zu verlassen. Oft bleibt einem nichts anderes übrig, als diesen Zustand zu beobachten und abzuwarten.

Manchmal ist es, als sei unsere Seele ein Haus mit vielen Räumen. Der Weg von einem Raum in den anderen scheint manchmal verschlossen zu sein.

Manchmal müssen wir unangenehme Zustände abwehren und manchmal können wir dafür offen bleiben. Verbindungen nach außen und bewusstes Wahrnehmen können helfen, unangenehme Zustände zu lindern oder gar aufzulösen. Doch manchmal hilft einfach nur Warten oder aber – wenn ein Problem bestehen bleibt – daraus eine Lebensmeditation zu machen.

Angstzustände können oft durch „Überraschung“ durchbrochen werden

Wer in einem Angstzustand ist, der spürt oft: Nichts hilft. Keine beruhigenden Worte, kein Tee, keine Düfte, keine Musik. Manchmal raten Psychotherapeuten dazu, ein Tagebuch zu führen über Dinge, die schon einmal bei einem Angstanfall geholfen hatte. Das Problem ist jedoch oft: Sie helfen oft kein zweites Mal. Oft bleibt den Betroffenen nichts anderes übrig, außer zu warten, bis der Zustand abklingt. Doch manchmal kann er von jetzt auf gleich durchbrochen werden: durch eine Überraschung.

„Da war plötzlich diese schöne Melodie im Radio, auf die ich mich konzentrieren konnte und die Resonanz in mir wachrief. Ich hatte das Gefühl, dass ich endlich wieder aufatmen konnte. Die Panik flaute auf einmal ab“, erzählt eine Patientin.

Geschlossen

Wenn wir im Angstzustand sind, dann sind wir oft verschlossen. Nichts kann uns von außen mehr erreichen. Wir sind gar nicht offen für die Angebote, Reize oder Beruhigungsversuche von außen. Etwas öffnen kann man sich vielleicht durch Wärme, also heißen Tee, eine Wärmflasche oder heiße Dusche. Doch eine Überraschung findet den Weg durch unseren Panzer.

Manchmal kann uns ein „Mini-Auslöser“ in die Angst führen, aber ebenso kann eine Überraschung wieder herausführen. Eine Überraschung ist wie ein Türöffner.

Ein verstehender, warmherziger Blick, mit dem wir nicht gerechnet hätten, eine wohltuende frisch-kühle Hand, die uns gereicht wird, der Hauch von Landluft, den wir plötzlich riechen, ein schönes Tageslicht, eine Regenschauer. All das hat die Macht, uns plötzlich zu befreien aus unserem inneren Gefängnis.

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Link:

Jennifer Kunst:
The Difference Between Psychoanalysis and Psychotherapy
Which approach is right for me?
Posted Jun 14, 2017
www.psychologytoday.com/…

Dieser Beitrag erschien erstmals am 7.1.2015
Aktualisiert am 2.9.2025

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