Buchtipp: Betty Joseph: Psychisches Gleichgewicht und psychische Veränderung

Das Buch „Psychisches Gleichgewicht und psychische Veränderung“ von der britischen Psychoanalytikerin Betty Joseph (geb. 1917) bestellte ich mir gleich, nachdem ich Betty Joseph auf dem Youtube-Video „Encounters through Generations“ gesehen hatte. Auf diesem Video des Britischen „Institute of Psychoanalysis“ ist eine höchst vitale, über 90-jährige Psychoanalytikerin zu sehen, die darüber spricht, was man braucht, um Psychoanalytikerin zu werden. „A sense for the truth“, ist einer der Punkte, den sie dabei hervorhebt.

In ihrem Buch zeigt Betty Joseph anhand zahlreicher Beispiele, wie schwer psychische Veränderung manchmal nur möglich ist. Viele Patienten kämen zwar vordergründig in die Psychoanalyse, um ihre Probleme zu verstehen und um sich zu verändern. Unbewusst aber suchten sie den Psychoanalytiker auf, um ihr psychisches Gleichgewicht – und sei es noch so leidvoll – aufrechtzuerhalten, erklärt Joseph. Die Patienten wollten dadurch psychischen Schmerzen wie zum Beispiel Schuldgefühlen oder Trennungsschmerzen ausweichen.

Besonders Patienten, die sich größtenteils in der sogenannten „schizoiden Position“ befinden, machen ihren Psychoanalytikern manchmal schwer zu schaffen. Sie nutzen unbewusst oft die „Projektive Identifizierung“ und sorgen dadurch dafür, dass sich der Psychoanalytiker genauso hoffnungslos und verzweifelt fühlt wie sie selbst. Manchmal fühlt er sich auch besonders lebendig, stark oder weise, wenn der Patient zum Beispiel seine eigene Vitalität oder seine Fähigkeit zu denken und zu verstehen, auslagert und sozusagen „im Analytiker“ unterbringt.

Damit spaltet der Patient psychische Anteile, mit denen er sich eigentlich helfen könnte, von sich ab. Nicht selten entstehen durch solche psychologischen Vorgänge lange Strecken der Psychoanalyse, in denen sich scheinbar kein Fortschritt zeigt, in denen die Patienten als hoffnungslos „passiv“ erscheinen. Dabei sind sie psychisch höchst aktiv, indem sie ständig psychische Anteile von sich abspalten. Diese Vorgänge sind leichter zu verstehen, wenn man sich mit den psychoanalytischen Theorien der Analytikerin Melanie Klein befasst. Betty Joseph gelingt es in diesem Buch sehr gut, diese Theorien fassbar zu machen.

Minutiöse Arbeitsweise

Betty Joseph erscheint immer wachsam und hellwach. Häufig könne der Psychoanalytiker nur dann helfen, wenn er sich nicht darauf konzentriere, was der Patient sagt, sondern wenn er darauf achte, wie er es sagt und wie die Übertragung auf den Analytiker in jedem einzelnen Moment aussieht, so Joseph. Von Minute zu Minute könne psychische Veränderung stattfinden und jeder Augenblick sei es wert, genau angeschaut zu werden, erklärt Joseph.

Dabei ist es so, als würde Betty Joseph die psychoanalytische Sitzung unter ein Mikroskop legen. Jede Einzelheit, besonders die Träume der Patienten, werden genauestens beschrieben. Große Strecken der Schlüsse, die Betty Joseph zieht, sind verständlich, doch häufig kann ich einigen Schlüssen nicht folgen. Auch die Übersetzerin bzw. Lektorin kam da wohl manchmal nicht mit, denn immer wieder stolpere ich in dem Buch über Sätze, die wie unvollständige Sätze wirken (was man der Lektorin bei diesem komplexen Thema jedoch kaum verübeln kann).

Der Blick ist fast ausschließlich auf den Patienten gerichtet

Dieses Buch ist höchst „analytisch“ geschrieben, ja fast schon „sektiererisch“. Betty Joseph selbst als Person bleibt da meistens außen vor. Über ihre eigenen Regungen schreibt sie zwar auch, doch damit hält sie sich sehr zurück. Zu sehr, wie ich finde. Kritik der Analysanden an Betty Joseph oder Beobachtungen, die die Analysanden an ihrer Analytikerin machen, scheinen vollkommen an ihr abzuperlen. Dadurch wirkt das, was Betty Joseph beschreibt, manchmal sehr „verkopft“.

Zuvor las ich ein Buch des Psychoanalytikers Harold Searles (geb. 1918), der über seine Arbeit mit schizophrenen Patienten schreibt. Dabei bezog er sein Unbewusstes stark mit ein – das macht seine Texte unglaublich spannend, logisch und glaubwürdig. Der Leser erkennt, wie sehr der Fortschritt der Therapie von der Art der Beziehung und auch vom Unbewussten des Analytikers abhängt.

Searles untersucht auch sein eigenes Unbewusstes unermüdlich. Das Buch von Betty Joseph wirkt dagegen fast „steril“. Diese beiden Bücher erscheinen mir wie zwei Pole der Psychoanalyse – auf Searles‘ Seite eine Arbeitsweise, in der sich der Psychoanalytiker stark mit einbezieht, auf Joseph’s Seite die Psychoanalyse, die den Patienten fast isoliert. Obwohl Joseph immer schreibt, was der Patient mit ihr „macht“, erscheint sie wie ein Fels in der Brandung. Sie lässt sich die Fähigkeit, über sich und den Patienten nachzudenken, nicht nehmen.

Fazit

Ein höchst interessantes, aber auch sehr kompliziertes Buch über die psychischen Vorgänge bei Patienten mit frühen Störungen. Es fasziniert durch seine Exaktheit, Differenziertheit und die logischen Überlegungen. Betty Joseph konzentriert sich auf das technische Vorgehen in der Therapie. Die dazugehörigen Emotionen kommen beim Leser nur wenig an, was auch ein Zeichen der Zeit sein mag – schließlich ist Joseph Jahrgang 1917! (Obwohl: Searles ist 1918 geboren …) Jedem der vier Teile des Buches ist übrigens ein Vorwort von Michael Feldmann und Hanna Segal vorangestellt.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Buch:

Elisabeth Bott Spillius, Michael Feldmann (Hrsg.)
Betty Joseph:
Psychisches Gleichgewicht und psychische Veränderung
Klett-Cotta 1994, ZVAB

Links:

Melanie Klein Trust: Betty Joseph

Dieser Beitrag erschien erstmals am 20.8.2012
Aktualisiert am 20.10.2024

One thought on “Buchtipp: Betty Joseph: Psychisches Gleichgewicht und psychische Veränderung

  1. Tobias Goldschmidt sagt:

    Sehr geehrte Frau Dr. Voos,
    vielen Dank für Ihren Kommentar. Vielen Dank vor allem für die Stelle, an der Sie „verkopft“ schrieben. Denn nicht jede „Intellektualisierung“ ist eine Projektion, in der der Patient dem Analytiker eine Vorherrschaft der Gedanken über die Gefühle zuschreibt. Ich glaube, dass es auch objektiv so sein kann, wie der Patient empfindet. Insofern muss jeder Patient für sich selbst irgendwann entscheiden, was realistischer ist, dass die Kognition Kern der Seele ist, oder die Emotion…

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