ADHS – das umstrittene Syndrom

Allein der Begriff “Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)” verunsichert Eltern. Bei kleinsten Anzeichen der Unruhe fragen sie sich, ob ihr Kind eine ADHS haben könnte. Andere Eltern, die in der Tat ein “hyperaktives” Kind haben, fühlen sich allein gelassen. Die Informationen zu ADHS sind oft widersprüchlich – das liegt an den verschiedenen Ansichten von Psychoanalytikern und Verhaltenstherapeuten. (Text: © Dunja Voos. Bild: © Rainer Sturm, PIXELIO)

Symptombild und Ursachen

Ein Kind, das weint, ist traurig. Der Grund für die Traurigkeit ist nicht zu erfassen, wenn man das Kind nicht fragt oder gut kennt. So ist es mit ADHS auch – ein Kind, das unruhig ist, kann viele Gründe dafür haben. Welche Bedeutung ich als Mutter, Vater oder Therapeut diesen Zeichen gebe, ist noch einmal eine ganz andere Frage.

Hyperfokussierung

Wenn sogenannte ADHS-Kinder das tun, was sie interessiert, so können sie sich sehr lange auf eine Sache konzentrieren. Auch, wenn diese Eigenschaft mit dem Begriff “Hyperfokussierung” schon wieder pathologisiert wird, so ist es doch ein Zeichen dafür, dass sie sich konzentrieren können. Unter anderem auch auf ihre Therapiestunde, wenn der Therapeut das Kind einfühlsam begleitet. Es gibt vielleicht Kinder, die erst durch Medikamente überhaupt dazu fähig werden, eine Psychotherapie zu beginnen. Aber das ist eher selten der Fall.

Verhaltenstherapeutische Sichtweise

Aus verhaltenstherapeutischer Sicht gibt es für die Diagnose “ADHS” ganz eindeutige Kriterien. Hierzu gehören die Diagnosekriterien nach dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Diseases (DSM IV) und nach der International Classification of Diseases (ICD-10). Kinderärzte und Psychologen, die sich darauf spezialisiert haben, können nach diesen Kriterien recht genau sagen, welches Kind eine ADHS hat und welches nicht. Nicht selten ist eine Überbewertung zu beobachten; das heißt, weniger geschulte Ärzte geben den Kindern leicht die Diagnose “ADHS”, obwohl nach diesen strengen Kriterien keine ADHS besteht.

Selbsthilfegruppen

Viele Selbsthilfegruppen orientieren sich an der verhaltenstherapeutischen Sichtweise, nach welcher die ADHS eine Stoffwechselstörung ist, die sowohl durch Verhaltenstherapie als auch mit Medikamenten behandelt werden kann. Für Eltern, die rasche Hilfe, Ratschläge und Verhaltensregeln suchen, kann dieser Weg hilfreich sein. Dennoch gibt es Familien, die hiermit nicht zurecht kommen und nach anderen Antworten für ihre Fragen suchen. Sie können von einer psychoanalytischen (= tiefenpsychologischen, psychodynamischen) Behandlung eher profitieren.

Die “Stoffwechselstörung”

In den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte e. V. heißt es: “ADHS wird als neurobiologisch heterogenes Störungsbild mit Dysfunktionen in Regelkreisen zwischen präfrontalem Kortex, parietookzipitalem Kortex, Basalganglien und Cerebellum auf dem Boden einer Neurotransmitterfunktionsstörung im dopaminergen System gesehen.”

Dieser Definition zufolge handelt es sich um eine “Funktionsstörung”, also nicht explizit um eine Organschädigung. Funktionsstörungen jedoch haben fast immer auch die Chance, wieder zurück zu ihrer normalen Funktion zu finden.

Psychoanalytische Sichtweise

Viele psychoanalytische Kindertherapeuten sehen in der “Diagnose ADHS” wenig Sinn, weil sie sich auf die Ursachen einer Störung konzentrieren. Sie sehen: Das Kind weint, es ist unruhig oder aggressiv und fragen dann nach dem “Warum”. Viele störende Symptome lassen nach, wenn Eltern und Kind lernen, den Sinn der “Verhaltensauffälligkeiten” zu verstehen.

Beispiele für Ursachen von Verhaltensweisen

Beispiel 1: Ein Kind im Kindergarten kann aggressiv sein, weil es mit der Trennung überfordert ist. Es läuft unruhig hin und her und tut den anderen Kindern weh, um seinen eigenen Schmerz für andere sichtbar zu machen. So kann das Kind den eigenen Schmerz bewältigen: indem es den eigenen Kummer nach außen verlagert und dort kontrolliert. Wenn die Ursache erkannt wird, nämlich die Überforderung durch Trennung, dann können Wege gefunden werden, um dem Kind zu helfen.

Beispiel 2: Eine Mutter ist mit unausgesprochenen Eheproblemen so sehr beschäftigt, dass sie die Gefühle ihres Kindes nicht aufnehmen kann. Das Kind kommt zu ihr mit seinen Ängsten, Sorgen und Emotionen. Doch sie finden in der Mutter keinen Platz. Sie kann die Emotionen ihres Kindes nicht “containen”, also aufnehmen, wirklich ankommen lassen und verarbeiten. Die Gefühle prallen zurück auf das Kind und es ist allein mit seiner Überforderung. Das Kind leidet wortwörtlich an einem Defizit an Aufmerksamkeit von der Mutter. Das macht das Kind völlig unruhig. Echte Hilfe besteht dann beispielsweise darin, die Mutter zu entlasten und ihr einen Platz für ihre Sorgen zu geben, damit sie wieder freier für das Kind wird.

Schwierige Erkenntnisse

Nur selten sind die Zusammenhänge so offensichtlich wie in diesen Beispielen. Meistens liegen die Gründe für die Unruhe des Kindes tief im Verborgenen und rücken nur langsam, mit viel Vertrauen, Mut und Kraftaufwand an die Oberfläche. Versteckte familiäre Gewalt, Ehekrisen, eine Depression der Mutter und vieles mehr können sich hinter einer ADHS verbergen. Da ist es oft leichter zu sagen, ADHS sei eine Stoffwechselstörung. Denn dieser psychoanalytische Weg ist nur allzusehr mit Schuldgefühlen verbunden. Die Mutter eines “ADHS-Kindes”, die schon am Ende ihrer Kräfte ist, die alles versucht und sich dann auch noch “schuldig” fühlen muss, wird zu Recht wütend. Erst, wenn ein einfühlsamer Therapeut ihr zeigen kann, dass sie vielleicht zu der Unruhe des Kindes beiträgt, aber keinesfalls “schuld” daran ist, kann der Weg zur Besserung gebahnt werden. Das Gute daran: Es wird nicht länger “der Stoffwechsel” oder “die Vererbung” als Ursache angesehen. Auch, wenn die Erkenntnisse schmerzhaft sind, so kann dadurch vielleicht ein Weg beschritten werden, der mehr und mehr Handlungsspielraum zulässt. Langsam können die ADHS-Symptome zurückgehen und dem “handfesten Schmerz” Platz machen, der zur Veränderung führt.

Verschiedene Sichtweisen können sich ergänzen

Aufgrund der völlig unterschiedlichen Sichtweisen von Analytikern und Verhaltenstherapeuten entstehen hier oft öffentliche Diskussionen, welche Eltern und Patienten verwirren. Ihnen bleibt nichts anderes, als sich zu informieren und dann zu entscheiden, welchem Weg und welchem Therapeuten sie am meisten vertrauen. Im Alltag sind diese Sichtweisen dann doch nicht immer so strikt getrennt: Eine analytische Therapie hat manchmal auch verhaltenstherapeutische Elemente und Verhaltenstherapeuten kümmern sich um den Umgang zwischen Mutter und Kind. Die Psychoanalytiker allerdings nehmen zusätzlich das Unbewusste mit in ihre Überlegungen auf – das macht den entscheidenden Unterschied aus.

Frankfurter Präventionsstudie

Dass die ADHS kein “Schicksal” ist, zeigt die Frankfurter Präventionsstudie des Sigmund-Freud-Instituts. In diesem seit 2003 laufenden Kindergartenprojekt unter Leitung von Professor Marianne Leuzinger-Bohleber gibt es bereits deutliche Hinweise darauf, dass sich durch die psychoanalytische Unterstützung von Kindern, Eltern und Erzieherinnen der ADHS vorbeugen lässt: Der Prozentsatz der ADHS-Kinder in der Grundschule geht zurück. Dies ist ein Anzeichen dafür, dass die Gene und der Stoffwechsel nicht alles sind. Natürlich gibt es lebhafte Kinder. Doch eine “Krankheit” wird daraus erst, wenn das Kind darunter leidet. Und auf diesen Schritt zum Leiden hin haben wir “unbewusst” Einfluss. Durch eine psychoanalytische Therapie kann oftmals der Schritt zurück zur “gesunden Lebhaftigkeit” bewusst gegangen werden.

Diagnosenummer nach ICD-10:
F90.0/F90.1 = ADHS

Tipp:
Ich berate Sie gerne per Telefon oder E-Mail. Die Beratung kostet 30 Euro pro Mail bzw. Telefonat. Dr. med. Dunja Voos, voos@medizin-im-text.de


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THOP – Verhaltenstherapie bei ADHS
Studie: Psychoanalytische Therapie bei ADHS
Via nova – neue Wege im Umgang mit ADHS. Urlaub auf der Alm.

Buchtipps:

Terje Neraal und Matthias Wildermuth (Hrsg.):
ADHS: Symptome verstehen – Beziehungen verändern.
Psychosozial-Verlag 2008

Marianne Leuzinger-Bohleber, Yvonne Brandl, Gerald Hüther (Hrsg):
ADHS – Frühprävention statt Medikalisierung.
Vandenhoeck & Ruprecht 2006

Lesetipp:

Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl, Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber:
Hilfe für kleine Störenfriede:
Frühprävention statt Psychopharmaka. (PDF)

Vom kritischen Umgang mit der Diagnose “Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung”.
Forschung Frankfurt 3/2007: 52–55

“Im Gegensatz zu Verhaltenstherapeuten betonen Psychoanalytiker, dass ein Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität als Symptome zu verstehen sind, aber kein einheitliches diagnostisches Bild und schon gar keine Krankheit darstellen.” (Haubl/Leuzinger-Bohleber)

Links:

Dr. phil. Frank Dammasch:
“Elvira – immer vorwärts, nie zurück”,
in: www.psychoanalyse-aktuell.de

Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendpsychotherapeuten (VAKJP): Adressliste.

Frankfurter Präventionsstudie des Sigmund-Freud-Instituts

Zentrales ADHS-Netz

12 Kommentare zu “ADHS – das umstrittene Syndrom”

  1. noctis
    Dezember 29th, 2008 03:28
    1

    hm.. das ist total abgeschmackt und realitätsfern.
    wenn ich keine medis habe, finde ich meine socken nicht,
    haben die analytiker denn dafür eine erklärung?
    das mit den socken ist doch keine beziehungsstörung? muss ich mir etwa sorgen machen?

  2. Dunja
    Dezember 29th, 2008 07:06
    2

    Der psychoanalytische Ansatz ist nur einer von vielen möglichen. Es gibt viele Patienten, die mit einer Verhaltenstherapie und/oder Medikamenten sehr gut zurecht kommen. Der Artikel soll nur darauf hinweisen, dass man die ADHS auch aus analytischer Perspektive betrachten kann. Leider ist es für viele Patienten auch schwierig, an einen analytischen Psychotherapeuten zu gelangen. Führt der erste Weg beispielsweise zum Psychiater, so ist es eher wahrscheinlich, dass ein Patient verhaltenstherapeutische Sichtweisen und Medikamente mit an die Hand bekommt. Dass die Medikamente eine Wirkung haben, steht außer Frage.

  3. ergobloggerin
    Februar 22nd, 2009 21:07
    3

    Viele Eltern stehen der Medikamentengabe sehr kritisch gegenüber, sie sollten sich daher gründlich darüber informieren, ob sie das wirklich wollen.
    Verhaltenstherapie kann eine gute erfolgreiche Alternative sein.
    Viele Grüße,
    die ergobloggerin

  4. tigger
    März 13th, 2009 22:51
    4

    Wenn ich sowas lese, frage ich mich immer, was die Psychoanalytiker damit bezwecken wollen, wenn sie die neurobiologischen Ursachen von ADHS negieren. Schließlich ist ja niemandem geholfen, wenn die Ursache für eine Störung verdrängt oder verleugnet wird. Gerade die Psychoanalytiker müssten das ja wissen.

    Der Punkt ist, dass Psychonanalytiker meinen, ADHS (bzw. die zugrunde liegenden “Hintergründe”) zu verstehen. Dabei scheinen viele gerade nicht verstanden zu haben, dass heutzutage eigentlich niemand mehr an den neurobiologischen Ursachen vorbeikommt. ADHS auf eine Beziehungsstörung oder ähnliches zurückzuführen, bedeutet, heute bekanntes Wissen zu ignorieren. Eine solche Störung ist auch mit ADHS nicht gemeint. ADHS bedeutet nicht “unruhiges Kind” oder ein Kind, das schwer zu erziehen ist. ADHS ist eine ANGEBORENE und – wie man heute weiß – in den meisten Fällen (50-60%) lebenslang bestehende Erkrankung bestimmter Hirnbereiche. Deren Wechselwirkungen mit der Umwelt komplettieren die Symptomatik.

    Eine Psychotherapie (auch eine psychoanalytisch orientierte) kann in den meisten Fällen nur auf der Basis einer optimal eingestellten Medikation funktionieren, vor allem bei Erwachsenen. Ist auch plausibel: Wie soll eine Psychotherapie Sinn machen, wenn sich der Patient nur schlecht bis gar nicht konzentrieren oder zuhören kann?

    Was ich diesem Artikel anrechne, ist, dass er nicht die Medikamente ins Reich der Drogen stellt, so wie es andernorts oft zu lesen ist. Wer sich mit ADHS beschäftigt, weiß, dass dem nicht so ist.

  5. Dunja
    März 14th, 2009 08:32
    5

    Ob die ADHS angeboren ist, darüber diskutieren die Wissenschaftler noch. In den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte e. V. heißt es:

    “ADHS wird als neurobiologisch heterogenes Störungsbild mit Dysfunktionen in Regelkresen zwischen präfrontalem Kortex, parietookzipitalem Kortex, Basalganglien und Cerebellum auf dem Boden einer Neurotransmitterfunktionsstörung im dopaminergen System gesehen.”

    Dieser Definition zufolge handelt es sich um eine “Funktionsstörung”, also nicht explizit um eine Organschädigung. Funktionsstörungen jedoch haben fast immer auch die Chance, wieder zurück zu ihrer normalen Funktion zu finden oder erst gar nicht zu entstehen.

    Die Frankfurter Präventionsstudie von Professor Leuzinger-Bohleber weist bereits in Ansätzen nach, dass sich durch Präventionsmaßnahmen im Kindergarten der ADHS im Grundschulalter vorbeugen lässt.

    Auch Psychoanalytiker nehmen die Ergebnisse aus der Neurobiologie und der bildgebenden Diagnostik zur Kenntnis. Doch auch hier gibt es Studien, die zeigen, dass Psychotherapie Stoffwechselprozesse und “Nervenstraßen” verändern kann. Der Neurobiologe Gerald Hüther stellt auf wunderbare Weise dar, dass die Ergebnisse der Bildgebung nicht starr sind und sich psychoanalytische und neurobiologische Erkenntnisse wunderbar verbinden lassen.

    Auch die Diagnose “ADHS” ist nichts Starres. Früher gab es dafür die Bezeichnung “Minimale zerebrale Dysfunktion (MCD)” – doch bereits diese Bezeichnung ließ sich mit vielen Beobachtungen nicht vereinbaren. Heutzutage wird die Diagnose “ADHS” mit der Diagnose “bipolare affektive Störung” in Zusammenhang gebracht. Ein weiteres Zeichen dafür, dass längst nicht so viel Klarheit zur ADHS besteht, wie es oft behauptet wird.

    Wenn sogenannte ADHS-Kinder das tun, was sie interessiert, so können sie sich sehr lange auf eine Sache konzentrieren. Auch, wenn diese Eigenschaft mit dem Begriff “Hyperfokussierung” schon wieder pathologisiert wird, so ist es doch ein Zeichen dafür, dass sie sich konzentrieren können. Unter anderem auch auf ihre Therapiestunde, wenn der Therapeut das Kind einfühlsam begleitet. Es gibt vielleicht Kinder, die erst durch Medikamente überhaupt dazu fähig werden, eine Psychotherapie zu beginnen. Aber das ist längst nicht immer so.

    Die psychoanalytische Therapie ist ein Weg, der helfen kann – natürlich nicht immer, aber die Möglichkeit besteht. Wichtig ist doch, dass den Hilfesuchenden die ADHS aus verschiedenen Blickwinkeln erklärt wird, damit sie sich für eine oder meherere Behandlungsformen entscheiden können. Psychoanalytische Erklärungsansätze zur ADHS sind im Vergleich zu verhaltenstherapeutischen und neurobiologischen Modellen doch selten zu finden. Doch auch, wenn psychoanalytisch orientierte Fachleute ihre Theorien vertreten, heißt das ja nicht unbedingt, dass sie die anderen Zugangswege zur ADHS ausschließen.

  6. tigger
    März 14th, 2009 15:18
    6

    >>Wenn sogenannte ADHS-Kinder das tun, was sie interessiert, so können sie sich sehr lange auf eine Sache konzentrieren. Auch, wenn diese Eigenschaft mit dem Begriff “Hyperfokussierung” schon wieder pathologisiert wird, so ist es doch ein Zeichen dafür, dass sie sich konzentrieren können.<<
    Leider ist das nicht immer so und gilt auch nicht für alle ADHS-Kinder (oder -Erwachsene). Und dass Konzentration nur bei interessanten Themen möglich ist (wozu eine Psychotherapie auch nicht unbedingt immer zählt), und sonst nicht, bestätigt ja trotzdem, dass eine Störung vorliegt. Ohne dieses Aufmerksamkeitsdefizit wäre eine Konzentration ja auch bei weniger interessanten Themen möglich (so wie bei jedem gesunden Menschen). Das ist der springende Punkt.

    Eine lesenswerte Diskussion der ADHS-kritischen Argumente der “Konferenz ADHS” findet man hier:
    http://www.adhs.ch/forum/blog.php?u=2&blogcategoryid=9&page=6
    (beginnend auf Seite 6 immer weiter nach vorn durchklicken)
    Auf dem Portal von ADD-Online findet man sehr viele Hintergrundinformationen und v. a. Antworten auf viele Fragen zum Thema ADHS. Sehr lesenswert für Interessierte.

    Übrigens: Meine Kommentare hier bitte nicht als Provokation o. ä. verstehen. Ich stelle nur leider oftmals fest, dass zum Thema ADHS oftmals falsche (und letztendlich den Patienten schadende) Ansichten vorherrschen. Ein unruhiges Kind hat noch nicht gleich ADHS. Erst recht kein traumatisiertes. ADHS ist eine angeborene Disposition zu PERMANENT mehr oder weniger ausgeprägten Beeinträchtigungen im täglichen Leben, in dessen Folge sich weitere psychische Störungen “aufpfropfen” können (Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Substanzabhängigkeit usw.). Deshalb ist eine frühe adäquate Therapie nötig.

  7. Chris
    März 15th, 2009 22:38
    7

    Dunja schreibt, wenn sogenannte ADHS-Kinder das tun, was sie interessiert, so können sie sich sehr lange auf eine Sache konzentrieren.
    Wir haben deshalb eine Sammlung von Spielen und Tipps für Kinder mit ADS und anderen Teilleistungsstörungen zusammengestellt. Sie können die Sammlung ganz einfach nach Förderbedarf und Alter durchsuchen:
    http://www.spielundlern.de/index.php/cPath/3_531

  8. Robert Steinmetz
    März 22nd, 2009 18:40
    8

    Hallo,

    habe jahrelang Therapien gemacht (12 Jahre lang) bis dann die Diagnose ADHS von meiner Schwester kam. Diese Therapien haben mir bis dahin nicht geholfen meine ADHS – Probleme los zu werden. Auch die Behandlung mit diversen Antidepressiva wie Remergil oder Duloxetin hat meine Symptomatik nicht positiv beeinflusst.

    Alles in allem finde ich es schrecklich wie verdammt wenig Verhaltenstherapeutin und Psychoanalytiker bei denen ich auch war von dem Syndrom wissen. Das meine Schwester mir die Diagnose geben musste ist echt die Höhe. Mittlerweile wurde die Diagnose von zwei Ärzten bestätigt.

    Psychoanalytiker haben früher auch gedacht, dass sie Homosexualität heilen können. Heute weiß man das es Unfug ist und bei ADHS ist dies eigentlich auch so. Aber schön, dass hier so ein Artikel steht….

  9. tigger
    März 24th, 2009 09:19
    9

    Ich finde es auch grundsätzlich richtig, diese Kontroverse zu thematisieren, gerade weil oft so viel Unklarheit darüber herrscht.

    Ich möchte noch einmal auf Dunjas letzten Kommentar eingehen.
    >>Dieser Definition zufolge handelt es sich um eine “Funktionsstörung”, also nicht explizit um eine Organschädigung. Funktionsstörungen jedoch haben fast immer auch die Chance, wieder zurück zu ihrer normalen Funktion zu finden oder erst gar nicht zu entstehen.<<
    Es ist richtig, wenn man sagt, dass man bei ADHS keine Organschädigung im Gehirn sehen kann, so wie bspw. bei einem Schlaganfall oder Tumor etc. Allerdings haben einige Studien gezeigt, dass in bestimmten Hirnregionen (Striatum, Frontallappen) bei ADHS eine Volumenminderung besteht. Die Bezeichnung “Funktionsstörung” klingt für mich sehr allgemein gehalten. “Stoffwechselstörung” passt meines Erachtens besser, weil es den Transmittermangel in bestimmten Hirnregionen besser beschreibt.

    Die ADHS-Symptomatik ist vorwiegend genetisch bedingt, wird aber durch Umwelteinflüsse bis zu einem gewissen Grad modifiziert. Der Anteil der Gene liegt bei 50-80% (die Angaben sind nicht überall gleich; Erkenntnisse aus Zwillingsstudien). Wenn man das im Auge behält, lässt sich verstehen, dass ADHS durch eine Psychotherapie allein nicht ausreichend behandelt werden kann. Die komplette Symptomatik ist einer Psychotherapie leider nicht zugänglich, Teile aber schon (v. a. das negative Selbstbild durch viele negative Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen). Die Erfahrungen der meisten ADHSler, die ich kenne, zeigen, dass alleinige Psychotherapien meist nicht wirklich halfen.

    Noch ein Wort zu Hüther: Er ist ein ADHS-Gegner (und das als Neurobiologe!). Er bezweifelt die Existenz von ADHS (wie auch die “Konferenz ADHS”). Es ist für ihn nur ein Konstrukt, aber keine eigenständige Störung. Diese Einstellung ist ein Schlag ins Gesicht jedes Betroffenen, weil sie das Leiden dieser Menschen verkennt. Genauso gut könnte ich sagen: Depressionen oder Schizophrenie existieren nicht. Solchen Menschen sollte man m. E. nicht allzu viel Beachtung schenken.

  10. Dunja
    April 2nd, 2009 11:00
    10

    Lieber Tigger,

    jeder Patient darf nach seinem Weg suchen. Und wem es gut geht mit der Theorie, dass ADHS zu 80% genetisch bedingt sei, dem wird das auch reichen. Es reicht vielen auch, Volumenminderungen im Gehirn als ein genetisches Schicksal anzusehen, die eine “ADHS beweisen” (was ein Trugschluss ist). Jedenfalls können viele Patienten oder Eltern mit diesen “festen” Bildern gut zurecht kommen. Doch nicht jeder Patient möchte auf dieses Abstellgleis.

    Die viel zitierten Volumenminderungen sind nicht unbedingt ein genetisches Schicksal. Auch sie können durch die Umwelt verursacht sein. Und was die Zwillingsstudien betrifft: Gerade sie täuschen manchmal eine genetische Vererbbarkeit nur vor. Schon im Mutterleib beginnt die Umwelt auf das Ungeborene einzuwirken. Auch Zwillingsstudien beweisen nicht, dass ADHS ein genetisches Schicksal ist.

    Wissenschaftler, die nicht an die “genetische ADHS-Theorie” glauben, möchten den Betroffenen keineswegs einen “Schlag ins Gesicht” verpassen. Sie möchten ihren Patienten vielmehr neue Wege und Chancen eröffnen.

    Viele Grüße von Dunja Voos

  11. Gustav Lorenz
    April 7th, 2010 05:37
    11

    Welche Gene sollen denn ganz genau die oben genannten Funktionsstörungen auslösen? Warum haben sie das nicht schon früher gemacht? Haben sich die Menschen in letzter Zeit genetisch verändert? Kann das alles überhaupt sein? Wer steuert die Gene – die Gene selber? Oder doch die Umwelt, einschließlich der geistigen Umwelt.

    Zum Dogma der Steuerung des Menschen durch die Gene: siehe z.B. “Intelligente Zellen – Wie Erfahrungen unsere Gene steuern”, Bruce Lipton, einem Molekularbiologe.

    Gerald Hüther zeigt übrigens weitere Wege, aus “ADHS” rauszukommen, die vielleicht denen, die nicht an das genetische Schicksal glauben,
    weiterhelfen können: http://www.sinn-stiftung.eu.

  12. Dunja Voos
    April 7th, 2010 12:53
    12

    Sehr geehrter Herr Lorenz,

    herzlichen Dank für Ihren Beitrag. Auch ich kann die “Sinn-Stiftung” und Gerald Hüthers Projekt “Via nova” nur empfehlen: http://www.medizin-im-text.de/blog/?p=2806.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dunja Voos

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