ADHS – das umstrittene Syndrom aus psychoanalytischer Sicht. Ist ADHS heilbar?

Aus psychiatrischer Sicht gibt es für die Diagnose „ADHS“ (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung) eindeutige Kriterien. Hierzu gehören die Diagnosekriterien nach dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Diseases (DSM-IV to DSM-5 Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Comparison, www.ncbi.nlm.nih.gov/…) und der International Classification of Diseases (ICD-10: F90.0 und ICD-11: 6A05.2).

(Kinder-)Psychiater können anhand von Anamnese und Tests nach diesen Kriterien recht genau sagen, wer ADHS „hat“. Kinder und Erwachsene „haben“ ADHS genau dann, wenn sie die Kriterien eines menschengemachten Fragebogens erfüllen. Die Pychiater behandeln dann meistens nach den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften, AWMF (Leitlinie ADHS, 2017). Psychologisch gesehen fühlen sich die Betroffenen manchmal so, als hätten sie eine Hürde überwunden – sie haben den „Test bestanden“, sie gehören nun zur ADHS-Gemeinschaft.

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Links:

Physician Gabor Mate Gives His Analysis on ADHD and Anxiety
„ADHD is not a disease and it’s not heritable.“ , „ADHS ist keine Krankheit und es ist nicht vererbbar.“ PowerfulJRE, Joe Rogan, youtube.com/…

Pascal Rudin: ADHS wird zu schnell und zu oberflächlich diagnostiziert. Interview: Virginia Nolan. Fritz und Fränzi – Das Schweizer Elternmagazin, 26.11.2025, fritzundfraenzi.ch/…

Bildungsferne Mütter geben ihren Kindern rascher ADHS-Medikamente:
Anders Hjern et al. (2009): Social adversity predicts ADHD-medication in school children – a national cohort study. Acta Paediatrica, 2009; 99 (6): 920 , doi.org/10.1111/j.1651-2227.2009.01638.x

Sarah Hohmann, Tobias Banaschewski et al. (2022):Genetische Grundlagen der ADHS – ein Update. Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Volume 50, Issue 3, May 2022, doi.org/10.1024/1422-4917/a000868 , econtent.hogrefe.com/…
„Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass auch depressive Störungen bei Familienmitgliedern von ADHS-Patient_innen häufiger vorkommen und umgekehrt ist das Risiko für ADHS bei erstgradigen Angehörigen depressiver Patient_innen erhöht, weshalb für beide Störungsbilder eine gemeinsame genetische Basis angenommen wird (Faraone & Biederman, 1997).“ Das sollte aus meiner Sicht nicht absolut gesehen werden. Eine depressive Mutter zeigt eine verminderte Mimik – durch diese verminderte Mimik kann ein Säugling bereits unruhig und depressiv werden (siehe BeatriceBeebe.com). Eine psychologische Vererbung kann eine genetische Vererbung vortäuschen. Oft spielt beides zusammen.

Frank Dammasch: ADHS – Krankheit oder Beziehungsstörung? Elvira – immer vorwärts, nie zurück. Zur subjektiven Bedeutung der Diagnose. Psychoanalyse aktuell 10.1.2007

Gerald Hüther (2000): Kritische Anmerkungen zu den bei ADHD-Kindern beobachteten neurobiologischen Veränderungen und den vermuteten Wirkungen von Psychostimulanzien (Ritalin®). Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie, Heft 12, 4/2000: 471-486

Psyche, Heft 7, Juli 2008: ADHS – Psychoanalytische und andere Perspektiven: S. 643-648: Fall „Nora“: 31 Jahre nach der Behandlung wendet sich Nora an die Therapeutin. Sie hatte ihre „schweren Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen dauerhaft überwunden: der Arbeitsbereich hatte für sie – auch in Zeiten depressiver Verstimmungen – kompensatorische Funktion übernehmen können.“ S. 654-671: Heidi Staufenberg: Bewegung und Bedeutung. Aus einer psychoanalytisch-psychotherapeutischen Behandlung eines sogenannten „ADHS-Kindes“. elibrary.klett-cotta.de/…

Marianne Leuzinger-Bohleber: Frühe Kindheit als Schicksal? Kohlhammer 2009, amazon.de, S. 58-59:
„Die meisten psychoanalytischen Autoren sehen in einer basalen Schwäche der inneren Regulationen von Triebimpulsen, Wünschen und Affekten eine der möglichen Ursachen für die Entwicklung einer ADHS-Symptomatik sowie von Störungen im Bereich der Fein- und Grobmotorik.“ S. 170-177: Frankfurter Präventionsstudie zur Verhinderung psychosozialer Integrationsstörungen (Insbesondere von ADHS im Kindergartenalter), Fall „Max“

Bluschke, Annet et al. (2020): A novel approach to intra-individual performance variability in ADHD. European Child & Adolescent Psychiatry 30, pages733–745 (2021), Open Access, link.springer.com/…

Terje Neraal und Matthias Wildermuth (Hrsg.): ADHS: Symptome verstehen – Beziehungen verändern.
Psychosozial-Verlag 2008, 2011

Marianne Leuzinger-Bohleber, Yvonne Brandl, Gerald Hüther (Hrsg.) (2006): ADHS – Frühprävention statt Medikalisierung. Vandenhoeck & Ruprecht 2006

Rolf Haubl, Marianne Leuzinger-Bohleber (2007): Hilfe für kleine Störenfriede: Frühprävention statt Psychopharmaka. Vom kritischen Umgang mit der Diagnose „Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung“. Forschung Frankfurt 3/2007: 52-55, publikationen.ub.uni-frankfurt.de/… „Im Gegensatz zu Verhaltenstherapeuten betonen Psychoanalytiker, dass ein Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität als Symptome zu verstehen sind, aber kein einheitliches diagnostisches Bild und schon gar keine Krankheit darstellen.“ (Haubl/Leuzinger-Bohleber)

Zentrales ADHS-Netz

Dieser Beitrag wurde veröffenticht am 8.12.2012
Aktualisiert am 20.12.2025

9 thoughts on “ADHS – das umstrittene Syndrom aus psychoanalytischer Sicht. Ist ADHS heilbar?

  1. Dunja Voos sagt:

    Das freut mich, liebe Frau Singer-Jean, Danke!

  2. Pauline sagt:

    Guten Morgen Frau Voos,

    vielen vielen Dank für diesen Beitrag. Vielen Dank für Ihre ganze Seite!

    Herzliche Grüße
    Pauline Singer-Jean

  3. Jonas sagt:

    Wenn ADHS erst spät diagnostiziert wird, ist es nur logisch, dass auch ein psychoanalytischer Ansatz helfen kann. Der oder die Betroffene hat nach Jahrzehnten unbehandelten Leidens eine ganze Reihe mehr oder weniger ausgeprägter komorbider Störungen entwickelt. Ich habe im Alter von 19 Jahren die Diagnose bekommen und mich bisher gegen Medikamente entschieden. Jetzt, ein Jahr später, merke ich, wie dämlich dieses radikale Ablehnen war. ADHSler wählen nämlich immer Medikation: Entweder eine vom Arzt überwachte, dosierte, konstruktive Medikation oder eine unkontrollierte, undosierte, destruktive Selbstmedikation. ADHSler erkennen sich untereinander und so kenne ich neben meinen eigenen unbewussten, noch halbwegs verantwortbaren Medikationsstrategien auch ziemlich schlimme Formen der Selbstmedikation. Das ist eben oft nicht nur permanenter Konsum von Kaffee, Club Mate, taurinhaltige Energydrinks, sondern eben auch verstärkt Alkohol, Nikotin und Cannabis. Auch Kokain, das in seiner Struktur Methylphenidat ganz ähnlich ist – wenn ich das richtig verstehe – ist bei einem ausgeprägten Fall in meinem Bekanntenkreis vorgekommen. Die gesündeste Form der Selbstmedikation ist wohl der exzessive Sport, der meist zumindest für kurze Zeit hilft. Subtile Formen sind Sucht nach dem Rausch des Kaufens, Sucht nach der Endorphinausschüttung bei Sex und vieles mehr. Wer also meint, die Frage sei OB Medikation ja oder nein, der versteht die Lebenswirklichkeit eines ADHSlers nicht. Die wirkliche Frage ist, WELCHE Medikation geeignet ist und welche Begleitanstrengungen in Form von Therapie oder Psychoanalyse hilfreich sein können.
    Viele Grüße,
    Jonas

  4. Nana sagt:

    Für eine angeborene meist genetisch bedingte Stoffwechselstörung des Gehirns sprechen folgende Studienergebnisse:

    *70-80% der ADHS sprechen auf Methylphenidat an, sprich können sich damit besser und länger konzentrieren, sind weniger (oder nicht mehr) hyperakiv, zappelig, unruhig, usw.Viele Kinder können in der Schule erst unter Medikation ihr volles intellektuelles Potential entfalten, nicht selten werden „schlechte“ Schüler zu „guten“ Schülern.

    *Sogar gegen das oppositionnelle Trotzverhalten wirkt MPH nachweislich.Viele Eltern von ADHS Kindern berichten über das Verschwinden oder zumindest über eine geringere Häufigkeit von Wutanfällen, Verringerung oder sogar Verschwinden von Agressivität, usw.

    Einem Kind MPH aufgrunde Vorurteilen vorzuenthalten ist für mich persönlich unterlassene Hilfsleistung.

    *Negative Interaktionen mit der Umwelt (Überreagieren, Anschreien, Schlagen), Depression der Mutter (40% der Mütter von ADHS Kinder leiden schätzungsweise an Depression) und Ehestreite sind nicht die primäre Ursache des ADHS bzw. der Verhaltensstörungen des Kindes (50% der ADHS Kinder leiden zusätzlich unter oppositionellem Trotzverhalten), sondern in der Regel die Folge der schwierigen Interaktionen mit dem Kind (das Kind muß mehrmals aufgefordert werden, etwas zu tun, will nicht gehorchen, immer alles bestimmen, bekommt wegen Kleinigkeiten Wutanfälle, usw.)

    *Es kommt dann zu einem Teufelskreis von negativen Verhaltensweisen und Interaktionen zwischen Kind und Eltern, die sich gegenseitig verstärken (trotzige Reaktion des Kindes auf Aufforderung der Eltern erzeugt bei ihnen Ohnmachts- und Wutgefühlen und bei eigener niedriger Frustrationsgrenze und Steuerungsfähigkeit gelegentlich oder häufig auch agressive Verhaltensweisen.Diese erzeugen beim Kind wiederum Wutgefühle, was seine Agressivität verstärkt.).

    *Negative Verhaltensweisen der Elterrn (negative Aufmerksamkeit im Sinn von Schimpfen/Schreien/Drohen/Schlagen) fördern nachsweislich das Auftreten von negativen, agressiven Verhaltensweisen beim Kind und verstärken langfritig diese Verhaltensweisen.

    *Deswegen wird zusätzlich zu der Medikamention (die nicht bei allen Kindern notwendig ist) offiziell (Leitlinien) Verhaltenstherapien angeboten, wie ADS Elterntraining für die Eltern ,Konzentrationstraining zur Förderung der Konzentrationsfähigkeit und Daueraufmerksamkeit und evtl. beim oppositionnellem Trotzverhalten zur Förderung der zwischenmenschlichen Konfliktlösungsfähigkeit Sozialkompetenztrainung für das Kind empfohlen.

    Diese multímodale ADHS Therapie hat in wissentschaftlichen Studien die besten Ergebnisse gebracht, mehr als eine Medikation allein oder Verhaltenstherapien allein, wobei die Medikation mit MPH die größte Wirkung zeigte.

    Wenn ein Kind unter Medikation imstande versetzt wird, besser auf die von den Eltern erlernten positiven Erziehungsmaßnahmen zu reagieren, dann kann sich die konflikhafte, angespannte Beziehung zwischen Eltern und Kind endlich entspannen, die Verhaltensauffälligkeiten treten weniger oder deutlich geringer auf (oder verschwinden ganz) und das Kind kann endlich positive Erfahrung im Umgang mit anderen Menschen machen und in der Schule, was sein Selbstwertgefühl stärkt und das Risiko späteren Entgleisungen wie Delinquenz, Sucht, Schul-Ausbildungs- und Berufsversagen, senkt.

    Viele Eltern von ADHS Kindern werden von den gängigen Vorurteilen über „Ritalin“ verunsichert und zögern lange, bevor sie ihrem Kind dieses Medikament verabreichen.Das kann dazu führen, daß das Kind ohne Medikation eine Reihe von negativen Erfahrungen macht und verhaltensauffällig (oppositionell, agressiv) wird, in der Schule und der Ausbildung versagt, keine beständigen Freundschaften aufrechterhalten kann und aufgrunde der ständigen Ablehnungs-und Versagenserfahrungen schwer depressiv wird.

  5. Gustav Lorenz sagt:

    Welche Gene sollen denn ganz genau die oben genannten Funktionsstörungen auslösen? Warum haben sie das nicht schon früher gemacht? Haben sich die Menschen in letzter Zeit genetisch verändert? Kann das alles überhaupt sein? Wer steuert die Gene – die Gene selber? Oder doch die Umwelt, einschließlich der geistigen Umwelt.

    Zum Dogma der Steuerung des Menschen durch die Gene: siehe z.B. „Intelligente Zellen – Wie Erfahrungen unsere Gene steuern“, Bruce Lipton, einem Molekularbiologe.

  6. Dunja sagt:

    Lieber Tigger,

    jeder Patient darf nach seinem Weg suchen. Und wem es gut geht mit der Theorie, dass ADHS zu 80% genetisch bedingt sei, dem wird das auch reichen. Es reicht vielen auch, Volumenminderungen im Gehirn als ein genetisches Schicksal anzusehen, die eine „ADHS beweisen“ (was ein Trugschluss ist). Jedenfalls können viele Patienten oder Eltern mit diesen „festen“ Bildern gut zurecht kommen. Doch nicht jeder Patient möchte auf dieses Abstellgleis.

    Die viel zitierten Volumenminderungen sind nicht unbedingt ein genetisches Schicksal. Auch sie können durch die Umwelt verursacht sein. Und was die Zwillingsstudien betrifft: Gerade sie täuschen manchmal eine genetische Vererbbarkeit nur vor. Schon im Mutterleib beginnt die Umwelt auf das Ungeborene einzuwirken. Auch Zwillingsstudien beweisen nicht, dass ADHS ein genetisches Schicksal ist.

    Wissenschaftler, die nicht an die „genetische ADHS-Theorie“ glauben, möchten den Betroffenen keineswegs einen „Schlag ins Gesicht“ verpassen. Sie möchten ihren Patienten vielmehr neue Wege und Chancen eröffnen.

    Viele Grüße von Dunja Voos

  7. tigger sagt:

    Ich finde es auch grundsätzlich richtig, diese Kontroverse zu thematisieren, gerade weil oft so viel Unklarheit darüber herrscht.

    Ich möchte noch einmal auf Dunjas letzten Kommentar eingehen.
    >>Dieser Definition zufolge handelt es sich um eine “Funktionsstörung“, also nicht explizit um eine Organschädigung. Funktionsstörungen jedoch haben fast immer auch die Chance, wieder zurück zu ihrer normalen Funktion zu finden oder erst gar nicht zu entstehen.<<
    Es ist richtig, wenn man sagt, dass man bei ADHS keine Organschädigung im Gehirn sehen kann, so wie bspw. bei einem Schlaganfall oder Tumor etc. Allerdings haben einige Studien gezeigt, dass in bestimmten Hirnregionen (Striatum, Frontallappen) bei ADHS eine Volumenminderung besteht. Die Bezeichnung „Funktionsstörung“ klingt für mich sehr allgemein gehalten. „Stoffwechselstörung“ passt meines Erachtens besser, weil es den Transmittermangel in bestimmten Hirnregionen besser beschreibt.

    Die ADHS-Symptomatik ist vorwiegend genetisch bedingt, wird aber durch Umwelteinflüsse bis zu einem gewissen Grad modifiziert. Der Anteil der Gene liegt bei 50-80% (die Angaben sind nicht überall gleich; Erkenntnisse aus Zwillingsstudien). Wenn man das im Auge behält, lässt sich verstehen, dass ADHS durch eine Psychotherapie allein nicht ausreichend behandelt werden kann. Die komplette Symptomatik ist einer Psychotherapie leider nicht zugänglich, Teile aber schon (v. a. das negative Selbstbild durch viele negative Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen). Die Erfahrungen der meisten ADHSler, die ich kenne, zeigen, dass alleinige Psychotherapien meist nicht wirklich halfen.

    Noch ein Wort zu Hüther: Er ist ein ADHS-Gegner (und das als Neurobiologe!). Er bezweifelt die Existenz von ADHS (wie auch die „Konferenz ADHS“). Es ist für ihn nur ein Konstrukt, aber keine eigenständige Störung. Diese Einstellung ist ein Schlag ins Gesicht jedes Betroffenen, weil sie das Leiden dieser Menschen verkennt. Genauso gut könnte ich sagen: Depressionen oder Schizophrenie existieren nicht. Solchen Menschen sollte man m. E. nicht allzu viel Beachtung schenken.

  8. Robert Steinmetz sagt:

    Hallo,

    habe jahrelang Therapien gemacht (12 Jahre lang) bis dann die Diagnose ADHS von meiner Schwester kam. Diese Therapien haben mir bis dahin nicht geholfen meine ADHS – Probleme los zu werden. Auch die Behandlung mit diversen Antidepressiva wie Remergil oder Duloxetin hat meine Symptomatik nicht positiv beeinflusst.

    Alles in allem finde ich es schrecklich wie verdammt wenig Verhaltenstherapeutin und Psychoanalytiker bei denen ich auch war von dem Syndrom wissen. Das meine Schwester mir die Diagnose geben musste ist echt die Höhe. Mittlerweile wurde die Diagnose von zwei Ärzten bestätigt.

    Psychoanalytiker haben früher auch gedacht, dass sie Homosexualität heilen können. Heute weiß man das es Unfug ist und bei ADHS ist dies eigentlich auch so. Aber schön, dass hier so ein Artikel steht….

  9. tigger sagt:

    Wenn ich sowas lese, frage ich mich immer, was die Psychoanalytiker damit bezwecken wollen, wenn sie die neurobiologischen Ursachen von ADHS negieren. Schließlich ist ja niemandem geholfen, wenn die Ursache für eine Störung verdrängt oder verleugnet wird. Gerade die Psychoanalytiker müssten das ja wissen.

    Der Punkt ist, dass Psychonanalytiker meinen, ADHS (bzw. die zugrunde liegenden „Hintergründe“) zu verstehen. Dabei scheinen viele gerade nicht verstanden zu haben, dass heutzutage eigentlich niemand mehr an den neurobiologischen Ursachen vorbeikommt. ADHS auf eine Beziehungsstörung oder ähnliches zurückzuführen, bedeutet, heute bekanntes Wissen zu ignorieren. Eine solche Störung ist auch mit ADHS nicht gemeint. ADHS bedeutet nicht „unruhiges Kind“ oder ein Kind, das schwer zu erziehen ist. ADHS ist eine ANGEBORENE und – wie man heute weiß – in den meisten Fällen (50-60%) lebenslang bestehende Erkrankung bestimmter Hirnbereiche. Deren Wechselwirkungen mit der Umwelt komplettieren die Symptomatik.

    Eine Psychotherapie (auch eine psychoanalytisch orientierte) kann in den meisten Fällen nur auf der Basis einer optimal eingestellten Medikation funktionieren, vor allem bei Erwachsenen. Ist auch plausibel: Wie soll eine Psychotherapie Sinn machen, wenn sich der Patient nur schlecht bis gar nicht konzentrieren oder zuhören kann?

    Was ich diesem Artikel anrechne, ist, dass er nicht die Medikamente ins Reich der Drogen stellt, so wie es andernorts oft zu lesen ist. Wer sich mit ADHS beschäftigt, weiß, dass dem nicht so ist.

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