Warum äußern sich viele Psychoanalytiker so zurückhaltend zur Wirkung der Psychoanalyse?
„Mir hat die Psychoanalyse ein ganz neues Leben geschenkt. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so gut fühlen könnte, so mitten im Leben. Ich bin nicht mehr isoliert, ich kann eine Partnerschaft führen, ich konnte eine Familie gründen. Meine unsagbaren Ängste und Zwangsgedanken sind fast vollständig zurückgegangen – und wenn sie kommen, kann ich sie handhaben. Ich kann mich selbst halten und verstehen“, sagt ein Patient.
„Die Psychoanalyse ist eine Theorie des Denkens. Sie ist geeignet für Menschen, die sich erforschen wollen“, sagt ein Psychoanalytiker. Wie kommt es, dass sich Analytiker so zurückhalten, wenn es darum geht, sich zur intensivsten Form der Psychotherapie so zu äußern, dass klar wird, dass hier Patienten mit schwersten psychischen Störungen echte, handfeste Hilfe finden?
Erst heute stieß ich wieder auf einen typischen Beitrag. Eine Leserin des Schweizer „Tagesanzeiger“ sagt: „Als langjährige Analysandin wundere ich mich immer wieder, wie sehr sich Exponentinnen und Exponenten der Psychoanalyse scheuen, den therapeutischen Nutzen ihres Tuns deutlich zu formulieren.“
Und ein Analytiker antwortet unter anderem: „Die Psychoanalyse ist gewiss nicht bloß ein Placebo für ohnehin Gesunde. Aber sowenig wie sie bloß Wellness bietet, ist sie auch kein Allheilmittel für jedes psychische Elend. Nicht hinter jedem Unglück steckt ein psychoanalytisch zu klärender unbewusster Konflikt; manche Patienten brauchen eher kontinuierlich Zuwendung, andere mehr finanzielle Sicherheit“ (Tagesanzeiger, 11.7.2017, Peter Schneider: Vom Nutzen einer Psychoanalyse. Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Therapie. www.tagesanzeiger.ch.)
Psychoanalytiker halten sich zum Glück zurück mit Versprechungen. Man weiß nie, wie sich eine Analyse entwickelt, ob und wie sie dem Patienten hilft und wie sie ausgeht. Manche leiden nach einer misslungenen Psychoanalyse mehr als vorher. Aber dennoch ist die Psychoanalyse aus meiner Sicht oft die einzige Chance für Menschen mit schwerstem psychischen Leid (siehe: „Take these broken wings“).
Eine Art „Heilung“ gibt es auch, wenn man krank bleibt
So mancher Psychoanalytiker ist Psychoanalytiker geworden, weil er zuvor selbst als Patient eine positive Erfahrung mit der Psychoanalyse gemacht hat. Auch Psychoanalytiker selbst sind der Methode oft zutiefst dankbar. Doch warum diese Zurückhaltung? Vielleicht, weil in der Psychoanalyse nichts schöngeredet wird und das menschliche Leid – auch das unveränderbare – hier voll zutage tritt. Und dennoch: Wer mit unveränderbarem Leid das erste Mal in seinem Leben die Erfahrung macht, dass da jemand da ist, der dieses Leid zutiefst versteht, der kann doch spüren, wie aus dem beißenden Schmerz der Wunde ein gelinderter Schmerz wird. „Ich bin ein gesunder Krebskranker“, sagte ein mir wertvoller Mensch, der sich in seiner Krankheit dank seiner Familie zutiefst geborgen fühlte.
Vielleicht hat es auch mit der Frage zu tun, woher Analytiker kommen. Die Analyse galt früher als wenig geeignet für Menschen mit schweren strukturellen Störungen. Heute sieht man das anders – gerade diese Menschen können durch die jahrelange enge Bindung zum Psychoanalytiker psychische Strukturen teilweise enorm nachreifen lassen. Vielleicht lässt es sich mit einer Schullaufbahn vergleichen: Akademiker-Kinder gehen relativ oft auf das Gymnasium und studieren danach. Man „bleibt in der Familie“. Für Kinder aus bildungsfernen Schichten jedoch sind Abitur und Studium etwas ganz Besonderes. Der Unterschied zwischen dem Vorher-Nachher-Leben ist häufig äußerst groß.
In einer Umfrage von 226 angehenden Analytikern zeigte sich, dass die meisten verheiratet sind und ein hohes Jahreseinkommen haben („Wer wird Psychoanalytiker?“). Häufig werden Menschen aus höheren sozialen Schichten Analytiker. Auch diese Menschen leiden, aber vielleicht leiden sie auf einem höheren Strukturniveau. Vielleicht überwiegt die Faszination an der Methode und die Neugier, die Seele kennenzulernen. Für Menschen aus unteren Schichten mit schwereren psychischen Störungen ist es vielleicht schwieriger, Psychoanalytiker zu werden. Doch möglicherweise ist der Unterschied zwischen dem „Leben vor und nach der Analyse“ spürbar größer, sodass auch die Begeisterung für die Psychoanalyse auf eine „krankheitsorientiertere“ Art größer ist.
Veränderung
Vielleicht ist heute die Zeit gekommen, in der auch ursprünglich schwerer „kranke“ Menschen aus bildungsferneren sozialen Schichten Psychoanalytiker werden. Auch die Psychoanalyseanalyse-Techniken sind weiter gereift. Oft spielt die Präsenz als Wirkfaktor eine viel grössere Rolle als die Bearbeitung von Konflikten. Vielleicht wird es dadurch zunehmend möglich, die Psychoanalyse auch als eine intensive Form der Psychotherapie zu betrachten, in der schwer kranke Menschen um einiges gesünder werden können.
Vielleicht sind Psychoanalytiker oft so zurückhaltend mit ihren „Wirk-Versprechen“, weil sie Patienten nicht enttäuschen möchten. Doch aus Sicht mancher Patienten könnte diese Zurückhaltung auch schmerzhaft sein. Es fühlt sich für manche zutiefst dankbare Patienten so an, als hätten sie zusammen mit ihrem Analytiker eine persönliche Fußballweltmeisterschaft gewonnen, doch dann gibt’s kein Jubelfest, sondern nur einen leicht gesüßten Kräutertee.
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 6.8.2017
Aktualisiert am 8.4.2025