Folie à deux in der Psychoanalyse
Die „Folie à deux“ ist ein „Verrücktsein zu zweit.“ Verliebte kennen es oder Mutter und Kind in den ersten Lebenswochen. Die „Folie à deux“ kann der Himmel auf Erden, aber auch die Hölle sein, z.B. wenn zwei Menschen, die einander nicht gut tun, nicht voneinander loslassen können. Eine „Folie à deux“ kann auch in der Psychoanalyse entstehen, wenn Patient und Analytiker quasi aneinander haften, wenn es keine innere und/oder äußere Triangulierung mehr gibt und keinen Ausweg.
Der Psychoanalytiker Albert Mason (www7.bbk.ac.uk…) spricht z.B. davon, dass der Analytiker mit dem Gift des Patienten kontaminiert ist. Er spricht von „gegenseitiger Hypnose“ oder „Folie à deux“ (Mason 1994; personal communication, 2003 in: James Grotstein, A beam of intense darkness, Karnac Books 2007, S. 185 und Mason A (1994): A psychoanalyst looks at a hypnotist: A study of folie a deux. Psychoanalytic Quarterly, 63 (4): 641-679, www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7846185).
Albert Mason schreibt, dass der Analytiker bereits dieselbe omnipotente unbewusste Phantasie in sich tragen muss, die der Patient auch hat, damit der Analytiker derart vom Patienten angesteckt werden kann (Grotstein, S. 185). Der Analytiker muss unbewusst danach streben, die Fiktion zu erhalten. Somit tritt er in Kollusion mit dem anderen – damit beide ihren selben Glauben behalten können. James Grotstein schreibt, dass die Folie à deux jedoch auch eine normale Funktion hat und die Basis für Intuition und Empathie bildet. Das Unbewusste des Objekts ist von Geburt an so strukturiert, dass es zur „Mindedness“ des Subjektes passt (Grotstein S. 186 und Stern 2004: The Present Moment in Psychotherapy and Everyday Live. New York: W. W. Norton. S. 85)
Selbstzweifel und Selbstkritik helfen
Helmut Thomä und Horst Kächele (2006) schreiben zur Folie à deux: „Wir haben hier das Problem der Folie à deux vor uns, nämlich dem Glauben an eine Evidenz, die nur von zwei Personen geteilt wird. Die Aufgabe des Therapeuten ist es, seine positive Evidenz zu maximieren, um in der klinischen Situation handlungsfähig zu sein. Den Wissenschaftler jedoch leitet ein anderes Erkenntnisinteresse; seine Aufgabe ist es, negative Evidenz zu maximieren, also die erhobenen Befunde und ihre Erklärungen immer wieder in Frage zu stellen, wie dies schon Bowlby (1982) betonte:“
Bowlby: „Ein Wissenschaftler muss bei seiner täglichen Arbeit in hohem Maße in der Lage sein, Kritik und Selbstkritik zu üben … Es gibt keinen Platz für Autorität. Das gilt nicht für die praktische Ausübung des Berufes. Wenn ein Praktiker effektiv sein will, muss er bereit sein, so zu handeln, als seien gewisse Prinzipien und Theorien gültig. … Da wir ferner alle die Tendenz haben, uns von der erfolgreichen Anwendung einer Theorie beeindrucken zu lassen, besteht bei Praktikern vor allem die Gefahr, dass sie größeres Vertrauen in eine Theorie setzen, als durch die Tatsachen gerechtfertigt erscheinen mag.“ Original: „In his day work it is necessary for a scientist to exercise a high degree of criticism and self-criticisism …“ John Bowlby: A Secure Base. Scepticism and Faith, Routledge 1988, S. 46, amazon
Links:
Helmut Thomä und Horst Kächele:
Psychoanalytische Therapie: Praxis
Verlag Springer, 3. Auflage, 2006: S. 442
www.springer.com/de/book/9783540297529
Horst Kächele, Joseph Schachter, Helmut Thomä:
From Psychoanalytic Narrative to Empirical Single Case Research
Ulmere Psychoanalyse-Prozessstudiengruppe
www.amazon.com/…
Andreas Jacke:
Marilyn Monroe und die Psychoanalyse
Psychosozial-Verlag 2011