Wie lässt sich subjektives Erleben verändern?
„Jetzt freu dich doch mal!“, hören wir. Doch Gefühle lassen sich nur bedingt steuern. Subjektives Erleben ist sehr schwer konkret zu beeinflussen. Manche psychisch Leidende schaffen es nicht, eine Psychotherapie zu beginnen, weil sie schon am Telefon den möglichen Helfer als Bedrohung wahrnehmen. Das kann dann wie ein Fluch sein.
Doch wie lassen sich eingefahrene Erlebensweisen verändern? Wenn wir schwer traumatisiert sind und eine Psychoanalyse im Liegen auf der Couch machen, kann es sein, dass wir immer wieder die hartnäckige Vorstellung haben, der Analytiker könnte uns plötzlich angreifen. Sicher, diese Phantasie könnte jeder haben, wenn er auf der Couch liegt und hinter ihm jemand sitzt, den er nicht sieht. Doch bei Frühtraumatisierten kommt diese Vorstellung sehr rasch und sehr häufig auf. Das Erleben scheint wie eingestempelt zu sein.
Vielleicht ärgern wir uns: Nach einigen Monaten müssten wir doch begreifen, dass wir uns beim anderen sicher fühlen können, oder? Doch der „Möglichkeitsraum“ verändert sich eben nicht. Auch, wenn jemand 10 Jahre lang „harmlos“ bleibt, kann er im 11. Jahr theoretisch zum Angreifer werden.
Manchmal vergessen wir bei solchen Erllebensweisen, dass wir selbst verborgene Wünsche haben. Wir könnten uns auf der Couch in den Analytiker verlieben und die unbewusste Vorstellung haben, dass wir ihm selbst auf den Schoß springen könnten. Wir könnten auch wütend sein und selbst den Analytiker am liebsten umbringen wollen. Manchmal sind es eben auch solche unbewussten Wünsche in uns, die uns Angst machen. Doch wenn uns das nicht bewusst wird, können wir weiterhin ausschließlich Angst vor dem anderen haben.
Umdenken ist schon schwierig. Aber Um-Erleben ist noch viel schwieriger. Manchmal müssen wir uns ganz bewusst zu Vertrauen entscheiden.
Je besser wir uns selbst kennenlernen, desto mehr kann sich auch unser Erleben verändern. Waren wir uns vorher noch todsicher, dass der Analytiker uns angreifen könnte, so können wir dies zunehmend infrage stellen. Wir sehen zunehmend auch unsere Lust, den Analytiker anzugreifen. Wir lernen vielleicht auch, dass weder wir den anderen angreifen müssen, noch der andere uns angreifen muss, sondern dass man sich gegenseitig in Ruhe lassen kann.
Wahrheitsliebe weist den Weg
Die Wahrnehmung an sich ist eigentlich immer richtig, nur die Zuordnung kann oft falsch sein. Es ist so, wie wenn wir vor unseren Augen eine Sonnenbrille oder einen Filter tragen: Dann nehmen wir die Umwelt zwar eingefärbt wahr, aber die Augen nehmen ja „richtig“ wahr – sie nehmen den Filter wahr und sehen dadurch die Umwelt in einem anderen Licht. Wenn wir wissen, dass wir einen Filter tragen, können wir uns vorstellen, dass die Welt in Wirklichkeit anders aussieht. Die Vergangenheit kann wie ein Filter auf unserem Wahrnehmungssystem liegen. Es ist oft hilfreich, wenn wir unser eigenes Erleben, Fühlen und Denken in ganz kleinen Schritten untersuchen.
Nach einiger Zeit können wir ein so gutes Verständnis für unsere inneren Vorgänge bekommen, dass wir uns ausreichend entspannt fühlen können. Auch, wenn viele Spuren aus der Kindheit oder aus traumatischen Erfahrungen bleiben, so erleben wir doch, wie sich unser Erleben durch genaues Verstehen verändern kann. Die Wahrheitsliebe kann so manche Filterfarbe auflösen. Wenn wir uns selbst so bewusst und ehrlich wahrnehmen, wie es uns möglich ist, kann auch der andere in unserem Erleben „neutraler“ werden.
Wenn ein Kind in Gewalt aufgewachsen ist – kann es dann jemals von dieser Gewalt wegkommen? In der Psychoanalyse liegt der Patient auf der Couch und der Analytiker sitzt hinter ihm. Mit sehr schwer traumatisierten Patienten kann man dieses Setting häufig zunächst nicht einnehmen, weil der Patient stets die Vorstellung hat, der Analytiker könnte aufspringen und ihn angreifen. Doch wenn der Patient im Laufe der Analyse einen besseren Kontakt zu sich selbst bekommt und freier reflektieren kann, dann spürt er, dass die Gewalt auch in ihm selbst ist.
„Korrigierende Erfahrungen“ soll der Patient machen, heißt es so schön in der Psychotherapie. Das klingt so einfach und ideal. Doch die Wucht der ursprünglichen Erfahrungen ist groß.
Der Täter im Opfer
Auch der Patient hat Angst vor seinen inneren Kräften und fragt sich, ob er selbst in bestimmten Momenten der Wut und Verzweiflung aufspringen und dem Analytiker an die Gurgel gehen würde. Wenn schwer traumatisierte Patienten eine Psychoanalyse machen, verändert sich dieses Bild, das gleichzeitig ein Gefühl ist, nur sehr langsam. Oder anders gesagt: Eine neue Vorstellung kann nur sehr langsam hinzukommen. Doch irgendwann kann sich eine neue Vorstellung bilden – manchmal zuerst für Sekunden, dann vielleicht auch für längere Momente: Es ist die Vorstellung, dass weder der Patient den Analytiker noch der Analytiker den Patienten angreifen wird. Der Patient kann einfach auf der Couch liegen und sich sicher fühlen, dass jeder einfach da ist, wo er ist, ohne etwas mit dem anderen zu machen.
Psychoanalytiker und Patienten spüren täglich, wie langsam sich die Psyche bewegt, wie langsam sie sich formt. Aber wenn man des Moments gewahr wird, in dem die Veränderung – vielleicht erst nach Jahren – stattfindet, dann ist es eine tiefe Erfahrung.
Zusammenfassung: Menschen, die in der Kindheit viel Gewalt erlebten, leiden oft unter einer Vorstellung: Der andere greift mich an oder ich greife in meiner Verzweiflung, Angst und Wut den anderen an. Doch in einer Psychoanalyse kann über die Jahre eine neue Vorstellung erwachsen: Weder ich greife den anderen an, noch greift der andere mich an. Zwei Menschen können in einem Raum sein und jeder ist einfach nur da. Jeder lässt den anderen und auch sich selbst in Ruhe.
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Beitrag vom 24.1.2026 (begonnen am 11.3.2014)