Wohlgefühl als Angst-Abwehr: „Es ist wie eine innere Droge, von er ich nicht lassen kann.“

Manchmal wundern wir uns, dass wir in schweren Zeiten relativ gut einschlafen und am nächsten Morgen gut aufwachen. Das kann daran liegen, dass wieder eine Ordnung hergestellt wurde, auch, wenn der Vorgang schmerzlich war. Wenn du dich jedoch kurze Zeit danach wieder sehr schlecht fühlst, kann es auch ein anderer Mechanismus sein. „Dieses große Wohlgefühl beim Aufwachen, vielleicht nach einem schönen Traum, ist zwar unglaublich angenehm, aber es ist nicht gut für Körper und Geist. Es verschwendet Lebensenergie“, sagte mir einmal ein chinesischer Mediziner.

Dieses ganz besondere Wohlgefühl, das man sich nicht erklären kann und das eigentlich nicht zur Lebenssituation passt, kann manchmal Grund zur Sorge sein. Wenn wir an einem Marathon teilnehmen oder auf der Flucht sind, kann es gut sein, dass unser Körper Endorphine ausstößt und wir den Schmerz in den Füßen nicht mehr spüren.

Endorphine in psychischer Not

Psychisch kann etwas sehr Ähnliches passieren: Wenn Angst oder Schmerz zu groß werden, fühlen wir uns auf einmal großartig – oder sogar sexuell erregt. Wir fühlen uns wie in einer anderen Welt. „Komisch, eigentlich müsste ich mir Sorgen machen“, denken wir. Und der andere sagt: „Wie kannst Du dabei so ruhig bleiben?“ Wir sehen uns in den Abgrund laufen und genießen die Vorstellung, dass wir uns dann den anderen als Leidender präsentieren können. Wir stellen es uns wie zuckerweiche Watte vor: „Dann bekomme ich halt kein Geld mehr!“, „Dann bin ich eben wieder Single“, „Dann verliere ich halt mein Haus und meine Kinder“, sagen wir. Wir sagen es in der größten Not. Aber wir fühlen uns merkwürdig eingelullt, irgendwie gut.

Die Härte der Strafe hat nur einen geringen Einfluss auf das Geschehen

Egal, wie stark die Schmerzen danach sind, egal, wie hart die Strafe ausfällt – das nächste Mal wird uns die Angst wieder in diese Wolke hüllen, wenn wir dafür anfällig sind. Oder wenn wir es gelernt haben, uns sozusagen selbst auf Droge zu setzen. Dann sind wir nahe dran an der Perversion, an der Hoffnungslosigkeit. Wir sehen es bei den Mächtigsten der Welt, welche gefühlsmäßigen Höhenflüge sie haben, während die Menschen um sie herum nur den Kopf schütteln oder gar sterben.

Wohlgefühl als Angstabwehr ist einer der kuriosesten Mechanismen überhaupt, weil man eben nicht erreichbar ist. Wer Angst hat, der will beruhigt werden. Wer sich aber wohlfühlt, der will dieses Wohlgefühl behalten: „Es ist wie eine innere Droge“, sagt ein Patient. „Ich hab schon immer Angst, wenn ich mich so wohl fühle, weil ich weiss, dass es schlecht enden wird“, sagt ein anderer. Wir kommen da nur heraus, wenn da unten ein großes Sprungtuch für uns bereit steht. Wenn wir wieder „unten“ sind und die Angst und den Schmerz erneut spüren, können wir versuchen, bewusst andere Wege zu gehen – so schwer das auch ist. Verzicht auf die innere Droge ist wichtig, damit es einem langfristig gut geht und die „stille Zerstörung“ aufhört.

Lustgefühle können Heilung verhindern

Damit die Psyche mit Leid klar kommen kann, ist sie sehr erfinderisch. Der Körper kann bei Qualen Endorphine ausschütten. Aber auch die Seele kann es schaffen, dass eigentlich qualvolle Situationen in lustvolle Situationen umkippen können. Das kann auf allen sichtbaren und unsichtbaren Ebenen passieren. Wer als Kind unter Ohnmachtsgefühlen litt, der kompensiert diese Ohnmachtsgefühle durch Allmachtsgefühle. So mancher Narzisst kennt emotionale Höhenflüge, während derer er sich als allmächtig, „ganz oben“ und unverletzlich erlebt.

Bei manchen psychosomatischen Erkrankungen kann man Ähnliches beobachten: So schrecklich Reizdarmsymptome sein können, so kann sich unbewusst auch eine Lust daran entwickeln, nicht mehr von der Toilette zu kommen und den anderen unbewusst oder halbbewusst zu „bescheißen“.

Auch wer starke Angst erlebt, kann mitunter in höhere Gefühlsebenen davon schweben. Sobald der direkte Leidensdruck weg ist, kann das schlecht sein für die persönliche Entwicklung in der Therapie, denn während man emotional diese Höhenflüge erlebt, kann man Dinge tun, die einem schaden. Teilweise sieht man sich dabei sogar zu. Erst nach dem Höhenflug fällt man auf die Nase; man landet und leidet wieder. Das sieht man zwar schon in dem Moment des Höhenfluges kommen, aber es ist einem alles egal. Es ist, als sei man vorher auf Glatteis ausgerutscht. Das Gleitmittel war jedoch die Lust.

Hätte man den ursprünglichen Schmerz und die Angst weiterhin gespürt, hätte man auf seinem Eis noch bremsen können.

Wichtig ist es, ganz ehrlich zu sich zu sein und sich zu fragen, ob man sich gerade ungewöhnlich wohl fühlt, obwohl es eigentlich nicht zur Situation passt. Doch warum sollte man von Lust- und Wohlgefühlen zurückkehren zu Angst, Unlust, Schmerz und Bedrängnis? Weil man mit diesen unguten Gefühlen sein Leben kreativer und ehrlicher gestalten kann, sodass das Endergebnis erfüllend und befriedigend ist.

Belle Indifférence = schöne Gleichgültigkeit

Der Begriff „La belle indifférence“ wurde ursprünglich für die Hysterie verwendet. Auch heute taucht er bei der Konversionsstörung auf, wenn ein körperlich-symbolisches Symptom entsteht wie z.B. eine Lähmung oder eine (vorübergehende) Blindheit. Trotz offensichtlich schwerer körperlicher Beeinträchtigungen zeigen sich die Betroffenen kaum besorgt. Wir alle kennen vielleicht auch diese „schöne Gleichgültigkeit“, die uns befällt, wenn wir vom Tod eines nahen Angehörigen hören oder wenn wir in einer psychisch schwer aushaltbaren Situation stecken, z.B. wenn wir merken, dass wir gerade durch eine Prüfung fallen oder sehr kritisiert werden. Dieses Gefühl der Gefühllosigkeit ist angenehm und einlullend. Es ist wie ein Zuhause in einer unbarmherzigen Welt.

Die Belle indifférence kann einen regelrechten Suchtcharakter erlangen. Die schöne Gleichgültigkeit wirkt wie ein Schutz vor dem Zusammenbruch. Man wundert sich selbst über diesen Zustand und denkt: Das kann doch jetzt eigentlich nicht sein. Andere Menschen fragen einen vielleicht: „Sag mal, berührt Dich das überhaupt? Kommt das überhaupt bei Dir an?“ Menschen, die große Angst vor anderen Menschen haben und diese als übermächtig erleben, fühlen diese Gleichgültigkeit manchmal, wenn sie in Kontakt treten sollen mit den anderen, wenn sie für sich einstehen sollen, wenn sie „den Mund aufmachen“ und ihre Meinung sagen sollen. Dann kann es sein wie ein Abrutschen in diesen Zustand der „Belle indifférence“.

Böses Erwachen

Jeder, der diese Zustände der einlullenden Gleichgültigkeit gut kennt, weiß, dass später oft ein böses Erwachen kommt mit starker Wut und Verzweiflung. Schmerzende Resignation, Bedauern, Bereuen können hinzu kommen. Es ist, als bliebe einem nichts anderes, um auf eine neue Gelegenheit zu warten, in der man es endlich besser machen kann. Kommt diese neue Gelegenheit, ist es jedoch schnell wieder aus mit Mut, Kraft und Zuversicht. Eh man es sich versieht, legt sich die Gleichgültigkeit wie ein Schleier um einen.

In das Reich der „Tatlosen“ und Gleichgültigen tritt Dante mit Vergil ein in der „Göttlichen Komödie“. Die Menschen an diesem Ort werden gequält von Wespen und Bremsen (3. Gesang: Die Höllenpforte. Youtube: „Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren“). Dies erinnert vielleicht an das Hautjucken, das sich in angespannten Leerlaufsituationen ergeben kann.

Der Unterschied zum Gefühl der Geborgenheit liegt bei der Belle Indifférence darin, dass es eben zu diesem „bösen Erwachen“ kommt. Schon während der Gleichgültigkeit kommen Zweifel auf, ob das jetzt normal oder angemessen ist. Ein Gefühl der guten Gleichgültigkeit kann auch unter der Geburt oder im Sterben auftauchen, wo es sinnvoll ist, weil man loslassen kann. Dann ist es eher Hingabe oder ein gutes „Sich-dem-Geschehen-Überlassen“ – man kann dann loslassen.

Wer ist betroffen?

Betroffen sind oft Menschen, die oft das Gefühl hatten: „Es hat ja eh keinen Zweck.“ Auch frühe Körpererfahrungen können eine Rolle spieln, z.B. möglicherweise die Erfahrung, dass man als Baby lange schreiend alleine gelassen oder körperlich gequält wurde (siehe meine Beiträge zu den möglichen Folgen der Vojta-Therapie bei Babys). Auch die vorgeburtlichen Erfahrungen werden zunehmend erforscht – vielleicht spielt die frühe Erfahrung, durch einen Kaiserschnitt entbunden worden zu sein, eine Rolle, als das Baby „dachte“: „Wenn ich mit dieser Nabelschnur um den Hals aktiv werde, werde ich ersticken.“

Starke Ohnmachtserfahrungen in der frühen Kindheit sowie eine übermächtige Mutter oder ein überwältigender Vater können dazu geführt haben, dass man schon bei kleinsten Aufgaben oder Konfrontationen resigniert, weil innerlich die Übermacht auftaucht, vor der man immer wieder erneut zugrunde geht.

Körpererfahrungen aller Art helfen, das Gefühl er Selbstwirksamkeit wiederzuerlangen. Aber auch die Wiederbelebung von Sinneserfahrungen können wieder herausführen aus der Gleichgültigkeit – dazu kann schöne Musik gehören, die besonders wirksam ist, wenn sie überraschend auftaucht, z.B. im Radio. Oft hilft es auch, sich aureichend auszuruhen.

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