Buchtipp: War das schon alles? Babyboomer jenseits der Lebensmitte

Marie-Luise Hermann ist promovierte Diplom-Psychologin, Psychoanalytikerin und Autorin. Sie arbeitete bis 2022 als Oberpsychologin in der Schweizer Privatklinik Clienia Littenheid. Geboren 1966, schreibt sie nun aus der Warte einer Frau, die sich selbst fast noch zu den Babyboomern (1955-1964 Geborene) zählen kann. Ich bestellte das Buch, nachdem ich in der Buchbeschreibung den Satz las, dass man die „Kraft verschütteter Wünsche freisetzen“ könne. Zusammen mit dem – wie ich finde – sehr ansprechenden Cover und dem Titel „War das schon alles?“ war meine Lust auf dieses Buch geweckt. Ich habe dieses sehr dichte Buch verschlungen und konnte mich in vielem wiederfinden. Der Vergleich mit anderen, das Gefühl, im Mittendrin zu sein und nun die Lebensjahre auch vom möglichen Ende her zu zählen, das „große Gähnen des Überdrusses“ (S. 35) und vieles andere sprach mich an.
Besonders die fast gnadenlose Authentizität in diesem Buch hat mich fasziniert. Marie-Luise Hermann betont, wie wichtig es ist, wirklich ehrlich zu sich zu sein und den inneren wie äußeren Wahrheiten nicht aus dem Weg zu gehen. Sie beschreibt, wie man offen werden kann für das eigene Unbewusste, wie man sich ihm hingeben, ja auch auf gewisse Weise vertrauensvoll überlassen kann.
Es geht um Orientierung, um Unbehagen und Aufbruch
Viele treffen in der Mitte des Lebens noch einmal ganz neue Entscheidungen und nicht immer ist klar, woher der eigene Wille kommt, der zu vielen Konflikten führen kann. Mir gefiel in diesem Zusammenhang der Satz:
„Irgendetwas in mir hat mir gesagt, dass ich das jetzt so machen muss. Ich konnte nicht anders, ich musste das einfach tun. Etwas ist mit mir passiert, und auf einmal war alles so klar. Es fühlte sich auf einmal so richtig und gut an.“ (S. 47)
Und nach meinem eigenen Umzug in eine andere Stadt fühlte ich mich durch diesen Satz verstanden: „Unter Druck bleibt oft keine Alternative, manche müssen entfernte Arbeitsorte in Kauf nehmen.“ (S. 53) Für mich wurden besonders die Abschnitte spannend, die auf den Körper weisen: „Im höheren Alter übernimmt der Körper mit Grenzen und Einschränkungen die weitere Entwicklung“, heißt es auf Seite 49. Dann jedoch geht die Autorin insgesamt wenig auf den Körper ein, was mich enttäuschte. Es löste in mir eine „Suchbewegung“ aus, die mich das Buch schnell lesen ließ, jedoch fand ich nicht so recht, was ich suchte.
Viel Psychoanalytisches – für Interessierte ein Gewinn
Ab etwa Seite 50 nimmt die psychoanalytische Fachterminologie einen breiten Raum ein, wie bereits die Überschrift „Inneres Drängen aus Sicht der Triebpsychologie“ zeigt. Auch behandelt die Autorin nun interne Diskurse der Psychoanalyse: „… und die Psychoanalyse ist dabei, ihre eigenen Ursprünge in der Freud’schen Triebtheorie zu verdrängen, zu verleugnen und sich damit selbst zu schwächen.“ (S. 54) Einige psychoanalytische Theorien sind verständlich und alltagsnah aufbereitet, jedoch frage ich mich, ob die Ausführungen für Leser und Leserinnen, die noch nie mit der Psychoanalyse in Berührung gekommen sind, nicht zu abgerückt klingen:
„Weil dieser glühende Liebeswunsch des Kindes mit einem Erwachsenen nicht möglich ist (Anmerkung: „nicht zu erfüllen ist“, müsste es nach meinem Verständnis heißen) und weil die genitale Ausstattung dafür noch mangelhaft ist, steigert sich die Enttäuschung in einen Wutanfall bis zum fantasierten gewaltsamen Entreißen des väterlichen Phallus, der ‚Kastration‘, und damit diese ungeheuerliche Raubtat nicht auffliegt, später in Mordphantasien.“ (S. 56)
Der rote Faden
Marie-Luise Hermann beschreibt beispielhaft die Probleme der fiktiven Personen Andrea, der Umtriebigen, Bruno, dem Nachdenklichen und Christina, der Vermittlerin. Sie stehen für die Krisentypen „Festsitzen, Sichdavonschleichen und Zusammenbrechen“. Die Autorin kommt in den verschiedenen Kapiteln auf diese drei Personen und Problematiken zurück, wodurch sich ein roter Faden im Buch ergibt. Die Kämpfe, die viele in den Wechseljahren durchleben, werden aus meiner Sicht jedoch oft nicht spürbar – die Probleme der Protagonisten erscheinen mir stereotyp: die alleinerziehende Mutter, die „alles gemanagt“ hat (S. 38), der nachdenkliche Bruno, der „umfassend frustriert“ ist (S. 39) und Christina, die „immer für alle da“ war (S. 41) erscheinen mir wie aus der Theorie heraus konstruiert. Es ist, als stammten sie aus einer besser gestellten sozialen Schicht, die hier exklusiv in den Blick genommen wird.
Dieser Eindruck entsteht bei mir, wenn ich beispielsweise an konkrete Erfahrungen mit Frauen denke, die in ihren finanziellen Problemen, Kontaktabbrüchen oder Krebserkrankungen nicht ein noch aus wissen. Vielleicht erschienen mir auch deshalb ab der Mitte des Buches viele Passagen beim Lesen sehr anstrengend. Die möglichen Lebenskonflikte werden ausführlich ausgearbeitet, jedoch fühlte ich mich bisweilen wie in einem dichten theoretischen Gedankenwald ohne Lichtung oder Bänke zum Ausruhen.
Viele Leser*innen werden sich in den Ausführungen wiederfinden und auch Neues entdecken. Auch bei mir bewirkten viele Gedanken der Autorin einen „Aha-Effekt“. Insgesamt finde ich das Buch sehr anregend und auch verstehend. Wer jedoch Trost sucht und sich auch für körperliche Problematiken interessiert, die die Seele in Mitleidenschaft ziehen, sollte auch andere Bücher zu diesem Thema lesen.
Buch:
Marie-Luise Hermann:
War das schon alles? Babyboomer jenseits der Lebensmitte
Mit einem Geleitwort von Brigitte Boothe
Psychosozial-Verlag, Gießen, 2023