23.09.2014

Panikattacken am Mikrofon

Panikattacken treten gerne dann auf, wenn man sie nicht braucht: In der Nacht, im vollbesetzten Bus, im Stau oder während der Arbeit. Besonders schwierig wird es für diejenigen, die während einer Panikattacke gerade im Rampenlicht stehen: Politiker, Lehrer, Ärzte, aber auch Radio- oder TV-Moderatoren. Bereits im September 2008 schrieb die Journalistin Ilona Hartmann in der Zeitschrift “journalist” (9/2008, S. 52-53) einen Beitrag zu diesem Thema: “Wenn die Stimme versagt”, so lautete der Titel. (Text: © Dunja Voos, Bild: © Maclatz, Pixelio)

Wenn Hörfunksprecher unter Panikattacken leiden

“Panikattacken am Mikrofon – dieses Phänomen kennen etliche Hörfunksprecher aus eigener Erfahrung. Doch in den meisten Sendern sind die plötzlich auftretenden Angstzustände noch immer ein Tabu. Dabei gibt es wirksame Therapien, um sie zu bekämpfen” – so jedenfalls schreibt es die Autorin Ilona Hartmann. An dieser Stelle könnte man als Leser meinen, dass die Panikstörung leicht zu beseitigen sei – schließlich gibt es “wirksame Therapien” und man will die Panikattacken “bekämpfen”.

Schnell rennen?

Wirksame Therapien gibt es in der Tat, aber das heißt nicht, dass es schnelle Lösungen gibt. Manchmal muss man sich eine ganze Zeit lang mit den Panikattacken am Mikrofon arrangieren – manchmal tut es auch gut, für eine Weile den Arbeitsbereich zu wechseln, falls das möglich ist. Auch der Begriff “bekämpfen” ist für viele Betroffene nicht hilfreich. Klar will man die Attacken “bekämpfen”, sie “im Griff haben”, sie “loswerden”. Manchmal helfen (in Grenzen) auch Atem- und Entspannungstechniken sowie gedankliche Auswege. Doch meistens gibt es keine schnelle “Strategie”, um die Attacken “loszuwerden”. Hilfreicher kann es sein, z.B. in einer psychoanalytischen (Kurzzeit-)Therapie den gegenteiligen Weg zu gehen: Die Ängste mithilfe des Therapeuten genauer anzuschauen, sie zu verstehen, die unbewussten Phantasien dahinter zu ergründen (“Am liebsten würde ich den Chef erschießen!”), das strenge Über-Ich abzumildern, das “Ich” zu stärken, sich Raum zu verschaffen und sich zu erholen.

Muss man die Angst “bekämpfen”?

Meistens sieht das Selbstgespräch während einer Panikattacke wie ein “innerer Kampf” aus: “Stell Dich nicht so an”, sagt man sich vielleicht, oder: “Da musst Du jetzt durch.” Man sagt der Angst den inneren Kampf an. Man kann nicht verstehen, warum die eigene Stimme so seltsam unvertraut erscheint. Am liebsten würde man vor sich selbst wegrennen. Ist die Situation vorbei, kommt man wieder “zu sich”.

In der Situation gefangen

Oft besteht die Angst unter anderem deshalb, weil man selbst so streng zu sich ist. Vielleicht hat man gerade “unerwünschte” Gefühle gehabt, die man kaum wahrgenommen hat und die man sich blitzschnell verbietet. Man würde sich zudem nicht erlauben, aus der Situation zu fliehen. Und während der Panikattacke glaubt man, auch andere würden eine Flucht nicht erlauben: Der Chef, der Sender, die Zuhörer und so weiter. Manchmal fehlt es an der Vorstellung, eine eigene, sichere Grenze zu haben. Man fühlt sich von den Zuschauern und Zuhörern “bedroht” und “verfolgt”. Im eigenen Haus fühlt man sich nicht wohl und hat das Gefühl, die eigene Grenze sei eine brüchige, ganz dünne Haut. Es kann hilfreich sein, sich selbst zu trösten und sich innerlich sanft zuzureden. Man könnte sich vorstellen, dass man gut abgegrenzt ist und einen kleinen Zaun um sich herum aufgeschlagen hat. So wird der innere Raum größer und damit auch der “äußere” – die anderen scheinen nicht mehr so nah, man kann sich sicherer auf seinem kleinen Inselchen bewegen, obwohl da eine Masse an Zuschauern oder Zuhörern sitzt.

Chronisch überlastet und übermüdet

Panikattacken sind oft das Ergebnis einer chronischen und vielfältigen Überlastung. Häufig haben Menschen Panikattacken, die mit sich selbst gerne hart ins Gericht gehen und sich viel abverlangen. Hieran kann man natürlich arbeiten und die Wege zur Heilung sind durchaus “wirkungsvoll”. Doch man sollte nicht glauben, das Ganze ginge schnell. Panikattacken am Mikrofon können wieder vergehen – aber das braucht oft Zeit. Helfen kann – je nach Vorliebe – eine Verhaltenstherapie oder eine psychoanalytische Therapie. Ich glaube jedoch, bei hartnäckigen Ängsten ist die psychoanalytische Therapie der wirkungsvollere Weg, denn die Ängste sind oft die Folge von unbewussten Gedanken und Gefühlen. Vielen hilft es auch, sich mit der Verhaltenstherapie an die psychoanalytische Therapie heranzutasten oder auch in einer psychoanalytischen Therapie verhaltenstherapeutische Techniken kennenzulernen. Adressen gibt es bei der www.psychotherapiesuche.de (auch Verhaltenstherapeuten) oder bei der www.dgpt.de (Psychoanalytiker/Tiefenpsychologen).

E-Mailberatung
Betroffenen Journalisten und Radio-/TV-Moderatoren biete ich E-Mail-Beratung auf psychoanalytischer Grundlage an. Mehr Informationen finden Sie hier.

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Dieser Beitrag erschien erstmals am 17.9.2012
Aktualisiert am 15.4.2014

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    Comments

    1. Hallo Dunja,

      interessant, dass eine psychoanalytische Therapie bei hartnäckigen Ängsten wirkungsvoller sein soll, wird doch vielerorts die Verhaltenstherapie als überlegen propagiert. Ich kann übrigens bestätigen, dass mir eine Verhaltenstherapie nicht nachhaltig geholfen hat.
      Erst eine Kombination führte schließlich zum Erfolg…

      Viele Grüße.
      Sebastian

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