Trotz und Liebe – wie passt das zusammen? Wenn so ein kleines trotziges Wesen vor einem steht, muss man gelegentlich ein wenig nach der Mutterliebe in sich suchen. Wie oft sieht man dieses Bild: Das kleine Kind in der Stadt steht auf der einen Seite und schreit, weil es möchte, dass die Mama zu ihm kommt und es auf den Arm nimmt. Die übermüdete Mutter steht ein paar Meter weiter weg und blickt verständnislos. Wie kann es sein, dass das Kind diese zwei Schrittchen nicht zu ihr laufen möchte? Wie kann es sein, dass es “so ein Theater” macht? Die Mutter bleibt stehen. Sie ist selbst wütend und hat die Sorge, ihr Kind könnte ihr irgendwann auf der Nase herumtanzen. (Text: © Dunja Voos, Bild: © Oliver Haja, Pixelio)
Wie reagieren?
Die Welt ist voller Ratgeber darüber, wie man in solch einem Fall reagieren soll. Gerade im englischsprachigen Raum finden sich dazu viele Tipps, wie man die Trotzanfälle “in den Griff” bekommen kann (z.B. hier: “How to stop toddler tantrums and misbehaviour”). Ich finde, man muss hier gar nichts “in den Griff” bekommen. Ich finde es auch anmaßend, dieses Trotzverhalten als “Fehlverhalten” (“Misbehaviour”) zu bezeichnen. Ich halte es für viel wertvoller, dieses Verhalten zu verstehen.
Kraftlosigkeit trifft auf Kraftlosigkeit
Mütter, die ihrem schreienden Kind gegenüberstehen, sind oft selbst gerade am Ende. Der Tag war lang und man möchte einfach nur in Frieden nach Hause kommen. Irgendwie wartet man als Mutter darauf, dass das Kind jetzt aufhört und kommt. Aber das kann es nicht. Das Kind ist die “schwächere” Person von beiden, auch wenn es noch so wütend schreit. Wenn die Mutter die Kraft findet, auf das Kind zuzugehen und es hochzunehmen, so, wie es das Kind will, kann die Mutter die Szene beenden. Sie kann dem Kind ihren Unmut zeigen, aber sie kann auch zeigen, dass sie die psychische Kraft hat, die vertrackte Situation zu beenden.
Sie mag befürchten, das Kind könnte sie “manipulieren” oder es könnte auf diese Weise lernen, “dass es immer bekommt, was es will”. Doch die kleine Kinderseele ist erst zwei oder drei Jahre alt. Sehr wahrscheinlich wird das Kind vorrangig erstmal dankbar sein, dass die Mutter ihm nachgegeben hat. Sehr oft hört man, wie das Kind erleichtert aufatment.
Scheinbar keine zwei Schritte alleine gehen können – das kennen auch Erwachsene
Auch wir Erwachsene kennen die Stimmung, in der sich das trotzige Kind befindet. Es gibt Zeiten, da sagen wir: “Keiner liebt mich, ich kann nichts, ich schaffe den Termin nicht, ich kann das wirklich nicht” usw. In dem Moment sind wir wie das Kind, das sagt: “Ich kann nicht laufen.” Wichtig ist es zu schauen, wie unsere Eltern in diesen Momenten mit uns umgegangen sind. Viele haben noch erlebt, dass die Eltern dann sagten: “Reiß Dich zusammen und mach nicht so ein Theater.” Manchmal tun solchen Worte auf eine Art gut. Aber wenn sie die Regel sind, dann schauen wir uns selbst mit einem “harten Blick” an und verurteilen uns für unsere Schwächen nur noch mehr. Wir gehen mit uns selbst hart ins Gericht – und mit unseren eigenen Kindern auch.
Doch wenn die Mama zum Kind geht und es hochhebt, dann erfährt das Kind auch Dinge wie “Güte”, “Weitherzigkeit”, “Verständnis” und “Überwindung”. Es kann dann später in schwierigen Zeiten selbst zu sich sagen: “Gerade fühle ich mich so, als könnte ich nichts. Aber ich kann auf mich selbst zugehen, wie es früher meine Mama tat. Ich kann mir etwas Gutes tun und daraus Kraft schöpfen.”
Trotz und Beziehung, Trotz und Situation
Trotz steht nicht für sich allein. Trotz ist immer auch eine Frage der Beziehung und der Situation. Eine Mutter, die mehrere Kinder hat, wird möglicherweise anders auf ihr trotziges Kind reagieren als eine Mutter von “nur” einem Kind. In finanziell guten Zeiten wird man vielleicht anders mit Trotz umgehen als in Zeiten knapper Mittel. Wer Streit mit dem Partner hat, hat vielleicht weniger Kraft, um jetzt auch noch gefühlvoll auf das Kind zuzugehen. In der Stadt spielen sich die Szenen möglicherweise anders ab als in den eigenen vier Wänden. Jedes Mutter-Kind-Paar spielt in seiner eigenen Weise zusammen. Auch die Erwachsenen sind damit beschäftigt, ihre Wut zu steuern. “Schlagen” ist ja heute nicht mehr erlaubt. “Schreien” ist ebenfalls nicht angesehen. Doch wohin mit der eigenen Verzweiflung?
Die eigene Wut steuern
Manchen Müttern hilft es, einfach die Fäuste in der Tasche zu ballen und sich ihre eigene Wut einzugestehen. Die Mutter, die sich schon den ganzen Tag um ihr Kind gekümmert hat, ist auch gekränkt, wenn das Kind so trotzig ist. Doch häufig lässt die Wut etwas nach, wenn man die Vorgänge versteht. Das Kind im Trotzalter will seine Unabhängigkeit unter Beweis stellen. Doch Unabhängigkeit macht auch Angst. Also will das Kind wieder zwei Schritte zurück. Es will sehen, dass es trotz der neu gewonnenen Unabhängigkeit doch noch so mit der Mutter verbunden ist, dass sie sich “steuern” lässt.
Das Kind gibt im Trotz die Doppelbotschaft: “Halt mich fest, aber lass mich los. Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Nimm mich auf den Arm, aber lass mich runter.” Manchmal hilft es, Abstand vom Kind zu nehmen, sich in gewisser Entfernung vor das Kind zu hocken, es verständnisvoll anzublicken und die Arme zu öffnen, um ihm zu zeigen, dass es kommen kann. So hat das Kind Abstand und Nähe zugleich, das heißt, die Mutter beantwortet so die “Doppelbotschaft”. Das klappt natürlich nicht immer und nicht bei jedem Kind. Aber gelegentlich ist dies eine Möglichkeit, die Spannung aus der Sache herauszunehmen.
Wem es gut geht, der muss weniger trotzen
Oft wird ein Kind dann trotzig, wenn die Grundbedürfnisse nicht mehr befriedigt sind – wenn es schlicht müde, hungrig, durchgefroren oder durstig ist, wenn es zu lange von der Mutter getrennt war oder am selben Tag schon 20-mal ein “Nein” verkraften musste. Ähnlich ist es bei der Mutter: Wenn sie gut für sich sorgt, wenn sie selbst “satt” ist, kann sie gut mit dem Trotz des Kindes umgehen. Meistens treffen jedoch ein wütendes Kind und eine müde Mutter zusammen. Hilfreich sind hier entlastende Beziehungen. Haben Mutter und Kind die Nase voneinander voll, dann ist es gut, wenn abends der Vater kommt. Muss er zu lange arbeiten oder sind die Eltern getrennt, dann ist die “Zweierschaft” von Mutter und Kind oft eine Beziehung, die viel emotionale Kraft und Nachdenken erfordert. Wann immer ein “guter Dritter” in der Nähe ist, tut das beiden gut: Der Besuch bei der Nachbarin oder Bäckerin kann manchmal schon entlastend sein, wenn Mutter und Kind den ganzen Tag “aufeinanderhingen”.
Weniger Angst, mehr ausprobieren
Viele Mütter haben Angst, sie könnten bewirken, dass das Kind mit ihnen “herumspringt, wie es will”, wenn sie ihm jetzt nachgeben. Doch man kann ruhig mutig verschiedenes ausprobieren. Es ist nicht so, dass sich die Mutter “zum Hampelmann des Kindes” macht, wenn sie über ihr trotziges Kind nachdenkt und ihm hilft, aus dieser misslichen Lage herauszufinden. Wie man reagiert, hängt sicher auch immer von der eigenen Tagesform ab und ob man sich selbst gerade von anderen angenommen und geliebt oder abgelehnt fühlt. Eine Mutter, die selbst Halt in einer liebevollen Beziehung findet, kann um einiges leichter den Trotz auffangen als eine Mutter, die allein ist und gerade noch Ärger mit dem Chef, mit Freunden oder Kollegen hat. Das Leben ist kein Bilderbuch und das Leben mit einem kleinen, wütenden Kind, kann eine Mutter bis auf das Äußerste herausfordern.
Wiedergutmachung – ein Grundbedürfnis von Mutter und Kind
Doch sowohl Mutter als auch Kind suchen immer wieder Gelegenheiten des “Wiedergutmachens”. Die Kindheit setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen. Die Sorge, man würde “alles falsch” machen, ist oft viel zu groß. Wer genug “inneren Raum” hat, um in Trotzsituationen noch auf das Kind zuzugehen, wird ein oder zwei Jahre später feststellen, dass das Kind eben kein Tyrann geworden ist und liebevoll mit sich und anderen umgehen kann. Jede Mutter hat ihre Grenzen. Man kann dem Kind den eigenen Missmut ruhig deutlich zeigen – so sieht es, was es durch sein Verhalten im anderen bewirkt. Das schlechte Gewissen nach “unschön verlaufenen Trotzsituationen” kennt wohl jede Mutter. Aber es gibt auch Trotzsituationen, die Mütter sehr geschickt auflösen. Und manchmal fasst sich auch das Kind ein Herz und schafft es mit großer Anstrengung, über seinen Schatten zu springen. Die Anerkennung für solch gelungene “emotionalen Kraftakte” kann gar nicht groß genug sein.
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am: 7.11.2012
Aktualisiert am 13.5.2013





Danke für diese gute Zusammenfassung. Ich werde sie mit Freude von meinem Blog aus verlinken, auf dem ja so einiges über’s Trotzen steht. In unserer Familie prallen ja gleich drei Sturköpfe aufeinander, zwei davon mit 40 Jahren Erfahrungsvorsprung auf den Dritten (aber der holt auf
)
Ich fand und finde es hilfreich, in Trotzsituationen im Hinterkopf zu behalten, dass das Kind a) es nie, nie, nie persönlich meint und b) aus seiner Perspektive Recht hat. Wieso hat es Recht? Weil die Welt so riesengross ist, und ich selber so winzig klein und machtlos, und ich möchte doch wenigstens ein kleines Bisschen selbst bestimmen können…
Die Sache mit der Wiedergutmachung und dem Wieder herstellen der Verbindung finde ich ebenfalls ganz, ganz wichtig. An “trotzigen Tagen” (ja, auch Mamas trotzen! und wie!) lege ich viel Wert auf einen gemeinsamen Mittagsschlaf, da wird gekuschelt bis satt! Und als Mama kann man auch mal nachgeben oder sich entschuldigen, wenn man Unrecht hat. Dadurch verliert man nicht etwa an Autorität. Nein, man gewinnt ganz viel an Respekt!