18.05.2013.

Dicke Kinder nicht zum Dünnsein zwingen

Es sind immer wieder beliebte Sendungen: Da gibt es dicke Kinder, die in einer Kur abnehmen sollen. Stolz wird der Erfolg vorgeführt. Doch wie es dem Kind dabei psychisch geht, wird fast nie beleuchtet. Die Medien haben eine ungeheure Verantwortung, doch immer wieder sind sie sich derer nicht bewusst. Dicke Kinder gelten als unattraktiv, faul und unbeherrscht. Dabei sind sie in Wirklichkeit nicht nur körperlich, sondern auch psychisch stark belastet. (Text: © Dunja Voos, Bild: © Helga Gross, Pixelio)

Hinter “Hilfsangeboten” liegen oft versteckte Aggressionen

Wann immer ich Sendungen sehe, in denen Kinder zum Abnehmen “motiviert” werden, habe ich gemischte Gefühle. Die Kinder tun mir leid – sie wissen gar nicht, wie sie gucken sollen. Die “Therapeuten” und Diätassistenten wecken Ärger in mir. Und ich sehe, dass auch das Kind sich nicht wohlfühlt. Irgendwie soll es doch “belehrt” werden. Die besserwisserische, schlanke Diätassistentin, wirkt nicht gerade so, als könnte sie sich in das dicke Kind einfühlen. Eher schimmert da manchmal Verachtung durch. Es wird deutlich: Dicke Kinder wecken im Gegenüber nicht gerade liebevolle Gefühle. Der analytische Kinderpsychotherapeut Hans Hopf fragt in seinem Buch “Wenn Kinder krank werden” (Klett-Cotta, 2007: S. 59) treffend: “Werden gerade deshalb immer neue Versuche ausgeklügelt – unter der Vorgabe, ihnen helfen zu wollen -, sie zu quälen?”

Die psychischen Symptome sind oft gefährlicher als das Übergewicht

Will man das Kind zu einer Diät bringen, hat das auf lange Sicht nicht viel Erfolg. Dicke Kinder sind oft einsam. Sie sitzen nicht vor dem Fernseher, weil es ihnen Spaß macht. Sondern sie sitzen dort, weil sie traurig und wenig selbstbewusst sind, weil sich niemand für sie interessiert, weil kein Geld für andere Aktivitäten da ist, weil sie nicht zu Geburtstagen eingeladen werden oder weil draußen kein einziger Baum vor der Tür steht. Oft tragen die Eltern schwere Konflikte mit sich herum. Sie brauchen die Kinder dann für ihren eigenen Trost. Die Kinder aber bauen durch ihr Fett eine Mauer auf. Gleichzeitig werden sie unattraktiv und schützen unbewusst sich selbst und die Mutter davor, dass sie Freunde oder einen Partner finden und sich trennen.

Gewichtsabnahme führt oft zur Zunahme von Ängsten

Das Dicksein hat also oftmals eine Funktion für die Seele. Nimmt man den Kindern das Dicksein, ohne näher über die Hintergründe nachzudenken, kann das bei den Kindern psychische Krisen auslösen. Und wenn die Kinder bei ihrer Diät auch nur ein bisschen scheitern, wird das Selbstwertgefühl noch mehr angegriffen. Besser ist es da, dicke Kinder einfach zu begleiten: sich für sie zu interessieren, ihnen Beziehung und Aktivitäten anzubieten, ihnen ein Hobby zu ermöglichen oder auch die Eltern zu entlasten. Das wären wahrscheinlich oftmals die wirksameren “Diäten”.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Übergewicht
Einsamkeit

Buchtipp:

Hans Hopf:
Wenn Kinder krank werden
Besser verstehen – einfühlsamer helfen
Klett-Cotta 2007
Kapitel 2: Essstörungen (S. 39-60)

Sehr einfühlsame Sendung:
Willi will’s wissen:
Wer kriegt hier sein Fett weg?

Kika, 23.10.2010, 19.25 Uhr

BABELUGA – Adipositas bei Kindern einmal anders

Universitätsklinik Leipzig
Forschungsbereich Prof. Dr. med. Kai von Klitzing
Entwicklungspsychopathologie in Kindheit und Jugend
Adipöse Eltern – adipöse Kinder.
Psychologisch-psychiatrische Risikofaktoren elterlichen Verhaltens und Erlebens für die Entwicklung einer Adipositas bei Kindern im Alter von 0-3 Jahren

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    Comments

    1. Danke für diesen Artikel! Von den Kindern, die ich kenne, sitzen die dicken nicht länger vor dem Fernseher (oder der XBox/Playstation) als die dünnen. Sie werden dafür nur öfter kritisiert. Ich finde, wenn es darum geht, dass Kinder rausgehen und sich bewegen, dann sollte der Lustgewinn dadurch im Mittelpunkt stehen, nicht die Möglichkeit, dass sie eventuell abnehmen könnten. Wenn man mal genau hinhört, merkt man, wie oft Kindern auf irgendeine Weise gesagt wird, dass sie nicht so sind, wie sie sein sollten: zu laut, zu unruhig, zu wenig interessiert, zu neugierig etc. Und eben auch zu dick. Das muss echt nicht sein.

    2. Liebe Biggi,

      ja, solche erfreulichen Geschichten gibts natürlich auch! Und gut gemachte Kuren können wirklich motivieren und nachhaltige Veränderungen bewirken.
      Andererseits sollte man sich auch die Langzeitfolgen anschauen. Für viele Mädchen kann so eine “erfolgreiche Kur” auch der Einstieg in die Magersucht oder Bulimie sein.

      Viele Grüße von Dunja

    3. Biggi says:

      Ich kenne ein Kind, das sich durchaus freiwillig in eine solche Kur begeben hat. Sie ist jetzt wesentlich schlanker, ernährt sich bewusster und ist glücklicher!!
      (solche Fernsehformate finde ich allerdings auch doof.)

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