Wer mittendrin steckt, dem hilft diese Definition wenig: “Schreit ein Baby mindestens drei Wochen lang an mindestens drei Tagen der Woche jeweils für mindestens drei Stunden, dann ist es ein Schreibaby.” Doch unabhängig von solch wissenschaftlichen Zeitangaben wissen Eltern intuitiv sehr gut, ab wann ihr Kind mehr schreit als andere. (Schnelle Hilfe gibt es hier: www.elternnotruf.ch) (Text: © Dunja Voos, Bild: © Uwe Duwald, Pixelio)
Da kann man verzweifeln …
Sie haben bereits eine anstrengende Zeit hinter sich und sind am Ende ihrer Kräfte. Wenn Ihr Baby Tag und Nacht schreit, fühlen Sie sich möglicherweise schuldig und wütend, weil Sie eben alles tun, damit das Schreien ein Ende hat – doch nichts scheint zu helfen. Haben Sie Geduld mit sich selbst und versuchen Sie, gut zu sich selbst zu sein. Tun Sie das, was Ihnen gut tut und probieren Sie, wie es ist, das Baby in Ihre Nähe zu legen – während Sie backen, Fernsehen gucken oder das Bad putzen (was manchmal ganz gut sein kann, um die eigene Wut und Unruhe abzureagieren).
Ratgeber über Ratgeber
Viele junge Eltern lesen Ratgeber über Ratgeber. Und fühlen sich mit jedem Mal mehr im Stich gelassen. Manchmal hilft nur eine persönliche Beratung in einer Schreibabyambulanz oder bei einem Kinderarzt oder Therapeuten, der darauf spezialisiert ist. Das ist wichtig, denn viele Eltern fühlen sich auch von ihrem Kinderarzt allein gelassen. Adressen von Anlaufstellen gibt es zum Beispiel auf der Website von Jutta Riedel-Henck: www.trostreich.de.
Es ist normal
Es ist normal, dass ein Baby in den ersten Lebenstagen zunächst wenig schreit. Dann vermehrt sich das Schreien Woche um Woche, besonders in den Abendstunden, wenn die ganze Familie erschöpft ist. Das Schreien ist um die 6. bis 8. Lebenswoche am stärksten, unabhängig davon, was die Eltern unternehmen. Dieser Verlauf ist dem Baby angeboren. Danach nimmt das Schreien langsam wieder ab und hört oft – aber nicht immer – nach dem 3. Monat auf.
Wann ist eine Beratung sinnvoll?
Eine persönliche Beratung ist dann sinnvoll, wenn Sie als Eltern das Gefühl haben, überfordert zu sein. Vielleicht ist es schwierig, die Zeichen Ihres Babys zu verstehen. Vielleicht haben Ihre eigene Eltern Sie nicht beruhigt, als Sie selbst ein Baby waren. Jetzt “erinnert” sich Ihr autonomes Nervensystem daran und Sie fühlen sich angespannt und hilflos. Vielleicht wollen Sie jedes noch so kleine Leid von Ihrem Kind fernhalten und arbeiten schon im Vorfeld überfürsorglich an seinem Wohlbefinden. Möglicherweise sehen Sie im Baby Ähnlichkeiten mit der eigenen Mutter oder dem eigenen Vater und sind deswegen verwirrt. Mit seinem Schreien “ärgert” das Baby Sie – und irgendwann sehen Sie dort vielleicht “Böswilligkeit”, obwohl Sie wissen, dass das Kind nicht böswillig ist. Oder Sie sind erschrocken, dass Sie selbst wie Ihre Eltern fühlen. Oder – ganz simpel – Sie sind komplett allein, ohne jegliche eigene “Bemutterung” von außen.
Was kann ich selbst ausprobieren?
Wahrscheinlich haben Sie schon fast alles ausprobiert: Tragen, Stillen, Fliegergriff. Bis zur Erschöpfung. Dabei ist weniger mehr. Es ist wie mit dem eigenen Einschlafen: Wenn wir krampfhaft versuchen einzuschlafen, ärgern wir uns nur. Wenn wir aber kurz etwas anderes machen – aufstehen, lesen, Tee trinken – dann kommt der Schlaf wie von selbst. Weniger ist mehr, also versuchen Sie es mit weniger. Manchmal schläft das Kind unverhofft alleine ein, wenn man es einige Minuten im abgedunkelten Raum schreien lässt und selbst unter der Dusche neue Kraft tankt. Dann hat es einfach Ruhe von allem gebraucht. Manchmal überschätzen Eltern den Schlafbedarf ihres Babys – wenn sie erschöpft sind, wünschen Sie sich, dass ihr Kind schläft. Aber manchmal braucht es wohl weniger Schlaf als die Eltern selbst. Andererseits kann es auch übermüdet sein. Wenn das Baby tagsüber mehr schläft, schläft es häufig auch nachts besser. Hier kann man nur ausprobieren.
Keine Dogmen
Was Sie jetzt am wenigsten gebrauchen können, ist ein erhobener Zeigefinger. Wenn Ihr Kind gut in Bauchlage einschläft, dann ist das vielleicht genau das Richtige (wobei man sagen muss, dass Studien gezeigt haben, dass das Schlafen in Bauchlage die Gefahr des Plötzlichen Kindstodes (SIDS = Sudden Infant Death Syndrome) möglicherweise erhöht). Wenn Sie einen Schnuller geben wollen, probieren Sie es aus. Vielleicht wollen Sie ja auch aufhören zu stillen und leiden unter einer zu großen Nähe zum Kind. Oder Sie bemerken, dass Ihr Kind nicht satt ist – dann kann Zufüttern sinnvoll sein. Haben Sie nicht zu viel Angst, etwas falsch zu machen. Sie als Eltern sind die Experten. Die “wissenschaftlichen Experten” empfehlen sowieso alle paar Jahre etwas Neues. Also haben Sie Mut und vertrauen Sie sich selbst mehr als irgendwelchen Dogmen.
Kaum hingelegt, ist das Kleine wieder wach
Wer das Baby trägt und so in den Schlaf wiegt, ist enttäuscht, wenn es beim Hinlegen wieder wach wird. Die Versuche, das Baby im Liegen einschlafen zu lassen, scheinen jedoch immer wieder zu scheitern. Die eigene Erschöpfung bewirkt, dass es wie eine Ewigkeit erscheint, bis das Kind eingeschlafen ist. Hilfreich ist dann oft ein “Öffnen nach außen” – also, einen guten Freund abends einzuladen, mit dem man sich unterhalten kann oder mit einer Freundin zu telefonieren. Häufig nützt es dem Baby, wenn es merkt, dass es mit den verzweifelten Eltern nicht alleine ist. Es schläft dann unter dem Schutz der Erwachsenen, die sich leise unterhalten, ein.
Nicht zu sehr schaukeln
Viele Eltern schaukeln und wippen ihr schreiendes Baby sehr stark. Durch das starke Schreien, sehen sie sich aufgefordert, aktiv zu werden. Schauen Sie, ob es das Baby nicht besser beruhigt, wenn Sie es bewusst weniger wippen. Bleiben Sie ein ganzes Weilchen bei einer Beruhigungsart. Achten Sie auf Ihre Atmung und bleiben Sie gedanklich auch bei sich. Machen Sie es sich so bequem wie möglich.
Bewegung beruhigt
Bewegung beruhigt einen Säugling meist am wirkungsvollsten. Ein Bettchen, das sich schaukeln lässt, eine Hängematte oder ein Tragetuch, zwischen die Gitterstäbe gespannt, kann für Eltern und Kind besonders entspannend sein. Oft hilft auch das Rückenstreicheln oder sanfte Popo-Klopfen in Bauchlage. Die Hand von Mutter oder Vater auf der Stirn kann ebenso beruhigen wie das Zusammenführen der Händchen auf der Brust des Kindes.
Bewusstes Entspanntsein, unbewusste Anspannung
Vielleicht wirken Sie selbst von außen ruhig und gelassen und empfinden sich selbst auch als geduldig und ruhig. Wenn Sie aber auf Ihre Atmung achten, werden Sie vielleicht feststellen, dass Sie innerlich und unbewusst doch angespannt sind, was nicht verwunderlich ist bei einem Schreibaby. Der Fokus geht dann nur noch auf das Baby – man selbst als Eltern vergisst sich und “verlässt” sich. Versuchen Sie, sich auf sich selbst zu konzentrieren und den Atem in Ihren Bauch fließen zu lassen. Sie beruhigen zunächst also sich selbst und stellen den Kontakt zu sich selbst wieder her. Wenn Sie den Kontakt zu sich selbst wiederherstellen, öffnen Sie sich damit auch anderen Kontakten. Das Baby kann Sie dann wieder besser erreichen und wird ruhiger. Denn wenn Sie nicht bei sich sind, kann das Baby auch nur schwer den Kontakt zu Ihnen herstellen – und das macht ihm Angst. Wenn Ihr Kummer zu groß ist, um aus eigener Kraft den Kontakt wieder zu sich selbst herzustellen, suchen Sie ruhig Unterstützung von außen – bei Freunden, Nachbarn, bei der Telefonseelsorge, bei einem Arzt oder Psychotherapeuten.
Konzentration auf etwas anderes
Wenn Sie die Konzentration auf sich selbst zu unruhig macht, versuchen Sie es mit Kreuzworträtseln, einer herausfordernden Aufgabe oder einem entspannendem Film (den Sie durch das Schreien Ihres Babys vielleicht nicht hören werden …). Was immer Sie tun, um Ihr (unbemerkt) aufgeregtes Nervensystem zu beruhigen, hilft auch dem Baby. Wahrscheinlich sind Sie in “Hab-Acht-Stellung”, wenn Ihr Baby schläft. Versuchen Sie, in diesen ruhigen Zeiten gedanklich mehr bei sich als beim Baby zu sein. Es ist verständlich, dass Sie vielleicht schon im Vorhinein versuchen, das Schreien des Babys zu verhindern und es ist sehr schwer, nicht so zu denken. Aber vielleicht können Sie schrittchenweise vom “Verhindernwollen” abrücken.
Tragetuch
Nehmen Sie das Tragetuch nur, wenn Sie LUST dazu haben und wenn Sie glauben, dass es Ihrem Baby und Ihnen gerade gut tut. Wenn Sie es nehmen, um das Schreien zu verhindern, dann haben Sie zu Ihrem Baby möglicherweise eine “angspannte” Bauch-zu-Bauch-Nähe. Wenn es Sie aber entspannt, das Baby ins Tuch zu nehmen, eben weil Sie wissen, dass es dann nicht schreit, dann ist es auch in Ordnung.
Die Zeichen der Erschöpfung erkennen
Ein Baby dreht den Kopf zur Seite, wenn es erschöpft ist. Wenn Vater oder Mutter mit dem Baby spielen, es anlachen und aufmuntern, sollten sie damit aufhören, wenn das Baby das Köpfchen zur Seite dreht oder die Stirn runzelt. Dann braucht es einige Minuten Pause. In diesen Minuten können die Eltern beruhigend mit dem Baby sprechen. Wenn das Baby sich erholt, kann noch einmal ein Spielchen gemacht werden. Nach kurzer Zeit wird jedoch die Aufmerksamkeit des Babys wieder erschöpft sein. Es braucht Ruhe.
Pucken
Häufig wird auch empfohlen, Säuglinge zu “pucken”. Dazu legt man den Säugling auf ein Viereckstuch und schlägt es ganz eng ein. Besonders wichtig ist, dass er die Arme nicht mehr bewegen kann. Viele Kinder beruhigt das, denn die engen Grenzen erinnern sie an das Leben im Mutterleib. Andere Säuglinge wiederum geraten ins Schwitzen und scheinen schier zu verzweifeln. Dann sollten die Eltern diese Methode nicht anwenden.
Bauchkrämpfe und KISS-Syndrom
Obwohl viele Babys offensichtlich Bauchkrämpfe haben, so treten Koliken als Erklärungsmodell für das Schreien heutzutage mehr und mehr in den Hintergrund. Vielmehr sind die Bauchkrämpfe ein Zeichen des überlasteten und angespannten sympathischen Nervensystems. Immer öfter wird die Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörung, das sogenannte KISS-Syndrom, als Mit-Ursache für das Schreien verantwortlich gemacht. Wer sich dafür interessiert, der findet Ansprechpartner bei www.kiss-kid.de.
Elternnotruf.ch (rund um die Uhr): 0041 (0)44 261 8866
Wochenbettdepression-Hotline: 01577/47 42 654
(wochentags, tagsüber)
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Schreibaby (alle Artikel auf einen Blick)
Postpartale Depression
Links:
www.trostreich.de, mit Adressliste
Erste Emotionelle Hilfe Deutschland, mit Beraterinnenliste
www.familienhebamme.de
Adressliste der Deutschen Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der frühen Kindheit, GAIMH
Dr. phil. Mauri Fries:
Schreibabys: Wenn die Nerven der Eltern blank liegen.
www.familienhandbuch.de
Angelika Köhler-Weisker, Cornelia Wegeler-Schardt:
Über die Arbeit einer Baby-Ambulanz.
www.psychoanalyse-aktuell.de
Brigitte Hannig:
Tränenreiche Babyzeit
www.geburtskanal.de, Wissen A–Z, S, Schreibabys
Zentrum für primäre Prävention und Körperpsychotherapie Bremen (ZePP)
Baden-Württemberg, Saarland, Hessen:
www.keinerfaelltdurchsnetz.de
Verein Schreibabyhilfe, Schweiz
Buchtipps:
Mauri Fries:
Unser Baby schreit Tag und Nacht
Ernst Reinhardt Verlag
Mechthild Papousek, Michael Schieche, Harald Wurmser:
Regulationsstörungen der frühen Kindheit.
Verlag Hans Huber
Remo H. Largo:
Babyjahre.
Serie Piper
Emmi Pikler:
Friedliche Babys – zufriedene Mütter
Pädagogische Ratschläge einer Kinderärztin
Bibliothek der Beziehungskunst
Herder Verlag, Neuauflage 2009
Babysprechstunde am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf, Kronenstraße 38, 40217 Düsseldorf, Telefon 0211/919-3700
Brigitta vom Lehn:
Schreibabys sind typisch deutsch.
Welt-online, 6.5.2007
Studien zum exzessiven Schreien und zum weiteren Verlauf:
Mirja Helen Hemmi (Universität Basel, Schweiz), Dieter Wolke, Silvia Schneider:
Associations between problems with crying, sleeping and/or feeding in infancy and long-term behavioural outcomes in childhood: a meta-analysis.
Archives of Disease in Childhood 2011; 96: 622-629, doi:10.1136/adc.2010.191312 http://adc.bmj.com/content/96/7/622.short
(Frühe Regulationsstörungen und spätere Verhaltensauffälligkeiten hängen zusammen = Schlussfolgerung der Studie)
Wurmser, Harald (2009):
Schrei-, Schlaf- und Futterstörung.
Prävalenz, Persistenz, Prädiktoren und Langzeitprognose.
Monatsschrift Kinderheilkunde, 157, 574-579
http://www.springerlink.com/content/314436304w147g15/





“Viele junge Eltern lesen Ratgeber über Ratgeber. Und fühlen sich mit jedem Mal mehr im Stich gelassen. ”
Das zeigt, dass diese Eltern sich im Gefühl noch ganz sicher sind und ihre Einsamkeit auch wahrnehmen können. Gut zu lesen, dass es immer noch Menschen gibt, die tatsächlich noch fühlen können, wie allein sie sind und dass sich kein Schwein für sie interessiert. Die Politiker am allerwenigsten. Wenn, dann unter dem Aspekt, mehr Humankapital zu produzieren.
Liebe Melanie, liebe Annamarie,
herzlichen Dank für Ihre hilfreichen Hinweise.
Dunja Voos
ich kann die psychische Belastung für die Eltern nur bestätigen!
wir haben auch gute Erfahrungen mit Pucken und vor allem Bewegung gemacht.
Wir haben unseren Sohn viel im Tragetuch getragen und später in einer Manduca Trage.
Manchmal war mir die körperliche Belastung aber einfach zu viel und da hat mir meine Hebamme die Kängurooh Baby JoJo Federwiege empfohlen
http://www.BabyDreamers.de
So war unser Sohn in Bewegung durch das natürliche Auf und Abschwingen der Federwiege ohne das ich ihn die ganze Zeit bewegen musste.
Das hat mich ungemein enlastet!
Ein wirklich sehr gelungener Artikel. Ich möchte kurz das Thema “pucken” aufgreifen, dass in dem Text erwähnt wird. Bei meinem Sohn gab es zum Glück keine größeren “Schrei” – Probleme. Beruflich habe ich aber mit Eltern zu tun, die diese Probleme haben. Oft ist das eine sehr starke psychische Belastung für die Eltern. Ist das Schreien nicht in einer Krankheit / Schmerzen begründet, sonder “nur” aufgrund von Schlafstörung kann das pucken eine effektive Methode sein, dem Baby und auch den Eltern ruhigere Nächte zu gönnen. Leider trauen sich viele Eltern nicht ihr Baby wirklich fest einzuwickeln. Ergebnis: Das Baby strampelt sich frei und das pucken ist wirkungslos. Ich rate diesen Eltern zu einem speziellen Pucksack mit Klettverschluss. Für viele wird erst damit das “Richtige” pucken möglich. Die Resonanz die ich auf die Pucksäcke erhalte ist durchweg positiv. Ich hoffe ich der Tipp hilft den ein oder anderen Leser weiter. In diesem Sinne wünsche ich ruhige Nächte.