Eine Depression ist oft unbeschreiblich. Die Betroffenen fühlen sich hoffnungs- und antriebslos. Nichts scheint mehr einen Sinn zu ergeben. Wer Informationen über die Depression sucht, stößt ganz schnell auf die Erklärung, dass die Konzentration des Hormons Serotonin im Gehirn zu niedrig sei. Ein veränderter Hormonhaushalt ist aber kein “Schicksal”. Schaut man sich das Leben des Betroffenen genauer an, wird die Depression oft logisch und verständlich – sie hat ihren Sinn. Medikamente können helfen, sind aber oft nur ein “Notstopfen” im überlasteten Gesundheitssystem. Was die Betroffenen meistens wirklich brauchen, ist eine heilsame therapeutische Beziehung. (Text: © Dunja Voos, Bild: pashut – Fotolia.com)
Seelische Qualen können den Hirnstoffwechsel verändern
Wir sind sehr stark abhängig von äußeren Bedingungen – von Beziehungen, von der finanziellen Situation, von der Wohnsituation, der Natur und vielem mehr. Wenn wir einen Unfall sehen, wird es uns möglicherweise übel – das kann bis zum Erbrechen führen. Allein die äußere Situation, die wir sehen, kann unseren Körper komplett auf den Kopf stellen. So ist es auch mit der Depression: Natürlich kann der Hirnstoffwechsel verändert sein. Aber das muss nicht die “Ursache” der Depression sein. Es ist wie mit der Freude: Wer sich freut, der hat einen schnellen Herzschlag. Wer aber einen schnellen Herzschlag hat, der freut sich nicht unbedingt. Wer depressiv ist, bei dem erniedrigt sich möglicherweise der Serotonin-Spiegel. Heute weiß man, dass sich der Hirnstoffwechsel allein durch eine Psychotherapie wieder verändern kann (siehe Wirkung der Psychoanalyse im MRT erkennbar). Wer depressiv ist, der spürt meist auch, dass er mehr braucht, als Medikamente: nämlich einen anderen Menschen, mit dessen Hilfe er wieder zu mehr Lebensfreude findet.
Von Schlaflosigkeit und Selbstanklagen
Wer an einer Depression leidet, der schläft schlecht. Manche Betroffene wachen früh morgens auf und fühlen sich gleich nach dem Aufwachen depressiv. Andere sind morgens guter Dinge – erst später am Tag macht sich Hoffnungslosigkeit breit. Manche Betroffene nehmen an Gewicht zu, andere ab. Manche plagen sich mit Selbstmordgedanken, über die sie mit niemandem sprechen. Zu groß ist die Angst, zum Beispiel vom Hausarzt sofort zwangsweise in eine Klinik eingeliefert zu werden. Manchmal hat ein äußerer Anlass zu dieser Stimmung geführt, etwa die Trennung von einem Partner oder der Tod eines nahestehenden Menschen. Aber auch äußerliche “Erfolge” wie das Bestehen einer Prüfung können zu einer Depression führen. In diesen Fällen spricht man von einer “reaktiven Depression”.
Die “endogene Depression”
Wenn kein äußerlicher Grund für eine Depression erkennbar ist, bezeichnen Ärzte diese Depression gelegentlich als “endogene Depression”. Diese Form der Depression ist jedoch äußerst selten und bei den meisten Menschen stecken eben doch lebensgeschichtliche Gründe dahinter, auch wenn sie erst nach einiger Suche mit Hilfe eines Psychotherapeuten ans Licht kommen. Diese Suche erfordert viel Mut. Doch dieser Weg führt weiter, als sich mit der Diagnose “endogene Depression” (= “da kann man außer mit Medikamenten nichts machen”) abzufinden.
Die Depression als fester Bestandteil der Persönlichkeit
Da sind die Mütter, die sich bis zur Erschöpfung für ihre Kinder aufopfern oder Ehefrauen, die nur noch für ihren Mann leben. Da ist der Manager, der sich selbst für sein Unternehmen ausbeutet. Oft erkennen Außenstehende hier gar keine Depression. Diese Menschen waren vielleicht schon immer so. Wenn jedoch in diesem System etwas zusammenbricht, wenn der Mann die Frau verlässt, die Kinder aus dem Haus sind oder die Kündigung auf dem Tisch liegt, brechen diese Menschen vielleicht zusammen. Sie waren stets “bescheiden” und ließen sich gerne überfordern. Sie können nur schwer etwas einfordern, obwohl sie unter einem Gefühl des “Mangels” leiden. Am Ende wissen sie gar nicht mehr, was sie selbst eigentlich wirklich wollen, wer sie sind und was sie sich wünschen. Vielleicht haben sie schon als Kind ein falsches Selbst entwickelt. Ein Leben vorbei am eigenen lebendigen, “inneren Kern”, führt irgendwann zur Depression.
Körperliche Symptome können eine Depression vertuschen
Nicht immer äußert sich eine Depression offensichtlich in gedrückter Stimmung. Auch wer häufig an Rücken- oder Magenbeschwerden leidet, der kann eine Depression haben. Fachleute sprechen hier von einer “larvierten” (= “versteckten”) Depression. Damit ein Therapeut die Diagnose “Depression” wirklich stellen kann, ist er immer auf das ausführliche Gespräch mit dem Betroffenen angewiesen. Manchmal werden zusätzlich auch Depressions-Tests verwendet. Aber wie das mit “Tests auf dem Papier” oft so ist, sagen sie unter Umständen wenig darüber aus, wie es dem Betroffenen wirklich geht.
Lieber depressiv als aggressiv
Menschen mit Depressionen haben oft Schwierigkeiten, im richtigen Moment “zuzugreifen”. Sie geben anderen den Vortritt und tun so, als hätten sie niemals den Wunsch gehabt, sich auch vom Kuchen des Lebens zu nehmen. Schon kleinste Aggressionen kommen ihnen wie ein schweres Verbrechen vor und müssen unterdrückt werden. Doch irgendwo muss die eigene Aggression und der eigene Wunsch, sich etwas zu nehmen, ja hin. Und so richtet man die Aggression gegen sich selbst – es kommt zur Depression.
Die Depression als Teil vieler Nöte
Selten kommt die Depression allein. Meistens gehören noch andere Beschwerden dazu, wie z.B. Ängste, Zwangsgrübeleien oder körperliche Symptome. Die Psyche ist so komplex wie die eigene Lebensgeschichte. Zur Depression gibt es viele Informationen und die Begriffsvielfalt ist unüberschaubar: Da gibt es die “Major Depression”, die “bipolare Depression” (früher die “manisch-depressive” Störung), die “endogene” oder “reaktive” Depression sowie die Depression als Folge des Burnout-Prozesses. Viele Patienten wollen sich gerne dort irgendwo einordnen und einen klaren “Stempel” haben, so wie es oft bei einer körperlichen Diagnose möglich scheint. Doch wer verschiedene Ärzte und Therapeuten aufsucht, erhält häufig verschiedene Diagnosen. Und wer viel liest, wird sich überall irgendwie wiederfinden. Ein guter Psychotherapeut wird sich zusammen mit dem Patienten die vielfältigen Nöte anschauen. Und dann ist es nicht mehr so wichtig, welchen Namen nun die eigene Gefühlslage laut Diagnoseschlüssel trägt: Dann ist man froh über die neue, tragfähige Beziehung zum Therapeuten und über die Hoffnung, die man daraus schöpfen kann.
Ich will nicht enttäuscht werden!
Oft haben Menschen, die zu Depressionen neigen, so große Angst vor einer Enttäuschung, dass sie blind werden für die Chancen, die das Leben bietet. Diese “Blindheit” für das eigene Glück und die eigenen Möglichkeiten nennen Fachleute “Skotomisierung” (“Skotom” = “blinder Fleck”). Dadurch kommen die Betroffenen tatsächlich immer wieder erneut zu kurz. Manchmal möchte der Betroffene auch nicht, dass andere ihn beneiden und er verzichtet lieber auf schöne Dinge, auf Erfolg, auf Glück. Das nennt sich dann “Polykrates-Neurose”.
Alle wollen was von mir
Wer seine eigenen Wünsche nicht wahrnehmen kann, der projiziert sie manchmal nach außen. Dem Betroffenen kommt es so vor, als ob alle Welt etwas von ihm wollte. Er fühlt sich erschöpft und bedürftig: “Jetzt bin ich aber mal dran, jetzt möchte ich, dass die anderen mal etwas für mich tun”, denkt er. Doch die eigene, echte Bedürftigkeit wird als Makel erlebt. Diese Mechanismen sind dem Betroffenen meistens nicht bewusst. Daher bedarf es eines Therapeuten, der dem Patienten zeigt, dass seine Wünsche, seine Aggressionen, seine Bedürftigkeit und sein Erleben nur allzu menschlich sind.
Adressen von psychoanalytischen Therapeuten gibt es z.B. bei der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse und Tiefenpsychologie (DGPT), bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) oder der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG). Leider ist häufig mit langen Wartezeiten zu rechnen. Dann empfiehlt es sich, sich an ein psychoanalytisches Institut zu wenden. Hier kann man unter Umständen an Ausbildungsteilnehmer, also angehende Psychoanalytiker, vermittelt werden. Die Ausbildungsteilnehmer sind in der Regel Ärzte oder Psychologen. Da die Therapien der Ausbildungsteilnehmer von erfahrenen Therapeuten begleitet werden, sind sie ebenfalls empfehlenswert. Häufig sind hier die Wartezeiten kürzer. Institutsadressen liefern ebenfalls die DGPT oder die DPV.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Depression – alle Beiträge auf einen Blick
Zum Nachlesen:
Siegfried Elhardt:
Tiefenpsychologie
Kohlhammer Stuttgart, 2001: 122–128
Sebastian Rudolf, Isaac Bermejo et al.:
Diagnostik depressiver Störungen
Deutsches Ärzteblatt 25, 2006: 1455–1462
Links zu Depression und Psychoanalyse:
Isolde Böhme:
Depressionen verstehen und behandeln
Psychoanalyse-aktuell, Dezember 2009
Langzeittherapie bei chronischen Depressionen (LAC), eine
Studie des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt
und: Sonderheft “Psyche”, Klett-Cotta, September 2010
Marianne Leuzinger Bohleber:
Psychoanalytische Erkundungen zu Depression und Hyperaktivität
Psychoanalyse aktuell 2008
Gehirnbilder zeigen: Psychoanalyse wirkt.
Erstmals haben Hirnforscher die Wirkung der Psychoanalyse bei depressiven Menschen mit Bildern vom Gehirn dokumentiert.
www.kurier.at, Wien 2009
Depressionsportale und Foren:
Kompetenznetz Depression
www.leben-mit-depressionen.ch
Equilibrium – Verein zur Bewältigung von Depressionen (Schweiz)
Depression – Informationen der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich
Selbsthilfegruppe Depression:
www.depression-do.de, Dortmund, liebevoll gestaltete Website von Klaus Rehberg, Witten
Diagnoseschlüssel “Depression” nach ICD 10:
F32: Depressive Episode, F33: Rezidivierende depressive Störung





Ich finde auch, der Text ist außerordentlich gut gelungen…
Einige meiner persönlichen Gedanken zum Thema:
Manchmal frage ich mich, ob Depressionen überhaupt eine Krankheit bzw. ob sie nicht eher eine logische Konsequenz unserer komplexen Leistungsgesellschaft sind. Das Gehirn passt sich Gegebenheiten an und Lebensumstände können mehr als bedrückend sein…
Meine sind es… Sie sind es ganz objektiv. Es wäre nicht normal, wäre ich glücklich.
Ich sehe zudem eine Schwierigkeit darin, dieses Krankheitsbild klar zu definieren.
Ich halte die Elemente “Hoffnungslosigkeit”, “Ausweglosigkeit”, auf die man häufig trifft z.B. für wenig hilfreich, denn es gibt Situationen, die hoffnungslos und ausweglos sind und nicht nur so scheinen.
Ich finde es von Seiten von Ärzten ehrlichgesagt auch vermessen, Menschen zu raten, ihre Ziele und Wertvorstellungen einfach zu ändern – z.B. im Falle eines beruflichen Scheiterns. Ich finde es deshalb vermessen, weil gerade Ärzte ein hohes gesellschaftliches Ansehen genießen. Ich möchte nicht wissen, wie dieser Berufsstand auf ihr Karriere-Aus, sozialen Abstieg reagieren würden… Die Gefahr, mit solchen Belastungen konfrontiert zu werden, ist bei diesem Berufsstand auch denkbar klein…
Mir kommt auch der Gedanke, dass Tiere den Selbstmord mangels Intelligenz nicht wählen können. Für uns Menschen ist es einfach eine Option. Diese in Betracht zu ziehen, ist per se keine Krankheit.
Nichtsdestotrotz, ich finde es wunderbar, dass man im MRT die grundsätzliche Wirksamkeit von Psychotherapien bildlich darstellen konnte. Und es ist auch gut und richtig, dass man nach immer besseren Medikamenten sucht.
Es ist aufgrund aussagekräftiger Zwillingsforschungen auch nicht von der Hand zuweisen, dass neben der Umwelt auch die Genetik eine Rolle spielen kann.
Und am meisten erfreut mich die Erfindung des Internets – inclusive dieser Webseite – das jedem bequem den Zugang zu wertvollen Infos ermöglicht und nicht zuletzt Patienten mündiger macht…
Lieber Frank,
vielen Dank für Ihren Kommentar!
Das muss sich ja schlimm anfühlen – sieben Therapeuten, ohne grundlegende Hilfe zu erfahren. Welche Form(en) der Therapie haben Sie denn schon ausprobiert? Ich empfehle ja immer gerne eine psychoanalytische Therapie/Psychoanalyse – allerdings müssen sich viele Patienten anfangs auch an die etwas zurückhaltende und eher schweigsame Art von Analytikern gewöhnen. Und die Wartezeiten sind natürlich oft sehr lang und schwer auszuhalten. Aber eine gelungene psychoanalytische Therapie kann oft viel bewirken. Adressen von gut ausgebildeten Therapeuten finden Sie z.B. auf http://www.dpv-psa.de oder http://www.dpg-psa.de.
Viele Grüße
Dunja Voos
Eine sehr gelunge Seite zum Thema Depression, muss ich sagen. Du findest einfühlsame Worte, hast gut beobachtet und triffst die Sache im Kern, ohne bloß zu stellen. Ich bin selbst von Depressionen betroffen und finde mich zu 100% wieder in deinen Beschreibungen wieder. Leider ist es sehr sehr schwer, einen Therapeuten zu finden, der sich darauf einlassen kann, nah genug an mich heran kommen zu wollen, um mir wirklich helfen zu können. Ich habe im Laufe der Zeit sieben verschiedene Therapeuten kennen gelernt, aber immer war die Distanz für mich viel zu groß.
Danke für diese Seite!
Frank
http://www.was-ist-depression.net
Die Depression wurde hier bereits gut erklärt. Leider fehlen noch einige Hinweise zur Winterdepression, die auch recht häufig vorkommt. Ärzte reden hierbei von einer Saisonal Abhängigen Depression, kurz SAD.
Die Winterdepression tritt ab September auf, bei einigen Betroffenen auch erst um die Weihnachtszeit. Ab Februar bis April klingen die Symptome ab. Klinisch betrachtet handelt es sich bei der Winterdepression um eine rezidivierende affektive Störung. Um die Diagnose stellen zu können, müssen die Symptome in zwei aufeinander folgenden Jahren auftreten und im Sommer wieder remittieren, also vollständig oder weitestgehend zurückgehen. Häufige Symptome sind erhöhter Schlafbedarf (2-3 Stunden mehr) und verstärkter Appetit auf kohlenhydratehaltiges Essen. Im weiteren gleichen die Symptome einer Winterdepression denen einer “normalen Deperssion”.
Positiv ist jedoch die Möglichkeit der Bahndlung mit einer Lichttherapie Lampe, siehe http://www.lichttherapie-lampe.com. Bei der Behandlung mit einer Lichttherapie Lampe treten selten Nebenwirkungen auf, und die positive Wirkung ist nach 3-5 Tagen zu bemerken. Antidepressiva werden auch bei der Winterdepression eingesetzt (bei mittleren bis schweren Leiden). Als erste Wahl gilt heute jedoch die Lichttherapie als beste Behandlungsform bei den saisonal bedingten Leiden. Bei der Lichttherapie wird eine sehr helle Vollspektrum-Lampe verwendet, die in der Regel einen UV-Filter enthält. Der Betroffene setzt sich zwischen 30 Minuten (bei 10000 Lux) und 2 Stunden (bei 2500 Lux) vor die Lichttherapie Lampe und schaut etwa jede Minuten kurz in das Licht.
Leichtere Formen der Winterdepression werden als Winterblues bezeichnet, bzw. subsyndromale saisonbedingte affektive Störung (SSAD). Es gibt zwar Anzeichen, dass die Behandlung mit der Lichttherapie auch bei normalen Depressionen helfen kann. Die Erfolgsquote bei der Linderung liegt jedoch nicht annähernd so hoch wie bei einer Winterdepression (hier zwischen 60% bis 80%).