19.05.2013.

Verpflichtung zur “U” (Kindervorsorgeuntersuchung) –
kann das gut sein?

Aufgeregt kommt eine Freundin bei mir an: Sie hat Post vom Jugendamt erhalten. Das Wort “strafrechtlich” kommt darin vor. Sie hatte es verpasst, um den dritten Geburtstag herum mit ihrem Kind zur U7a, also zur 7. Vorsorgeuntersuchung, zum Kinderarzt zu gehen. Die Kindervorsrogeuntersuchungen sind in vielen Bundesländern bereits verpflichtend. Wer nicht hingeht, erhält Post vom Jugendamt mit der Aufforderung, die verpasste Untersuchung nachzuholen. Ansonsten kämen Jugendamtsmitarbeiter ins Haus, um sich nach der Lage zu erkundigen und ggf. weitere Schritte einzuleiten. Der gute Gedanke dahinter ist klar: Immer wieder hört man in den Nachrichten von furchtbaren Fällen, in denen Kinder misshandelt und vernachlässigt wurden – im schlimmsten Fall mit tödlichem Ausgang. Das möchte man um alles in der Welt verhindern. Aber lässt es sich verhindern? Und muss man dazu gleich die gesamte Bevölkerungsschicht, die gerade Kinder hat, durchforsten und immer wieder durch “Drohbriefe” aufschrecken? (Text: © Dunja Voos, Bild: © bagal, Pixelio)

Die Verpflichtung zur U erhöht die Spannung in gespannten Familiensituationen

Man versetze sich in die Lage einer Familie, in der Gewalt an der Tagesordnung ist. Die Eltern befinden sich meistens in ungeheurer Not – finanzielle Sorgen, fehlende Ausbildung, möglicherweise Migrationshintergrund, Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten, Isolation. So sieht es in vielen dieser Familien aus. Aber natürlich gibt es am anderen Ende der Skala auch die wohlhabenden, hochgebildeten Familien. In keiner sozialen Schicht gibt es die Sicherheit, dass Kinder nicht misshandelt und vernachlässigt werden. Natürlich ist der Drang da, diese Familien zu entdecken und die Kinder zu retten. Aber lässt sich das mit verpflichtenden “U” erreichen?

Wer etwas zu verbergen hat, tarnt sich

Vielleicht lässt sich der ein oder andere Fall rauspicken, in dem ein Kind misshandelt wird. Ein gerettetes Leben ist wie eine gerettete Welt, sagt man – und das stimmt auch: Große Anstrengungen lohnen sich und die Freude über eine gelungene Rettung ist immer riesig. Allerdings, wenn sich Eltern bedroht fühlen, dann tun sie eins: Sie ziehen sich zurück und sie arbeiten an ihren Tarnungsstrategien. Der Druck und die Kontrolle werden ihrerseits zu einem Problem und in Einzelfällen sogar zu einer Gefahr für die Kinder. Und so kommt es vor, dass ein Kind herausgeputzt, in gut duftenden modernen Kleidern, gut funktionierend vor dem Kinderarzt steht und ein “alles ist gut” bescheinigt bekommt. Während es zu Hause Höllenqualen erleidet. Der Druck in den Familien, die von Gewalt betroffen sind, steigt durch Kontrolle enorm. Viel schneller eskalieren Streitereien, weil die Familien doch den Druck haben, dass nichts von der furchtbaren Situation nach außen dringen soll. Viel schneller sind Kinder von elterlicher Gewalt bedroht, wenn außen Kontrolle herrscht und die Kinder nicht so funktionieren, wie sie sollen.

Kontrolle kann helfen, aber freundliche Einladungen helfen mehr

Ohne Frage muss es Bemühungen geben, Familien und Kindern in Not zu helfen. Aber nicht so, wie es gerade ist. Natürlich sollte es “Geh-Strukturen” geben, bei denen Helfer zu isolierten Familien gehen, die sich in desolaten Zuständen befinden. Dort können die Helfer über die “U” informieren, sie können den Familien Adressen von Kinderärzten geben, sie können die Familien zu Beratungsgesprächen einladen. Die Helfer sollten dabei eine gute Ausbildung haben und über Selbsterfahrung verfügen, denn sie können den Familien nur helfen, wenn sie es schaffen, nicht zu sehr zu moralisieren und nicht zu sehr auf die betreffenden Eltern herabzuschauen. Diese Haltung ist natürlich sehr schwer zu entwickeln. Solch eine Haltung kann nur im Rahmen einer guten Ausbildung erworben werden. Und gute Ausbildungen vermitteln: Die Eltern, die Gewalt anwenden und ihre Kinder vernachlässigen, haben oft große Schuldgefühle und sie suchen in der Tat auch Hilfe. Sie fühlen sich gefangen in einer furchtbaren Lage, aus der sie nicht herauskommen. Sich tarnen und schweigen, das ist das Mittel, mit dem sie versuchen, ihre Familie zusammenzuhalten. Familienmitglieder, die ausbrechen wollen, fürchten sich vor den Folgen. Hier müssen ganz eigene Hilfssysteme greifen. Auch hier kann eine verpflichtende U vielleicht punktuell helfen. Doch in vielen anderen Fällen lässt die Pflicht zur U die Familienproblematik eskalieren.

Werbeplakate und Wirklichkeit passen nicht zueinander

Die “U” wird von offiziellen Stellen immer sehr positiv dargestellt. “Ich geh zur U – und du?”, heißt eine große Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Oder: “U1 bis U9 – 10 Chancen für das Kind”, heißt es auf www.kindergesundheit-info.de. Auch die Pharmafirmen propagieren kräftig die U (z.B. die Firma GlaxoSmithKLine). Doch wer einmal die Begriffe “U7a” und “Katastrophe” bei Google eingibt, der sieht, wie Mütter und Kinder die Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt empfinden. Für viele sind sie nämlich eine reine Katastrophe (zum Beispiel, wenn der Kinderarzt bei der kleinsten Auffälligkeit eine Vojta-Therapie verschreibt, bei der das Kind psychische Qualen erleidet).

Kinderärzte unter Druck

Kinderärzte stehen ihrerseits unter einem enormen zeitlichen und finanziellen Druck. Die psychologische Ausbildung in der Weiterbildung zum Kinderarzt lässt sehr zu wünschen übrig. Und so stehen sich oft der “hektische Gelehrte” und die fassungslose Mutter gegenüber. Kindervorsorgeuntersuchungen gleichen oft mehr einem K(r)ampf als einem echten Hilfsangebot. Der Zwang, das sich das Kind “normal” entwickelt, dass es die “korrekten” Werte der Entwicklungstabellen erreicht, lastet auch auf den Kinderärzten. Es gibt nur noch relativ wenige, erfahrene Kinderärzte, die genug Kinder gesehen haben, die “untherapiert” groß wurden und die die “Endergebnisse ohne Therapie” kennen. Heute wagt sich kaum noch ein Kinderarzt zu sagen: “Das wächst sich aus.” Und Kinderärzte, die es sagen, stehen wiederum oft verunsicherten Müttern gegenüber, die sich darüber beschweren, dass der Kinderarzt die notwendige (?) Ergotherapie nicht verschreibt. Alle sind irgendwie angespannt.

Echte Einladung statt Zerren

Ich würde mir wünschen, dass die Zügel in Bezug auf die Kinder und jungen Eltern wieder lockerer gelassen würden. Natürlich gibt es tagtäglich tausende von positiven Erfahrungen, die Mütter mit ihren Kindern beim Kinderarzt machen. Kinderärzte sind hochqualifiziert, meistens sehr freundlich und sehr bemüht. Die meisten wurden Kinderärzte, weil sie helfen wollen und idealistische Menschen sind. Viele Kinderärzte können auch mal Fünf gerade sein lassen und zwinkern den Müttern zu, dass sie sich nicht so große Sorgen machen sollen. Natürlich gibt es auch dieses Zusammenspiel. Wie schön wäre es, wenn die Eltern nicht durch Drohbriefe erschreckt würden, sondern wenn sie ein freundliches Schreiben erhalten würden, vielleicht auf die eigene Sprache zugeschnitten, dass es in ihrer Nähe einen freundlichen Kinderarzt gibt, der sich gerne um das Kind kümmern würde. Das würde viel mehr bringen als eine verpflichtende U.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Warum es so schwer ist, Kindesmissbrauch zu entdecken
Das Kreuz mit den “U”
Vojta-Therapie bei Babys: eine Kritik

Be Sociable, Share!

    Comments

    1. test

    Speak Your Mind

    *