Auf Team-Workshops und in Kommunikationsseminaren hört man es immer wieder: Es mache einen Unterschied, ob man “die ganze Person” kritisiere oder nur sein Verhalten. Man könne Kritik leichter annehmen, wenn man sich verdeutliche, dass nur ein bestimmter Punkt gemeint sei. Man könne auch leichter andere kritisieren, wenn man betone, dass man nur einen Aspekt kritisiert. Aber kann man diesen Unterschied wirklich machen?(Text: © Dunja Voos, Bild: © Inessa Podushko, Pixelio)
Meistens gibt es keinen Unterschied zwischen “Verhaltensstörung” und “emotionaler Störung”
In Medizin und Psychologie findet man in Diagnosen immer wieder die Unterscheidung “Verhaltensstörung” oder “emotionale Störung”. An dieser Stelle wird ähnlich künstlich getrennt – das Verhalten ist nämlich meistens das Resultat einer Emotion. Menschen mit “Verhaltensstörungen” sind meistens auch emotional in Aufruhr – sie sind angespannt, ängstlich, wütend oder wollen durch ihr Verhalten unangenehme Emotionen wegschieben.
Die Trennung von “Verhalten” und “ganzer Mensch” führt zu Verwirrung
Die Kritik an einem Punkt, der wirklich ein wunder Punkt ist, trifft fast immer ganz und gar die ganze Person. Jeder kennt wahrscheinlich das Gefühl, kritisiert zu werden und ganz und gar betroffen zu sein. Dieses Gefühl darf man ruhig ernst nehmen und man darf es sich ruhig näher anschauen. Man muss es nicht wegreden. Natürlich kann man sagen: “Ich kritisiere nur, dass du deinen Teller nicht aufisst, aber dich als Person finde ich okay.” Man weiß aber nicht, wie die kritisierte Person das empfindet. Wenn sie um ihre Macke weiß und das selbst als eher bedeutungslos empfindet, dann wird die Kritik die Person kaum tiefer berühren. Wenn die kritisierte Person aber zum Beispiel generell Probleme mit dem Thema “Essen” hat, dann trifft sie diese “kleine” Kritik ganz und gar.
Was spielt sich zwischen Kritiker und Kritisiertem ab? In welcher Beziehung stehen sie zueinander?
Wir wissen nicht, was vor der Kritik zwischen den beiden Personen gelaufen ist, die da kommunizieren. Die Kritik an “einem kleinen Punkt” kann durchaus auch ein aggressiver Angriff auf den anderen sein. Vielleicht sind dem Kritiker seine aggressiven Regungen in dem Moment gar nicht bewusst. Doch die Spannung zwischen den beiden Menschen ist deutlich spürbar. Der andere regt sich fürchterlich auf, weil er spürt, dass hinter dem Kritikpunkt mehr steckt als nur diese “kleine Sache”. Die Trennung von “Verhalten” und “ganzer Person” kann meistens nicht ernsthaft gemacht werden. Vielmehr trägt diese Trennung zur Unehrlichkeit und Unglaubwürdigkeit bei. Der Kritisierte, der sich ganz und gar aufregt, wird nicht ernstgenommen, weil man doch nur so einen “Mini-Punkt” kritisiert hat. Und derjenige, der kritisiert, kann seine “ganze Aggression” hinter diesem “kleinen Punkt” verstecken.
Man ist “richtig”, wenn man sich aufregt
Die Besucher von Kommunikationsseminaren, die hören, man meine bei einer Kritik nur ihr Verhalten, aber nicht ihre ganze Person, spüren oft das Unbehagen. Sie fühlen sich fast als “Versager”, weil sie diese Trennung nicht wirklich vollziehen können. Sie sagen sich: “Der andere meint wirklich nur mein Verhalten”, aber es will – zu Recht – nicht in ihren Kopf oder “in ihr Gefühl” rein, weil sie durch und durch spüren, dass ihre “ganze Person” betroffen ist. Es ist so, als wolle man einem hungrigen Menschen sagen: “Dein Hunger ist nur ein Signal vom Magen an das Gehirn, mehr nicht.” Doch wer Hunger hat, der ist ganz und gar hungrig, der ganze Mensch ist hungrig. Kritik einfühlsam zu äußern in dem Bewusstsein, dass der andere ganz und gar davon betroffen sein kann, ist dann vielleicht doch bodenständiger, als zu versuchen, das “Verhalten” oder “den einzelnen Punkt” vom “ganzen Menschen” zu trennen. Und derjenige, der sich “ganz und gar” aufregt, der verwirrt, erschrocken, niedergeschlagen oder wütend wird, ist mit seiner Reaktion ganz und gar “richtig”.





In diesem Artikel sind verschiedene Punkte angesprochen, zwischen denen ich unterscheiden möchte.
Diese sind im Einzelnen:
1) Gibt es einen Unterschied zwischen Person und Verhalten?
2) Wovon hängt es ab, ob jemand, der gerade eine Kritik empfangen hat, die Differenzierung zwischen Person und Verhalten – auch emotional – nachvollziehen kann?
3) In welcher Form sollte Kritik geübt werden? Ersetzt der Hinweis darauf, dass lediglich ein bestimmter Verhaltensaspekt gemeint ist, eine feinfühlige Wortwahl im Detail?
4) Und vor allem: Welche Rolle spielt die (emotionale) Haltung des Kritisierenden gegenüber dem Kritisierten?
Meiner Ansicht nach ist zwischen Person und Verhalten zu trennen.
Wortwahl und vor allem die Haltung des Kritisierenden sind allerdings ebenso wichtig, um mit der Kritik nicht zu verletzen, sondern einen positiven Impuls zu geben:
Wer kritisiert, um seine eigene Aggression loszuwerden, verletzt (fast) immer, denn die Aggression ist spürbar. “Versteckt” der Sprecher seine Aggression hinter psychologisch wohlfeilen Phrasen, kann dies den Empfänger natürlich verwirren, wenn er es nicht durchschaut, da er die Aggression ja spürt. Wut ist ebenfalls eine angemessene Emotion des Empfängers in einem solchen “Psychospiel”.
Wenn es dem Sprecher jedoch ehrlich um das Wohl des Angesprochenen bzw. das Gelingen des gemeinsamen Miteinanders geht, entsteht eine völlig andere Dynamik. Wenn dann noch ein paar Feedback-Regeln, beispielsweise die “Ich-Botschaft” und der Bezug auf ein konkretes Verhalten, beherzigt werden, gelingt es meiner Erfahrung nach meistens, dass der Empfänger der Botschaft sich nicht persönlich angegriffen fühlt.
Natürlich gibt es Verhaltensaspekte, die ein unmittelbarer Ausdruck der Persönlichkeit sind, allen voran die Stimme. Deshalb halte ich es für wichtig, Menschen, vor allem Kinder, niemals für ihre Stimme zu kritisieren. Dann erlebt man fröhliche Kinder, wie das Mädchen neulich, das im Lebensmittelgeschäft gut hörbar eine Bemerkung machte und auf den folgenden Rüffel ihrer Mutter, sie solle bitte nicht so laut sprechen, selbstbewusst (und nicht zickig-aggressiv) feststellte: “Ich habe aber eine laute Stimme.”