23.02.2012.

Roman “Der gute Psychologe” –
könnte Angstpatienten ängstigen

Ich habe begonnen, den Roman “Der gute Psychologe” von dem Psychologen Noam Shpancer zu lesen. Ich bin erst auf Seite 41, aber ich muss mich schon aufregen. Denn hier sind verhaltenspsychologische Sichtweisen vertreten, die wohl vielen Angstpatienten einfach nicht gerecht werden und die sie an sich selbst zweifeln lassen könnten. Auf Seite 40 erklärt der Psychologe: “Panikattacken sind ein verbreitetes Phänomen; sehr unangenehm, wie Sie wohl wissen, aber ungefährlich. Niemand stirbt an einer Panikattacke.” Naja, so einfach ist es nun nicht. Eine Panikattacke bedeutet einen ungeheuren Stress für den Körper. Natürlich kann man Panikpatienten damit zunächst beruhigen, doch Studien haben gezeigt, dass Angsterkrankungen auf die Dauer schon auf das Herz gehen können (siehe unten, “Studien”).(Text: © Dunja Voos, Bild: © Knaus, Randomhouse)
 
 
Die innere Realität des Patienten wird nicht anerkannt

Weiter erklärt der Roman-Psychologe seiner Patientin: “… Doch es ist wichtig, das, was furchteinflößend ist, von dem zu trennen, was gefährlich ist … Eine Panikattacke ist furchteinflößend, aber nicht gefährlich. Es ist, als schaute man sich einen Gruselfilm an, in dem plötzlich in der Nähe eines schwimmenden Mädchens ein riesiger Hai aus der Tiefe auftaucht. Jeder bekommt es mit der Angst, aber niemand rennt aus dem Kino. Warum nicht?” Ich war baff. Wie kann ein Psychologe so etwas zu einem Angstpatienten sagen? Der Patient muss sich doch völlig veräppelt vorkommen. Ein Gruselfilm ist die reinste “Erholung” für einen Patienten mit einer generalisierten Angststörung, denn der Gruselfilm ist zum Fürchten. Und Furcht und Angst sind zwei Paar Schuhe. Im Kinofilm entsteht eine Furcht vor einer konkreten Sache, die die eigene Gefühlswelt oft nicht tiefer berührt. Doch Angst ist ein “unkonkretes” Gefühl und sie erfüllt die Patienten oft durch und durch. Eine Gruselfilm ist nichts gegen die Angstattacken, die viele Patienten täglich erleben. Und die innere Gefahr, der die Patienten ausgesetzt sind, ist echt, ohne Zweifel.

Die Betroffenen “fürchten” sich vor dem eigenen inneren Hai – doch der ist noch unsichtbar

Viele Angstpatienten haben Angst, weil sie Furchtbares verdrängen. Das, was sie ängstigt, ist in ihnen und nicht draußen auf irgendeiner Kinoleinwand. Manche Patienten haben als Kind Missbrauchssituationen erlebt, wo sie eben in Wirklichkeit als Mädchen “schwammen”, nackt waren, bedroht wurden. Viele Angstpatienten haben Angst, weil sie wissen, dass in ihrem Unbewussten noch viele unbewältigte Dinge sind, die nie bearbeitet werden konnten. Wer als Kind Gewaltsituationen erlebt hat, wer seine Gefühle wie Ärger, Trauer, Eifersucht oder Neid nie erleben, ausdrücken oder einordnen konnte, wer keine haltgebenden Beziehungen hat, der wird als Erwachsener von seinen eigenen Gefühlen schier überwältigt. Schamgefühle, Schuldgefühle und unglaubliche Ängste begleiten diese Patienten und tauchen als Angstattacken immer wieder auf. Patienten, die dann erzählt bekommen, dass sie doch eigentlich keine Angst haben müssten, können da leicht verzweifeln.

Wie gesagt, ich bin ja erst auf Seite 40 in diesem Buch. Und es mag ja sein, dass der Romanpsychologe im Laufe der Geschichte neue Erkenntnisse erhält. Es mag sicher auch Angstpatienten geben, denen die verhaltenstherapeutischen Sichtweisen sehr weiterhelfen. Doch sehr viele Angstpatienten werden sich durch solche Sichtweisen nur noch verlassener fühlen und noch stärker an sich zweifeln.

Nachtrag (28. Januar 2012): Ich habe jetzt das Buch bis zum Ende gelesen :-) Der Roman ist wunderbar geschrieben und der “gute Psychologe” erwies sich dann streckenweise doch noch tatsächlich als gut. Der Kampf zwischen Analytikern und Verhaltenstherapeuten wird in diesem Buch immer wieder aufgegriffen, unter anderem, indem “der Psychologe” etwas zynisch von dem “Wiener” spricht anstatt von “Sigmund Freud”. Den Psychoanalytikern wird in diesem Roman vorgeworfen, dass sie so sehr in der Tiefe graben, dass sie das Oberflächliche und Offensichtliche übersehen würden. Ich habe das Gefühl, dass sich Sphancer nur theoretisch mit der Psychoanalyse auseinandergesetzt hat. Im Laufe des Buches geht “der gute Psychologe” allerdings manchmal erstaunlich “psychoanalytisch” vor. In jedem Fall aber ist es ein sehr spannendes, emotionales und berührendes Buch, das sich sehr schön lesen lässt.

Buch:

Noam Shpancer
Der gute Psychologe
Roman
Knaus-Verlag 2001

Studien:

Kate Walters et al. (2008):
Panic disorder and risk of new onset coronary heart disease, acute myocardial infarction, and cardiac mortality.
European Heart Journal, October 2008

Jordan Smoller et al. (2007):
Panic Attacks and Risk of Incident Cardiovascular Events Among Postmenopausal Women.
Archives of General Psychiatry 2007

Ripke A (2006):
Experimentelle Studie zur Thrombozytenaktivierung durch psychisch induzierten Stress bei Patienten mit vermehrten Ängsten.
Dissertation Universität zu Lübeck, 2006

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