23.02.2012.

Zwangsstörung – Zählen statt Fühlen

Das eine ist zum Schmunzeln: Die Familie fährt in den Urlaub und Tina denkt eine Stunde lang darüber nach, ob der Herd aus ist. Das andere ist zum Verrücktwerden: Immer wieder muss Susanne kontrollieren, ob sie den Herd ausgemacht hat und verpasst dadurch fast den Bus. Während Tina bald die Fahrt genießen und den Herd vergessen kann, leidet Susanne immer mehr unter ihren Kontrollzwängen. Sobald sich Leidensdruck bemerkbar macht, ist es Zeit, sich die Zwänge genauer anzusehen. (Text: © Dunja Voos, Bild: © S. Hainz, Pixelio)

Magisches Denken

“Wenn ich das rote Tuch anziehe, dann passiert ein Unglück.” So könnte ein Zwangsgedanke aussehen. Magisches Denken spielt bei der Zwangsstörung eine große Rolle. Die Betroffenen haben Angst, es könnte etwas Schlimmes passieren, wenn sie bestimmte Handlungen nicht vornehmen oder bestimmte Dinge denken. Dabei geben sie sich unbewusst mehr Macht, als sie in Wirklichkeit haben.

Kontrolle gegen Hilflosigkeit

Aus einer tiefen Angst heraus, dem Schicksal oder anderen Menschen ausgeliefert zu sein, können Zwänge entstehen. Sie geben dem Betroffenen einerseits ein Gefühl der Kontrolle. Andererseits fühlt er sich seinen eigenen Zwängen selbst hilflos ausgeliefert. Zwar weiß er, dass sie scheinbar keinen Sinn ergeben, aber dennoch muss er sie immer wiederholen. Das Verhalten ist ichdyston, es wird also als “Ich-fremd” erlebt. Der Leidensdruck kann enorm werden – egal, ob es sich um Grübeln, um Putz- oder Waschzwänge handelt. Wenn der Betroffene seinen Zwängen nicht nachkommen kann, entsteht große Angst.

Zwangsneurose und Zwangsstruktur

Die Tiefenpsychologen unterscheiden die Zwangsneurose von der Zwangsstruktur.
Patienten mit einer Zwangsneurose leiden an den typischen Symptomen wie Grübeln, Zählen oder Kontrollieren. Patienten mit einer zwanghaften Persönlichkeitsstruktur hingegen haben manchmal gar keine Zwangssymptome, sondern sind von der ganzen Person her sehr gewissenhaft, ordentlich und lieben das Gewohnte. Das muss nicht krankhaft sein – viele Berufe erfordern diese Eigenschaften und manch einer wünscht sich, er hätte mehr davon. Doch auch diese Menschen können leiden, wenn die Züge zu sehr ausgeprägt sind.

Alles wird starr

Menschen mit einer zwanghaften Persönlichkeit verlieren an Vitalität und Flexibilität. Sie stellen sich selbst und alles andere häufig in Frage und zögern ständig. Ihr Gewissen ist manchmal so streng, dass sie sich alle Freuden des Lebens vorenthalten. Jede Entscheidung wird zur riesigen Hürde. Ihr Über-Ich ist so stark ausgeprägt, dass Gesetze “wichtiger als Liebe und spontane Menschlichkeit” werden (Elhardt).

Zählen statt fühlen

Auch wenn die Betroffenen noch so sehr leiden, so haben die Zwänge ihren Sinn. Sie lenken ab von ursprünglichen Ängsten und Gefühlen, die zu furchterregend sind, als dass sie empfunden oder gedacht werden dürften. Manche fürchten sich so sehr vor den eigenen Aggressionen, dass es ihnen “angenehmer” ist, die Lampen an der Decke zu zählen.

Tiefenpsychologische Therapie

In einer tiefenpsychologischen Therapie will man diesen ursprünglichen Gefühlen nachgehen. Denn die Zwänge waren ja nicht immer da. Sie entstanden allmählich als Schutz vor unangenehmen Gefühlen. Der Zwanghafte “braucht” seine Zwänge. Sie sind ein Symptom, das ernstgenommen werden will und das ursprüngliche Gefühle verdeckt.

Geiz, Pedenaterie und Eigensinn

Geiz, Pedanterie und Eigensinn, das sind in der Geschichte der Tiefenpsychologie die typischen drei Eigenschaften, durch die sich der Zwanghafte auszeichnet. Die klassische Erklärung besagt, dass die Ursache in der analen Phase liegt.
In dieser Phase lernt das 2- bis 3-jährige Kind, seine willkürliche Muskulatur zu beherrschen und “auf’s Töpfchen” zu gehen.

Sind die Eltern in dieser Zeit zu rigide, dann kann sich nach klassischer psychoanalytischer Theorie später eine Zwangsstörung entwickeln. Allerdings ist das dann nicht die einzige Ursache. Zwangsstörungen haben viele Gründe, doch Eltern, die bei der “Töpfchenerziehung” streng sind, sind es meist in anderen Bereichen auch. Das Kind lehnt sich gegen die äußere Dressur innerlich auf, doch jede Äußerung der Aggression ist verboten. So lernt das Kind nicht, mit seinen Aggressionen umzugehen. Oft misslingt die Trotzphase und die Kinder leiden noch als Erwachsene an einem unsicheren Umgang mit Wut und Ärger.

Kontrolle über unberechenbare Eltern

Wenn Kinder unberechenbare Eltern haben, dann entwickeln sie manchmal Techniken, um die Eltern zu kontrollieren; diese “bewährten” Techniken werden später auch bei anderen Menschen eingesetzt und weiten sich aus. Schließlich will alles kontrolliert und in Schach gehalten werden, weil sonst die alte Angst aus der Kindheit aufsteigt, anderen hilflos ausgeliefert zu sein.

Abwehrmechanismen

Ein typischer Abwehrmechanismus bei Zwangsstörungen ist die sogenannte Reaktionsbildung. Dabei reagiert der Betroffene auf einen bestimmten Impuls ganz anders, als man erwarten würde. Wir kennen das hier und da alle: Obwohl – oder gerade weil – man den Nachbarn nicht mag, grüßt man ihn ganz besonders freundlich.
Eine weitere Abwehrform ist das Ungeschehenmachen. Gesagtes oder Handlungen, die man bereut, möchte man durch bestimmte Zwangshandlungen “ungeschehen” machen. Auch Gesunde kennen beispielsweise den Ausdruck “Klopf auf Holz”, den man ausspricht, damit das Gesagte nur ja nicht eintritt. Auch das Verschieben von Konflikten auf andere Situationen oder Gegenstände ist ein Mechanismus, der zu Zwängen führen kann. Anstatt dem Kollegen “an den Kragen” zu gehen, fängt der Betroffene an, Krawatten zu zählen. Der ursprüngliche aggressive Impuls ist dann verschwunden und wird noch nicht einmal mehr erinnert. Ebenso häufig kommt die Isolierung vor – eine Abwehrform, bei der das Gefühl bei bestimmten Themen verdrängt wird. So spricht ein Zwangskranker vielleicht immer wieder vom Tod der Eltern, jedoch kann man keine Traurigkeit in seiner Stimme feststellen.

Welche Therapie ist sinnvoll?

Es ist immer nur die Therapieform sinnvoll, die dem Patienten zusagt. Viele fühlen sich mit einer Verhaltenstherapie wohl. Hier lernt der Patient, Situationen und Gefühle neu zu bewerten. Er setzt sich im Schutz der Therapie den Situationen aus, in denen die Zwänge auftreten und übt dann ganz bewusst, den Zwängen nicht nachzugehen. Er lernt auch zu verstehen, wann die Zwänge auftreten und was sie ersetzen wollen: Leere, Traurigkeit oder Wut beispielsweise.

Eine tiefenpsychologische Therapie versucht, tiefergründig zu verstehen, wie es zu den Zwängen kam und welche unbewussten Gefühle und Phantasien dahinter stecken. Meistens vergehen die Symptome, wenn das ursprüngliche Problem verstanden wird. Die “inneren Gefahren” werden dabei mit einbezogen. Auch wenn natürlich äußerlich nichts passiert, wenn man den Zwang unterlässt, so gibt es doch “innere Gefahren” wie Angst oder Wut, die sehr stark werden können. Häufig ist der tiefenpsychologische Weg aufwendiger, jedoch auch umfassender.

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Adressen von Psychoanalytikern:

Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV), www.dpv-psa.de
Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (VAKJP), www.vakjp.de

Links:

Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e. V. (DGZ),
www.zwaenge.de (vorwiegend psychiatrisch-verhaltenstherapeutisch ausgerichtet)

Literatur:

Siegfried Elhardt:
Tiefenpsychologie.
Kohlhammer Stuttgart 2001: 128-132

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