Er war selbst Arzt und kritisierte die Zweiteilung der Medizin – es gebe die “Medizin für Körper ohne Seelen” und die “Medizin für Seelen ohne Körper”. Thure von Uexküll (1908–2004), Sohn des Biologen Jakob von Uexküll, schuf den Begriff der Integrierten Medizin. Sie betrachtet den Menschen mitsamt seiner Umwelt. Unabhängig davon, ob der Patient vom Chirurgen, Internisten oder Neurologen behandelt wird, sollte er immer in seinem ganzen Gefüge wahrgenommen werden.
Das bio-psycho-soziale Modell
Von Uexküll betonte, dass der Mensch immer in Beziehung zur Umwelt steht. Jede Zelle des Menschen steht in Verbindung zu den anderen Zellen innerhalb des Körpers. Der Mensch, der atmet, braucht aber auch die passende Atemluft aus der Umwelt. Und wer spricht, der bedarf eines anderen Menschens, der ihm zuhört. Kurzum: Jeder Mensch braucht sein Gegenüber und sein Gleichgewicht im biologischen, psychologischen und sozialen System.
Gesundheit ist: wenn alles passt
Krankheit hieß für Uexküll, dass Dinge nicht zusammenpassen. Ein kranker Magen braucht die richtige Kost, weniger Ärger, mehr freundliche Zuwendung. Wenn der Magen/der Mensch nicht mehr die “passende Umwelt” findet, wird er krank. Erst, wenn das Gleichgewicht wiederhergestellt wird, kann der Magen/der Mensch gesunden. Uexküll betrachtete Gesundheit als ein Zueinanderpassen aller Systeme auf allen Ebenen. Er schuf den Begriff der Passung.
Das bedeutet auch, dass jemand, der nur ein Bein hat, nicht unbedingt krank ist. Sobald die Umwelt passt, er die passende Prothese hat oder durch Übung ohne Hilfsmittel zurechtkommt, ist er gesund. Kranke, die ihrem Ende entgegensehen, brauchen eine gute palliative (auf ein Sterben mit so wenig Leiden wie möglich ausgerichtete) “Medizin”. Er braucht die passenden Schmerzmittel, eine gute Pflege, Liebe und eine natürliche, passende Umwelt. So kann man dem Leiden gerecht werden.
Das Unbewusste einbeziehen
Jeder Arzt weiß intuitiv mehr über seinen Patienten, als durch Fakten alleine klar wird. Der Patient geht eine einzigartige Beziehung zu ihm ein. Der Arzt ist Teil der Wirklichkeit des Patienten und umgekehrt. Wichtig ist es, dass Arzt und Patient eine gemeinsame Wirklichkeit schaffen. Nur so kann der Arzt den Patienten wirklich verstehen.
Akademie für Integrierte Medizin
Um seinen Ideen auch in Zukunft Raum zu geben, gründete Thure von Uexküll die Akademie für Integrierte Medizin e. V. (AIM). Sie besteht seit 1993.
Buchtipps:
Thure von Uexküll:
Psychosomatische Medizin
Hrsg.: Thure von Uexküll, Rolf Adler, Jörg M. Herrmann et al.
Urban & Fischer bei Elsevier, München 2002
ISBN: 3437218301
Bernd Hontschik (www.medizinHuman.de):
Körper, Seele, Mensch
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006
ISBN 9783518458181
Bernd Hontschik, Thure von Uexküll (Hrsg.):
Psychosomatik in der Chirurgie
Schattauer Verlag, Stuttgart 1999
ISBN-10: 3794519388
Links:
Akademie für Integrierte Medizin e. V. (AIM),
www.int-med.de
Geschäftsstelle:
Wulf Bertram, Schattauer Verlag, Stuttgart
info@int-med.de
Bernd Hontschik:
Thure von Uexküll – eine Würdigung (PDF)
Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM), www.dkpm.de
Termin:
14. Jahrestagung der AIM 2007:
Heilkunst oder Kundendienst –
Wirklichkeitskonstruktionen in der Medizin
27.–29. September 2007 in Frankfurt am Main




