19.05.2013.

Neurodermitis – aufgekratzt statt makellos

Es ist schwer, sich in seiner Haut wohlzufühlen, wenn sie rot, gereizt und schuppig ist. Viele Neurodermitiker müssen sich scheinbar die schönsten Dinge verbieten: das Stück Schokolade, die eisgekühlte Milch oder das Schmusen mit der Katze. Wer an Neurodermitis leidet, der begibt sich meist auf eine lange Suche nach Linderung. Gut informiert zu sein ist der erste Schritt zur beruhigten Haut.

Juckreiz als Leitsymptom

Neurodermitis wird auch als endogenes oder atopisches Ekzem bezeichnet. Sowohl die Oberhaut als auch die darunterliegende Lederhaut sind von der Entzündung betroffen, die sich durch starken Juckreiz auszeichnet. Vor allem Jugendliche und Kinder leiden darunter – zwischen 8 und 16% aller Kinder im Vorschulalter sind in Deutschland betroffen. Starken Leidensdruck haben aber auch deren Eltern und erwachsene Patienten.

Ursachen

Die genauen Ursachen sind unbekannt, doch es sind viele Faktoren beteiligt. Nach der Umwelthypothese tragen Umweltfaktoren wie Autoabgase oder Innenraumschadstoffe zur Neurodermitis bei. Gemäß dieser Hypothese richtet sich so manch geplagte Familie zu Hause ein. Manche Kinderzimmer von Neurodermitikern sind dann so kuschelig wie ein gekacheltes Bad. Es fehlen Kuscheltiere, Kissen, Teppiche. Dabei ist die Wirksamkeit einer solchen Einrichtung fraglich.

Bauernhofkinder zeigen nur selten Allergien

Dr. Erika Mutius von der Hauner’schen Universitätsklinik München, konnte in ihrer Studie feststellen, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, sehr viel seltener an Allergien leiden als Stadtkinder. Ausschlaggebend ist zum einen der Kontakt zu Stalltieren und zum anderen das Trinken von Rohmilch anstelle von pasteurisierter Milch. Die Kinder müssen jedoch von Anfang an Rohmilch gewohnt sein. Wollte man Stadtkindern von jetzt auf gleich Rohmilch verordnen, würde man ihnen nur schaden.

Es wird jedoch Zeit, von einem übertriebenen Hygienestandard wegzurücken. Beispielsweise führt das Beseitigen von Hausstaubmilben oder die Entfernung von Haustieren, die bereits vor der Geburt des Kindes in der Wohnung lebten, auch bei Risikokindern zu keiner Verminderung des Auftretens von Allergien und Neurodermits.

Kinder brauchen Kinder

Ekzeme finden sich in den alten Bundesländern häufiger als in den neuen, doch seit die Mauer gefallen ist, steigt die Zahl der Neurodermitiker und Allergiker in den neuen Ländern stetig an. Neben der Zunahme an Umweltschadstoffen sind auch die Abnahme von Infektionskrankheiten und die Zunahme von Stress als Ursache in der Diskussion.

So besagt die Infektionshypothese, dass dort, wo besonders viele Infektionskrankheiten vorkommen, nur wenig Allergien auftreten. Kinder, die in Horten aufwachsen oder die viele Geschwister haben, erkranken seltener an Allergien als Kinder mit weniger sozialen Kontakten. Hierzu passt auch die Sozialstatushypothese, die besagt, dass Ekzemerkrankungen häufig in Familien mit hohem sozialen Status zu finden sind.

Impfungen bleiben wichtig

Es sollte jedoch nicht der Fehler begangen werden, aus diesem Grund auf Impfungen zu verzichten. Beispielsweise entwickelt eines von 1000 Kindern mit Masern eine Hirnhautentzündung, die lebensgefährlich werden kann. Die Masernimpfung ist und bleibt daher genauso wichtig wie alle anderen Impfungen auch.

Genetische Ursachen

Die Gene spielen eine Rolle bei der Neigung (Disposition), eine Allergie zu entwickeln. Diese Neigung ist angeboren. Ob aber die Erkrankung zum Ausbruch kommt, hängt von vielen Umständen ab.

Wenn gesunde Eltern ein Kind bekommen, kann das Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von 5–15% eine Allergie entwickeln. Ist ein Elternteil erkrankt, so beträgt das Risiko 20–40%, bei zwei erkrankten Eltern steigt es auf 60% an.

Die Haut – das größte Sinnesorgan unseres Körpers

Die Haut ist unser größtes Sinnesorgan. Mit ihr grenzen wir uns ab und nehmen gleichzeitig Kontakt zu anderen auf. Der Tastsinn ermöglicht über die Mechanorezeptoren die Empfindung von Druck und Berührung. Der Temperatursinn warnt uns vor zu heißer oder zu kalter Umgebung, der Schmerzsinn bewahrt uns durch seine Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) vor Verletzungen. Die meisten Rezeptoren in der Haut sind Schmerzrezeptoren.

Horn, Leder, Fett

Die Haut setzt sich zusammen aus der Oberhaut mit der Hornschicht, der Lederhaut, die sämtliche Rezeptoren enthält und der Unterhaut, die mit ihren Fettzellen das Wasser speichert. Permanent geben Schweiß-, Duft- und Talgdrüsen aus der Lederhaut Sekrete ab, die die Haut befeuchten, schützen und Signale senden. Sind wir angespannt oder können wir jemanden “nicht riechen”, so kann der Schweiß innerhalb weniger Sekunden von Bakterien so zersetzt werden, dass er scheußliche Geruchsnoten annimmt.

Juckreiz entsteht

Bei Neurodermitis ist das Immunsystem aus dem Gleichgewicht geraten. Sogenannte T-Suppressorzellen sind fehlgesteuert. Sie sorgen normalerweise dafür, dass überschießende Entzündungsreaktionen gestoppt werden. Sind diese Zellen nicht aktiv, so können Entzündungen ihren freien Lauf nehmen.

Die IgE-Schwemme

Bei einer Allergie schwimmen viele Antikörper, sogenannte Immunglobuline E, im Blut. Sie sind häufig auch gegen völlig harmlose Stoffe wie Blütenpollen-Antigene gerichtet. Die Antikörper heften sich an Mastzellen an. Sobald sich Antigene und Antikörper verbinden, schütten die Mastzellen den Stoff Histamin aus. Er führt zu Juckreiz. Therapeutisch lassen sich hier Antihistaminika einsetzen, die den Juckreiz stillen. Häufig eingesetzte Antihistaminika in Tablettenform sind z. B. Terfenadin, Cetirizin oder Loratadin.

Diagnose Allergie

Eine Allergie wird meistens – genau wie die Neurodermitis – anhand des Erscheinungsbildes diagnostiziert: Juck- und Niesreiz, wässriges Nasensekret sowie Augentränen sind typische Zeichen einer Allergie. Da Neurodermitis und Allergien häufig zusammen auftreten, wird der Arzt vielleicht einen Prick-Test oder einen Epikutan-Test vornehmen. Hierbei werden allergieauslösende Stoffe in die Haut gekratzt bzw. auf die Haut geklebt. Dort, wo sich Bläschen und Rötungen bilden, besteht eine Allergie gegen diesen Stoff.

Auch kann der Arzt Blut abnehmen und die speziellen Antikörper im Blut erkennen (Radio-Allergo-Sorbent-Test, RAST). Manchmal sind diese Tests jedoch nicht sehr zuverlässig. Außerdem sollte man sich die Frage stellen, ob die Test-Ergebnisse Konsequenzen haben. Viele Stoffe lassen sich einfach nicht vermeiden.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Haupttherapie der Neurodermitis richtet sich meist auf die Hautpflege. Hier kommen Cremes und Salben zum Einsatz. Cremes sind hauptsächlich wasserhaltig, Salben größtenteils fetthaltig.

In der akuten, nässenden Phase der Neurodermitis sollten keine fettreichen Salben angewendet werden. Hilfreich kann hier jedoch ein “Wet wrap dressing” sein. Das sind feuchte Verbände, die über Stunden auf die mit Fett- oder Cortisonsalbe vorbehandelte Haut aufgelegt werden.

Reizwort Cortison

Cortison bildet meist immer noch die Grundlage der Behandlung. Die heutigen Cortisoncremes haben den Vorteil, dass sie die Haut kaum noch verdünnen, so wie es früher der Fall war. Sie werden noch in der Haut abgebaut und belasten den Organismus nicht. Zum Ende der Behandlung sollte das Cortison langsam reduziert und nicht plötzlich abgesetzt werden, da sonst die Hauterscheinungen sehr schnell wieder auftreten können.

Tacrolimus

Eine Alternative zum Cortison bildet Tacrolimus, ein Stoff, der aus dem Pilz Streptomyces tsukubaensis gewonnen wird. Diese Salbe verdünnt die Haut nicht, kann jedoch zu Hautreizungen führen und sollte nur wenige Wochen angewendet werden.

Eine weitere entzündungshemmende Alternative ist der Wirkstoff Bufexamab.

Cortisonfreie Behandlung

Für die Grundpflege eignen sich wirkstofffreie Cremes oder Cremes auf naturheilkundlicher Basis mit Wirkstoffen wie Aloe Vera, Nachtkerzensamenöl (Gamma-Linolensäure), Kieselsäure (Kieselerde, Algen) oder Harnstoff (Urea). Harnstoffpräparate sollten jedoch nicht bei nässenden Ekzemen und nicht bei kleinen Kindern angewendet werden.

Gegen den Juckreiz werden gerne – wie bei einer Allergie – Antihistaminika eingesetzt. Die Tabletten werden am besten abends eingenommen, da manche Antihistaminika leicht beruhigend wirken.

Die Ernährung

Bei Säuglingen gilt Stillen als der beste Schutz vor möglichen späteren atopischen Erkrankungen. Bei älteren Kindern sollte bedacht werden, dass exotische Früchte, die nicht in unseren Breiten wachsen und die unser Körper nicht kennt, Verwirrung im Abwehrsystem stiften können. Viele Neurodermitiker vertragen Orangen oder Mandarinen nicht so gut. Am geeignetsten ist eine natürliche, konservenfreie Ernährung mit herkömmlichen Lebensmitteln. Dazu gehört auch, die Margarine stehen zu lassen und zur guten alten Butter zurückzugreifen – sie ist für Allergiker weitaus verträglicher.

Wer einer Milcheiweiß-Unverträglichkeit mit Sojaprodukten begegnen will, fällt oft vom Regen in die Traufe. Denn viele, die Milcheiweiß schlecht vertragen, reagieren noch stärker auf Soja-Eiweiß.

Sogenannten Nahrungsmittelallergien liegt häufig nicht wirklich ein allergischer Mechanismus zugrunde. Meist handelt es sich um “Unverträglichkeiten”. Häufig kann man selbst den Zusammenhang zwischen bestimmten Lebensmitteln und einer Hautverschlechterung zurückverfolgen. Weitere strenge Diäten führen häufig nicht zur Besserung. Stattdessen kann eine ständige Nahrungsmittelkontrolle die seelische Anspannung verstärken, die sich wiederum negativ auf die Haut auswirkt. „So wenig Selbstkasteiung wie möglich“ lautet die Devise.

Nahrungsmittelprovokationstestung

Das einzig wissenschaftlich fundierte Verfahren, eine Nahrungsmittelallergie nachzuweisen, ist die Nahrungsmittelprovokationstestung nach einer Auslassdiät. Nach einigen Tagen Kartoffel-Reis- oder Reis-Broccoli-Diät werden im Abstand von zwei Tagen Nahrungsmittel in Kapselform zugeführt. Kommt es zu einer Hautreaktion, wird ein Placebo, also eine nahrungsmittelfreie Kapsel, gegeben. Verschwindet die Hautreaktion unter Placebogabe, wirkt das Nahrungsmittel tatsächlich hautverschlechternd und sollte gemieden werden.

Diese Suchdiät wird am besten in einer darauf spezialisierten Klinik durchgeführt. Adressen gibt es beim Deutschen Allergie- und Asthmabund, www.daab.de, und bei der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, www.derma.de.

Probiotika

Probiotika sind Bakterien (z. B. Lactobacillus) und Pilze, die als Nahrungsmittelzusätze die Darmflora positiv beeinflussen. Eine finnische Untersuchung konnte nachweisen, dass Kinder, die im ersten Lebenshalbjahr Lactobacillus erhalten, mit zwei Jahren seltener an einer Atopie erkranken als die Kinder, die kein Lactobacillus-Präparat erhalten. Bevor jedoch die Lactobacillus-Gabe allgemein empfohlen werden kann, sollten weitere Studien den Nutzen bekräftigen.

Das Schwelmer Modell

Die Therapie nach dem Schwelmer Modell, www.schwelmer-modell.de, ist für viele Patienten ein Erfolgsrezept. In Schwelm bei Wuppertal werden Erwachsene und Kinder mit Neurodermitis ambulant ganzheitlich behandelt. Die Therapie ist als Gruppentherapie angelegt, bei der sich die Betroffenen einmal pro Woche über ein Jahr lang treffen und intensiv beraten werden. Die Patienten lernen alles über Entspannungsverfahren, Suchdiäten oder den Zusammenhang zwischen Neurodermitis und Psyche.

Psychische Ursachen

Was war zuerst da – Henne oder Ei? Bedingt eine psychische Störung die Neurodermitis oder ist es umgekehrt? Dies wird immer wieder heiß diskutiert. Bis jetzt gibt es keine eindeutigen Studienergebnisse. Doch die Neurodermitis wird von vielen Ärzten als psychosomatische Erkrankung betrachtet (Holy Seven).

In einem Internetforum sagt ein Psychologe zur einer Mutter: “Die Probleme Ihres Sohnes sind seelische Folgen seiner Neurodermitis. Sie sollten nicht glauben, dass seine Krankheit seelisch verursacht ist oder durch Störungen in der Mutter-Kind-Beziehung ausgelöst wird.“

Solch eine Aussage entlastet natürlich zunächst. Doch was würde passieren, wenn ein Experte es einmal anders sieht? Dann könnte so manchem Mutter-Kind-Paar oder manchem Neurodermitiker wirklich geholfen werden. Eine psychologische Behandlung in Betracht zu ziehen, kann neue Möglichkeiten eröffnen. Informationen zu einer bifokalen Kurzzeitpsychotherapie für Mutter und Kleinkind finden Sie bei der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (VAKJP), www.vakjp.de.

Nicht vergessen sollten die Experten auch, dass Neurodermitis infolge seelischen, körperlichen oder sexuellen Missbrauchs auftreten kann.

Zuerst war da das Hautproblem

Hautprobleme ziehen nicht selten psychische Probleme nach sich. Neben den direkten Beschwerden wie Jucken, Schmerzen und Schlaflosigkeit, ist die ständige Auseinandersetzung mit dem unschönen Hautbild im Vergleich zur Idealvorstellung schwierig.
Kinder leiden unter ihrem Hautbild besonders, wenn sie von anderen Kindern darauf angesprochen werden. Bei Kindergeburtstagen sollte abgewogen werden, ob man vielleicht besser einmal den Orangensaft und den Schokoladenkuchen erlaubt, anstatt das Kind einmal mehr aus der Gemeinschaft mit den anderen auszuschließen.

Zuerst war da das seelische Problem

Die Haut ist die Grenze des Körpers, aber auch Kontaktorgan zum Nächsten. Beziehungsschwierigkeiten und Trennungsängste können eine Neurodermitis verschlimmern und manchmal auch auslösen. Es kann hilfreich sein, einmal zu schauen, was passiert ist, als der neue Schub kam: Stand ein Umzug an, war die Arbeitsstelle der Eltern in Gefahr, wurde ein Geschwisterchen geboren, gab es Partnerschaftsprobleme? Wer diesen Fragen nachgeht, der kann viel entdecken.

Links:

Arbeitskreis Psychosomatische Dermatologie
der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft
,
www.akpsychderm.de

Deutscher Allergie- und Asthmabund,
www.daab.de

Deutsche Gesellschaft für Psychotherapie, Psychoanalyse und Tiefenpsychologie (DGPT),
www.dgpt.de

Therapie nach dem Schwelmer Modell, www.schwelmer-modell.de

Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (VAKJP),
www.vakjp.de

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    Comments

    1. Hi Oscar,

      danke für Deinen Hinweis – wir haben auch unsere Erfahrungen mit der Neurodermitis auf unserer Seite gesammelt. Würde mich freuen, wenn ihr mal vorbeischaut:

      Neurodermitis Portal jucknix.de

      Lieben Gruß

      Geli

    2. Hallo zusammen,

      danke für den tollen Beitrag! Vor allem gefällt mir, dass ihr auch auf die Psyche eingegangen seid – die spielt nämlich eine wichtige wichtige Rolle! Wer mehr Infos braucht zu ND-betroffenen Babys, hab hier welche gefunden: Neurodermitis beim Baby. Drück euch allen die Daumen!! Probiert verschiedene Sachen aus bei jedem hilft was anderes!

      Lass euch liebe Grüße da,

      Geli

    3. Als von Neurodermitis selbst seit Säuglingsjahren Betroffener bin ich gerade dabei, ein Forum betreff. Neurodermitis aufzubauen, und könnte Hilfe und Erfahrungseinbringung gebrauchen.

      http://neurodermitis.aeko.at/

      Danke
      Oscar :)

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